REUTLINGEN. Die Stadt unter Achalm ist durchaus eine Kunststadt - nicht nur wegen HAP Grieshaber. Das Spendhaus mit seiner Holzschnitt-Sammlung oder auch die Stiftung für Konkrete Kunst machen Reutlingen zu einem national wie auch international anerkannten Anlaufpunkt. Weniger gut bestellt ist es - abgesehen von den historischen Monumenten - um die Kunst im öffentlichen Raum.
Das bedeutendste Zeugnis der Moderne steht vor dem Technikgebäude des ehemaligen Fernmeldeamts am östlichen Ortseingang von Reutlingen - Die »Wegzeichen« von O. H. Hajek. Vor 25 Jahren im Juli 1985 wurde das Kunstwerk seiner Bestimmung übergeben.
»Mit dem Neubau haben wir die Kunst am Bau aktiviert«
Dass das Reutlinger Fernmeldeamt - einst zuständig für das Telefongeschäft zwischen nördlichem Schwarzwald und Alb - mit einem derartigen Kunstwerk ausgestattet wurde, ist der Verdienst des damaligen Chefs Werner F. Petershans. Als Anfang der 80er-Jahre das Technikgebäude nicht mehr ausreichte und zwei Neubauten her mussten, drängte der kunstsinnige Amtsvorsteher darauf, dass die Verpflichtung, für zwei Prozent der Bausumme »Kunst am Bau« zu schaffen, in Reutlingen auch eingehalten wurde: »Mit dem Neubau haben wir die Kunst am Bau aktiviert.« Und da es sich um kein kleines Neubauvorhaben handelte, fiel genug ab, um den renommierten Stuttgarter Kunstprofessor verpflichten zu können.
Petershans ist heute noch sichtlich stolz auf den gelungenen Coup. Es habe anfangs etwas böses Blut gegeben, erzählt er, obwohl man die Belegschaft mit einer kleinen Ausstellung über das Werk Hajeks informiert und vorbereitet habe. Der Essenszuschuss von einer Mark sei damals gestrichen worden. »Aber für das (die Kunst) habt ihr Geld«, habe es dann geheißen. Letztlich hätten die Beschäftigten aber das Kunstwerk akzeptiert.
Und auch der damalige Oberbürgermeister Dr. Manfred Oechsle habe sehr freundlich reagiert, erzählt der gebürtige Fellbacher Petershans, der 1971 zum Fernmeldeamt nach Reutlingen kam. In einem Oechsle-Schreiben heißt es: »Ich bin überzeugt, dass mit dieser Arbeit unsere Stadt einmal mehr an einer wichtigen Stelle ein Gesicht bekommen hat.«
Das mit dem »Gesicht« lässt sich nachvollziehen, sind die »Wegzeichen« sicherlich das größte Kunstwerk im Außenbereich in der näheren und weiteren Umgebung. Hajek hat nämlich im Sinne der von ihm postulierten »Auseinandersetzung zwischen Farbe und Form« zwischen den beiden »verwinkelten« Plastiken, die im Abstand von rund 40 Metern stehen, die Fassade des Technikgebäudes in sein Kunstwerk einbezogen.
Auf ockerfarbigem Grund finden sich in geometrischem Muster die auch bei den Säulen verwendeten Farben Rot, Blau, Grün und Schwarz. Doch das ist noch nicht das ganze Raumkunstwerk. Auch die Pflasterung vor dem Haupteingang samt den Travertinpfosten sind eine Idee des Stuttgarter Künstlers. Die Formen an der Wand des Technikbaus werden in Naturstein auf dem Boden nachgezeichnet.
Und auch den Eingangsbereich samt Pforte hat der Stuttgarter Künstler zwei Jahre später umgestaltet. Auch dort finden sich seine Farben und Formen an den Wänden, die geometrischen Muster in der Decke. Die Farben wirken noch frisch wie erst gestern aufgetragen. An den Skulpturen draußen vor der Tür changiert Hajeks tiefes Schwarz nach der Beobachtung von Werner Petershans mittlerweile allerdings eher ins Blau-Schwarz - vermutlich bedingt durch Renovierungsarbeiten.
Aus der Privatisierung des Telefonwesens ging bekanntlich Anfang der 90er-Jahre die Telekom hervor. Sie betreibt weiterhin die Technikgebäude in Reutlingen. Ein Service-Stützpunkt ist dort untergebracht. Das Verwaltungsgebäude, das elfstöckige Hochhaus, ist allerdings verkauft und mittlerweile vollkommen von der Telekom geräumt. Das Immobilienmanagement der Strabag - des großen europäischen Baukonzerns - bietet per Transparent die Räume zur Miete an. Eine Nachfrage bei der »CorpusSireo«, dem Eigentümervertreter, was mit dem Gebäude künftig geschieht, erbrachte gestern keine Antwort. (GEA)
Kunst am Bau: Eine Verpflichtung des Staats
Bis zu zwei Prozent der Baukosten sollen dafür eingesetzt werden
Mit Kunst am Bau wird eine Verpflichtung insbesondere des Staats als Bauherr verstanden, aus seinem baukulturellen Anspruch heraus einen gewissen Anteil - meist um ein bis zwei Prozent - der Baukosten öffentlicher Bauten für Kunstwerke zu verwenden.
Diese Verpflichtung ist beim Bund und den Ländern in den entsprechenden Regelungen festgeschrieben. Einige Städte wie beispeilsweise München oder Dresden haben diese Verpflichtung auf kommunaler Ebene übernommen.
Nachdem Bundesunternehmen wie Bahn, Post oder Telekom aber auch die Arbeitsverwaltung privatisiert wurden, unterliegen sie nicht mehr dieser Verpflichtung. Und da der Staat fast keine neuen Gebäude mehr baut, sondern meist nur noch renoviert, ist die öffentlich geförderte Kunst am Bau so gut wie eingestellt.
Unabhängig von der öffentlichen Zielsetzung fühlen sich jedoch auch manche private Bauherren der Kunst am Bau verpflichtet und realisieren entsprechende Projekte in und an ihren Verwaltungsbauten.
Der Künstler Hajek
Otto Herbert Hajek wurde am 27. Juni 1927 in Kaltenbach, Tschechoslowakei geboren und starb am 29. April 2005 in Stuttgart. Von 1947 bis 1954 studierte er Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und lehrte später dort als Professor. In den 60er-Jahren entwickelte Hajek ein Gesamtwerk, dessen Formensprache in der Tradition des Konstruktivismus steht. Grundthema seines künstlerischen Schaffens ist das Motto "Kunst stiftet Gemeinschaft". Seine Arbeiten sind auf den Raum und die Architektur bezogen, sie sind "zeichen am Wege" oder "Stadtzeichen".