GEA Energiewochen: Welches Auto darf's denn heute sein?
REUTLINGEN. Es muss nicht immer ein eigenes Auto sein. Auch Car-Sharing gewährleistet Mobilität. Die Vorteile sind vielfältig: Der Teil-Autofahrer muss sich nicht um Wartung und Pflege eines Wagens kümmern, er kann sich ein für die jeweilige Situation passendendes Fahrzeug aussuchen. 1 200 Tübinger nutzen derzeit 50 Autos. In Reutlingen, Pfullingen und Eningen ist die Zahl noch überschaubar: 130 Nutzer teilen sich hier neun Autos.
Rot sind die Autos, grüne Nadeln die Nutzer: Als Nächstes sollen in Betzingen neue Teil-Auto-Kunden geworben werden, damit die Gemeinde ihren eigenen Wagen bekommt. Bislang steht der Nächste im Parkhaus Bantlin-Straße.
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»Unser Spitzenreiter wurde im September 390 Stunden gebucht«, erklärt Thomas Graser stolz. Da der September 720 Stunden hatte, macht das eine Nutzungsrate des Teil-Autos von satten 54 Prozent. Den Vergleich zum Privatwagen hat das Vorstandsmitglied von Car-Sharing Reutlingen auch parat: »In Deutschland wird ein Auto durchschnittlich zwei Stunden am Tag gefahren, die restlichen 22 Stunden steht es.«
Car-Sharing boomt: Nutzten Anfang 2007 noch 95 000 Kunden ein Teil-Auto, waren es am 1. Januar 2008 schon 116 000 Nutzer. Diese Steigerung um 22 Prozent oder 21 000 Nutzer begeistert nicht nur den Bundesverband Car-Sharing, sie nützt auch dem Klima. Denn sie ging einher mit einem Wachstum des bundesweiten Fuhrparks um 10 Prozent, von 2 900 auf 3 200 Teil-Autos. Damit wird klar, worin der Hauptnutzen fürs Klima beim Car-Sharing besteht: Weniger Autos werden effektiver genutzt.
Gewicht frisst Spritspareffekt
Bei allen Bemühungen in der Bundesrepublik, den Kohlendioxid-Ausstoß zu verringern, macht der Straßenverkehr keine gute Figur: Was bei der Entwicklung von neuen Typen an Verbrauchseinsparungen erreicht wird, fressen höhere Fahrzeuggewichte und Motorleistung zum großen Teil wieder auf. Lag der durchschnittliche Kohlendioxid-Ausstoß von Neuwagen im Jahr 1998 bei 188,6 Gramm pro Kilometer, war er 2006 gerade mal auf 172,5 Gramm gesenkt worden.
»Teil-Autos werden umweltfreundlicher genutzt«, erklärt Richard Martini vom Reutlinger Car-Sharing und fängt, unterstützt von seinen Vorstandskollegen, an aufzuzählen: Die Kundenwahl fällt aus Kostengründen überwiegend auf kleine und sparsame Autos, die Kombis und Vans werden seltener und gezielt für größere Reisen oder Familienausflüge gebucht. Die Car-Sharing-Anbieter wiederum bemühen sich um möglichst verbrauchsarme Autos.
Das transparente Tarifsystem lässt zu, die Kosten für eine Fahrt problemlos im Voraus zu berechnen. »Wenn die Hausfrau weiß, die Fahrt zum Markt kostet mich fünf Euro, dann überlegt sie schon, ob sie die nicht besser sparen kann«, nennt Markus Schwegler, der Dritte im Reutlinger Vorstandskreis, ein Beispiel.
Also kommen öffentliche Verkehrssysteme und das Fahrrad öfter zum Einsatz, als wenn der eigene Wagen vor der Tür steht und zur raschen Spritztour verleitet. »Teil-Auto-Fahrer gehen viel bewusster mit dem Auto um«, resümiert Uta Kurz.
Die Geschäftsführerin von Teil-Auto Tübingen komplettiert die Gesprächsrunde, sie ist seit der Kooperation der Reutlinger und Tübinger Car-Sharing-Organisationen ab Anfang Oktober auch für die Wagenflotte im Echaztal zuständig (siehe Artikel unten). Mit den Tübinger Erfahrungen kann Kurz plastische Bilder für weitere Spareffekte liefern: »In der Südstadt braucht die Stadt dank 800 Teil-Auto-Fahrern 1,5 Kilometer Stellplätze nicht vorzuhalten.« Denn die 800 kosten- und klimabewussten Südstädtler stehen erfahrungsgemäß für 400 Autos, die nicht gekauft worden sind. »Etwa die Hälfte der Car-Sharing-Nutzer verzichtet aufs eigene Auto oder den Zweitwagen.«
1 200 Tübinger nutzen die 50 Wagen. Vier Autos in Rottenburg sowie drei in Kilchberg, Hirschau und Unterjesingen erhöhen die Auslastung der gesamten Fahrzeugflotte auf 27 Fahrer pro Auto. In Reutlingen, Pfullingen und Eningen werden die vorhandenen neun Autos von 130 Nutzern gefahren.
Car-Sharing kommt nicht nur bei Privatkunden gut an: Immer mehr Gewerbetreibende wie beispielsweise ein Reutlinger Ingenieur-Büro decken Bedarfsspitzen mit Teil-Autos ab. In Reutlingen greift die Stadtverwaltung auf einen Wagen zu. »Der gehört zu den Bestgenutzten, wird er abends doch noch von Privatleuten gebucht«, sagt Graser.
Bei den Tübingern gehört das bischöfliche Ordinariat in Rottenburg genauso zur Kundschaft wie ein Pizza-Service, der seine Leute bei extrem schlechtem Wetter nicht mit den Rollern losschicken will. Der neu angeschaffte Neun-Sitzer-Bus wird künftig von der Pestalozzi-Schule abonniert für dreimal wöchentlich zwei Stunden. »Damit umgehen die es, für den alten Bus, den sie jetzt ausmustern, einen neuen anzuschaffen«, erklärt Kurz.
Teil-Autofahrer können rechnen
Die typische Teil-Auto-Klientel sei gut gebildet und verdiene nicht schlecht. Sie kann rechnen und schätzt ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, weiß die Geschäftsführerin. »Man muss sich ja darauf verlassen können, dass das Auto pünktlich zurückgestellt wird und nicht vermüllt ist.« Interessanterweise seien viele Ärzte unter der Kundschaft, die von Berufs wegen Teamarbeit und gute Selbstorganisation gewohnt sind. Man muss schon eine gewisse Affinität zur Idee haben, etwas zu nutzen, ohne es zu besitzen, ergänzt Martini.
Den Gewinn für den Verlust des Statussymbols Auto vor der Haustür beziffern die Car-Sharing-Spezialisten auf rund 400 Euro im Monat, der für den Unterhalt eines Mittelklassewagens schnell zusammen komme: für Versicherung, Reparaturen und Verbrauch. »Da kann ich mir überlegen, ob ich mit dem Geld nicht auch etwas anderes anfangen kann.« Das Car-Sharing lohne sich für alle, die weniger als 10 000 Kilometer pro Jahr fahren. (GEA)