Soziales - Der erste Werkstättentag Baden-Württemberg ist zwei Tage in der Stadthalle zu Gast. Programm für alle

Ganz einfach einzigartig

VON REBEKKA EYRICH

REUTLINGEN. Dass der Werkstättentag Baden-Württemberg auf so große Resonanz stoßen würde, hatte Gerhard Droste, stellvertretender Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Baden-Württemberg (LAG), nicht erwartet. Gut 1 000 Anmeldungen gab es im Vorfeld zu der Veranstaltung, die gestern und heute in der Reutlinger Stadthalle über die Bühne geht. »Wir mussten sogar über 100 Anmeldungen abweisen, weil wir ausgebucht waren«, berichtet Droste.

»Vielleicht sollte man darüber nachdenken, die Ausgleichsabgabe zu erhöhen«
 
Das Besondere und vielleicht auch deutschlandweit Einzigartige an diesem Werkstättentag, sind die Teilnehmer. Etwa zwei Drittel sind Menschen mit Behinderung. Oftmals seien solche Tagungen an Fachleute gerichtet, wo Menschen ohne Behinderung über Menschen mit Behinderung sprechen. Das ist seit gestern anders. Das liegt daran, dass der Werkstattrat, sozusagen der Betriebsrat für Menschen mit Behinderung in den Werkstätten, an der Vorbereitung und Ausrichtung dieses Events beteiligt ist.

Und das spiegelt sich nicht nur im Motto der Veranstaltung »überall und irgendwo – inklusiv arbeiten« wider, sondern auch bei der Organisation und beim Programm: Zum Auftakt heizte eine Trommlergruppe ordentlich ein – allesamt, bis auf den Leiter, Menschen mit Behinderung. Die Begrüßung übernahmen Hans-Joachim Ruschke, Vorsitzender der LAG Werkstatträte Baden-Württemberg und Egon Streicher, Vorsitzender der LAG Baden-Württemberg. Das Catering wurde ebenfalls von Menschen mit und ohne Behinderung gestemmt. Und auch das Programm am Nachmittag war das, was die Organisatoren in die Gesellschaft ausstrahlen wollen: Dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen leben und arbeiten können.

Das heißt, dass es immer nachmittags Angebote gibt, die für alle geeignet sind: Die Teilnehmer können filzen und Modeschmuck herstellen, Berichte von Menschen, die in einer Behinderten-Werkstatt arbeiten, anhören oder zum Fachvortrag über Grenzen arbeitsdiagnostischer Testverfahren gehen.

Doch bevor es in die Workshops ging, begrüßte Verwaltungsbürgermeister Robert Hahn die Besucher. Er stellte fest, dass das ehemalige Bruderhaus-Gelände, wo einst Gustav Werner wirkte, seinen Worten nach ein Pionier für inklusives Arbeiten, wohl der passendste Ort für diesen Tag sei. Dann stellten sich Gerd Weimer, Beauftragter der Landesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung in Baden-Württemberg, Markus Nawroth von der Industrie- und Handelskammer Reutlingen und Roland Weber, ehemaliges Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung der Werkstatträte den Fragen von Betreuern und Betroffenen. Per Videobotschaft wurde zum Beispiel die Frage gestellt, ob Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Zukunft überhaupt noch Bestand haben. Oftmals entstünde der Eindruck, alle Menschen müssten auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt beschäftigt sein.

Für Weimer, Nawroth und Weber ist klar, dass es auch in Zukunft solche Werkstätten geben muss. »Es sollte so viel Werkstätten wie nötig und so viel Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt wie möglich geben«, sagte Weimer. Weber erläuterte, dass für manche auch der geschützte Rahmen einer Werkstatt nötig sei. Und Nawroth betonte, dass es regionale Unternehmen gebe, die ohne die Arbeit der Werkstätten gar nicht mehr produzieren könnten.

Weimer appellierte trotzdem an die Unternehmen, Menschen mit Handicap eine Chance zu geben. Über die Hälfte der Firmen in Baden-Württemberg bezahlten lieber die Ausgleichsabgabe von 2 100 Euro im Jahr, als einem Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz zu geben. »Vielleicht sollte man darüber nachdenken die Ausgleichsabgabe zu erhöhen«, sagte Weimer.

Heute gibt es mit Landesfinanzminister Nils Schmid ein politisches Frühstück. Dann geht es mit Workshops weiter. Mehr Infos im Internet. (GEA)

www.werkstaettentag-bw.de



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