Pogromnacht - Gedenken in der Marienkirche. Schüler erinnern an den Leidensweg der jüdischen Familie Maier

Gedenken an den Holocaust: Zwischen Hoffen und Bangen

VON JÜRGEN SIMON

REUTLINGEN. »Die heutige Gedenkstunde zeigt: das Gemeinwesen steht zusammen gegen Rassismus und Antisemitismus.« Mit diesen Worten begrüßte Martin Burgenmeister vom Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) die Vertreterinnen aus Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik sowie mehr als 250 Teilnehmende in der Marienkirche. Sie trafen sich am Donnerstagabend zum Gedenken an die Pogrome gegen die jüdischen Bürger Reutlingens.

An der Gedenktafel am Heimatmuseum wurden Kerzen entzündet und Gebete gesprochen. FOTO: PIETH
An der Gedenktafel am Heimatmuseum wurden Kerzen entzündet und Gebete gesprochen. FOTO: PIETH

Unterstützung von Historikern

Im Mittelpunkt stand in diesem Jahr das Schicksal der Familie Maier. Bea Maier, eine Frau aus dem Reutlinger Bürgertum, hatte ihre beiden Kinder Hannelore und Gerhard nach England verschickt, nachdem ihr Mann Adolf sich das Leben genommen hatte. Er war als Selbstständiger durch die Boykottaufrufe der örtlichen NSDAP in den wirtschaftlichen Ruin getrieben worden.

Ihren Kindern versucht Bea Maier möglichst lange Normalität vorzuspielen, wie aus den Briefen hervorgeht, die sie ihnen nach England schreibt. Aus diesen Briefen, die dem Reutlinger Stadtarchiv vor einigen Jahren überlassen wurden, zitierten Schüler des HAP-Grieshaber-Gymnasiums, die zusammen mit ihren Lehrkräften die Gedenkstunde vorbereitet hatten.

Einige Fotos, Briefe und Postkarten von Bea Maier waren in Beamer-Projektion auf Großleinwand zu sehen. Sie sind Zeugnisse ihrer letzten Lebensjahre und zugleich Zeitdokumente. Erst nach ihrer Deportation in ein Sammellager in Marseille gibt sie auch gegenüber ihren Kindern zu erkennen, dass es keine Normalität mehr gibt. Im Oktober 1940 schreibt Bea Maier: »Die Lage zu beschreiben fehlen mir die Worte.«

Unterstützt bei der Sichtung der Originale wurden die Schülerinnen und Schüler der Kursstufe durch den Historiker Wilhelm Borth, der bereits 2010 die Briefe ausgewertet hatte, und Stadtarchivar Roland Deigendesch.

Lichterzug zur Gedenktafel

Musikalisch gestalteten Julia und Maria Lerner von der jüdischen Gemeinde, der Musik-K2-Kurs des HAP-Grieshaber-Gymnasiums und Marienkirchen-Organist Torsten Wille das Gedenken. Von der Marienkirche aus zogen die Teilnehmenden zum Abschluss in einem Lichterzug zur Gedenktafel für die ermordeten Reutlinger Juden am Heimatmuseum. Dort wurden Gebete zum Totengedenken von Josef Rothschild von der jüdischen Gemeinde gesprochen sowie Kerzen und Blumen niedergelegt. (GEA)

Gedenken an die Opfer des Holocaust

In der Nacht auf den 10. November 1938 brannten durch gezielte Aktionen in Deutschland Synagogen, jüdische Läden und Wohnhäuser. Am 10. November begann mit der Verhaftung von 30 000 Bürgern jüdischen Glaubens die Vernichtungsaktion des Holocaust. Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Reutlingen ruft jährlich zur Gedenkstunde am 9. November auf. Die jüdische Gemeinschaft in Reutlingen und die Stadt sind im neuen Jahrhundert als Mitveranstalter hinzugekommen. (eg)

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