Faire Woche - Start am Montag vor dem Brandenburger Tor in Berlin und dann: Kochen mit Simon Tress
Gegen den Mangel im Überfluss
Von Ingeborg Kunze
REUTLINGEN/HAYINGEN. Mango ist Sommer. Schmeckt wie Sommer. Kommt von dort in der Welt, wo immer Sommer ist. Ein Stück Mangosaft, mit Apfel zur Fruchtgelee-Konsistenz eingekocht, ist mit königsblauer Borretschblüte der Auge und Gaumen reizende Appetitmacher auf dem Vorspeisenteller mit Ziegenkäsenougat und Ragout von Tomate, Salbei und Lauch, den Simon Tress am Montag um 12 Uhr mittags vor dem Brandenburger Tor in Berlin zum Einstieg in die Faire Woche offeriert.
Simon Tress und Claudia Klatt mit der Vorspeise aus fair gehandelten Produkten: Ziegenkäse-Nougat mit Mango, die er zum Auftakt der Fairen Woche in Berlin präsentiert. GEA-FOTO
Seite an Seite mit Dr. Elvira Schmieg, die den Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel vertritt, macht der 26-jährige Spitzenkoch vom Biohotel-Restaurant »Rose« in Hayingen-Ehestetten den Start in die bundesweite Aktionswoche zum Fairen Handel mit weit mehr als tausend Veranstaltungen.
»Kochfairgnügen«
Reutlingen mischt mit vom 13. bis zum 24. September: Die Volkshochschule Reutlingen arrangiert am Donnerstag, 16. September, von 11 bis 14.45 Uhr in ihrer Lehrküche in der Gartentorschule das »Kochfairgnügen« mit Simon Tress, der zusammen mit Claudia Klatt vom Reutlinger Weltladen mit fair gehandelten Produkten agiert.
Vom Weltladen-Dachverband gibt es zur Fairen Woche ein Rezeptheft mit dem Drei-Gänge-Menü von Simon Tress für die breite Öffentlichkeit, überall zu bekommen in Weltläden und bei Aktionsgruppen.
Genau dieses Menü setzt der Koch-Könner von der Schwäbischen Alb im Reutlinger VHS-Kurs um: mit Ziegenkäsenougat auf Zucchini mit eingekochter Mangosauce vorab, dann als Hauptgericht Schwein in Kokos-Ingwer-Sud mit Quinoa-Blinis, Butterpilzen und Wok-Gemüse, als Nachspeise Basmati-Reis à la crème mit Vanille, Honig-Balsam, Cashewkernen und gefüllter Schokolade.
Das Bundesministerium für Entwicklungs-Zusammenarbeit und der Reutlinger Weltladen unterstützen die Kochkurse von Tress. Nach dem Reutlinger VHS-Kurs am 16. September steigert er das »Kochfairgnügen« am Abend in Ehestetten zusammen mit Claudia Klatt zum Heimspiel: In der Biomanufaktur »Rose« lädt er zur Produktion eines Vier-Gänge-Menüs aus öko-fairen Produkten, das dann gemeinsam verspeist wird.
Die Idee des Tübingers
Der Erlös dieser Veranstaltungen fließt in das Kochherd-Projekt von »Pidecafé«, ein Fairtrade-Projekt des Tübinger Diplom-Biologen und Entwicklungshelfers Dr. Rudolf Schwarz, das von zahlreichen Weltläden und Aktionsgruppen in ganz Baden-Württemberg unterstützt wird.
Was es mit dem allem auf sich hat, erfahren alle, die es wissen wollen, in zwei weiteren gehaltvollen Veranstaltungen der Volkshochschule Reutlingen.
So soll zum Beginn der »Fairen Woche«, am Montag, 13. September, 19 Uhr, im Haus der Volkshochschule (Saal) der Spagat gewagt werden zwischen harten Fakten zur Welternährung und kulinarisch fairem Genuss mit spielerischem Einstieg, einem Vortrag mit Diskussion, einer Ausstellung mit Quiz und einem interkulturellen Buffet mit öko-fairen Produkten.
Rainer Schwarzmeier, Anta Iguila Vollmer und Linda Rädler vom Entwicklungspädagogischen Zentrum (EPIZ) sind die Vermittler bei diesem Kurs mit dem Titel »So kocht die Welt«. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung ist danach noch zwei Wochen lang im Foyer des Reutlinger VHS-Hauses zu sehen.
Den kritischen Blick auf Warenströme und Geldflüsse öffnet mit seinem Film über den Mangel im Überfluss Erich Wagenhofer am Montag, 20. September, im Haus der Volkshochschule Reutlingen. »We feed the world« ist der Titel, unter dem er Vielschichtiges sichtbar macht: Ernährung und Globalisierung, Fischer und Bauern, Fernfahrer und Konzernlenker. Auch hier ist der Eintritt frei.
Kaffee, das »Lieblingsgetränk der Deutschen«. In die Tiefe gehen Dr. Rudolf Schwarz und Andrés Inostroza Piedra bei einem Seminar am »Tag des Kaffees«, am Freitag, 24. September, 18.30 bis 21.30 Uhr im Weltladen am Weibermarkt bei der Reutlinger Marienkirche. Sie informieren über Anbau und Verarbeitung, über positive Auswirkungen des fairen Handels für Kaffee-Kleinbauernfamilien, auch über den richtigen Umgang mit Kaffee und Kaffeemaschinen. Dazu gehören Kostproben aus verschiedenen Anbaugebieten und in unterschiedlichen Zubereitungen.
Herde für Kleinbauern
Schwarz, der Tübinger Diplom-Biologe, aufgewachsen in Bad Urach, hat 1992 zusammen mit peruanischen Agraringenieuren in Piura in Nordperu »Pidecafé« gegründet mit dem Ziel, die Landflucht der Kaffeebauern zu verhindern. Eine Erfolgsgeschichte.
Das Fair-Trade-Unternehmen expandiert, hat sich ständig professionalisiert und die Qualität gesteigert. Achttausend Bauernfamilien, auch im Amazonasgebiet, sind jetzt dabei. Ziel ist es, den Fairhandels-Anteil noch mehr zu erhöhen, weitere Bauernfamilien einzubeziehen, die Infrastruktur für sie zu verbessern mit Gesundheitsposten, Schulen, Gemeinschaftsräumen, Gemüsegärten der Mütterclubs, Schulbibliotheken und dem »Kochherdprojekt«.
Für dieses Projekt ist auch Simon Tress aktiv. Mit den Kochkursen in Reutlingen und Ehestetten will er 15 Herdplatten - Gesamtkosten 1 500 Euro - mitfinanzieren für die Verbesserung der Lebensbedingungen peruanischer Kaffee-Kleinbauernfamilien.
Aktionen in Tübingen
Auch Tübingen beteiligt sich vom 20. bis 26. September an der Fairen Woche. Im Programm sind Verkostungen, Vorträge und eine Ausstellung. Noch in diesem Jahr strebt Tübingen den Titel Fair-Trade-Stadt an.
Zu diesem Zweck hat sich eine Steuerungsgruppe gebildet, in der neben der Stadtverwaltung auch Mitglieder des Jugendgemeinderats, des Aktionszentrums Arme Welt, der Kirchen und des Handels mitarbeiten. (GEA)