Podium - Experten diskutieren in der Volkshochschule Formen der Erinnerung an die NS-Zeit und ihre Opfer

Gegen das Verblassen

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

REUTLINGEN. Es wird nie müßig sein, an die gigantischen, staatlicherseits wie individuell begangenen Verbrechen der NS-Zeit und ihre Opfer zu erinnern. Darin waren sich die Diskutanten auf dem Podium und aus der Zuhörerschaft am Freitag einig. Auch, dass Erinnerungskultur stets lebendig gehalten werden muss, sich nicht in den immer gleichen Ritualen erschöpfen darf.

Formen des Gedenkens, des Wachhaltens, des Erinnerns sollten von jeder Generation von Neuem und möglichst vor Ort gefunden werden, meinte Dr. Johannes Großmann, Juniorprofessor für Zeitgeschichte an der Universität Tübingen. Dort, wo Menschen durch Menschen Unrecht geschehen ist. Wo gesellschaftliche Umstände mit dazu beitrugen, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Kleinen wie im Großen erst möglich wurden, auch weil Mitbürger zusahen, grausame Realitäten ausblendeten oder verdrängten, sagte er in der Expertenrunde, die der Reutlinger Geschichtsverein anlässlich des 75. Jahrestags der Reichspogromnacht im gut gefüllten Saal der Volkshochschule versammelt hatte.

»Als ich in Grafeneck anfing, waren es 30 Besuchergruppen pro Jahr. Heute kommen 500« §§ »Als ich Mitte der Neunzigerjahre in Grafeneck anfing, kamen ungefähr 30 Besuchergruppen im Jahr. Heute kommen fast 500 Besuchergruppen«, sagte Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, auf die Frage von GEA-Politikredakteur und Moderator Roland Bengel hin, ob es denn ein echtes Bedürfnis nach Erinnerung gebe.

Diese erfreuliche Entwicklung sei nicht allein auf Grafeneck beschränkt, wo erinnert, geforscht und dokumentiert werde sowie Bildungsarbeit stattfinde. Aus 17 Gedenkstätten in den Neunzigern im Landesverband Baden-Württemberg seien mittlerweile knapp 70 geworden, besucht von rund einer halben Million Menschen pro Jahr, so Stöckle.

In Grafeneck begann im Jahr 1940 die sogenannte Aktion »T4«. In einem Jahr wurden dort unter nationalsozialistischer Herrschaft 10 654 Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ermordet.

Der Tübinger Kreisarchivar Dr. Wolfgang Sannwald berichtete vom Projekt »Jugendguides«, das im Kreis Tübingen pilot- und modellartig entwickelt wurde und mittlerweile bundesweit auf großes Interesse stößt. Darin können sich Jugendliche und junge Erwachsene, die an NS-Verbrechen in der Region erinnern wollen, zu Jugendguides ausbilden lassen.

Hoch motivierte junge Leute machten sich da ans Werk, sagte Sannwald. Längst nicht alle Bewerbungen habe man berücksichtigen können. Die Multiplikatoren seien unter anderem in der Reihe »Kennen Sie Tübingen?« mit einer großen Zahl Interessierter zum Einsatz gekommen.

§§ »Hoch motivierte junge Leute machen sich da ans Werk«
 
Reutlingens Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele deutete an, dass er in den Jugendguides auch ein Modell für die Echazstadt sieht. Er erinnerte daran, dass Reutlingen alle drei Jahre seine ehemaligen jüdischen Mitbürger einlädt. Dabei fänden meist auch Begegnungen mit Jugendlichen statt.

Mit dem seit 1999 in der Marienkirche ausliegenden Gedenkbuch für die Opfer der Gewaltherrschaft 1933 bis 1945 und die Toten des Zweiten Weltkrieges trage man dem Bedürfnis nach namentlichem Gedenken Rechnung.

Gegen sogenannte Stolpersteine, also Gedenktafeln, die an das Schicksal von Menschen erinnern, die in der NS-Zeit ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden, meldete Kulturamtsleiter Ströbele Bedenken an. Ihn störe, ließ er wissen, dass Menschen die Tafeln zwangsläufig mit Füßen treten, da diese (in Stuttgart und vielen anderen Städten, Anmerkung der Redaktion) im Boden eingelassen sind. Außerdem sei diese Art des Erinnerns doch recht oberflächlich, meinte Ströbele. Insbesondere aus den Reihen der Frauengeschichtswerkstatt war zuletzt immer wieder, so auch beim Podium, der Ruf nach Reutlinger Stolpersteinen zu hören. (GEA)



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