GEA-SERIE - Familie Eisenhardt fastete mit »Hartz IV«. Ute M. und ihr Sohn sind eine echte Bedarfsgemeinschaft
Für vier Wochen - oder immer
Von Elke Schäle-Schmitt
REUTLINGEN. Unbedarft sind die Eisenhardts nicht in die Fastenaktion des Diakonieverbands eingestiegen. Da Gabriele Blum-Eisenhardt und ihr Mann Andreas in Sozialberufen arbeiten, hatten sie schon vorher Ahnung von den Lebensumständen von Fürsorgeempfängern. Und doch ist es etwas anderes, diese Umstände am eigenen Leib zu erfahren, selbst wenn sie nur die Ernährung betreffen.
Zusammen was trinken gehen? Für Ute M. und Tina S. ist das nicht drin. Sie trinken ihre Apfelsaftschorle zu Hause.
FOTO: Elke Schäle-Schmitt
»Man denkt, mit 148,80 Euro pro Woche fünf Personen satt zu bekommen, das müsste zu schaffen sein«, erklärt Andreas Eisenhardt. Nach den vier Wochen weiß er, dass es tatsächlich irgendwie geht. »Aber ich weiß jetzt auch, wie es sich anfühlt, wenn es immer nur ganz knapp reicht.« Aufschlussreich sei das gewesen, auch für die drei Kinder, erzählt Gabriele Eisenhardt. »Mir selbst ist noch viel bewusster geworden, wie wichtig mir die Einbettung in Familie und Freundeskreis ist und wie schwer es Hartz-IV-Empfänger diesbezüglich haben.«
Wer auf jeden Cent schauen muss, hat keinerlei Gestaltungsmöglichkeiten, so Andreas Eisenhardt. »Und er vereinsamt«, ergänzt seine Frau. Letzten Samstag kehrten die Eisenhardts in ihr gewohntes Leben zurück - und gingen erst mal groß einkaufen, denn die Vorräte waren aufgebraucht.
Das ist das eigentlich Schlimme - wenn Leute voll arbeiten und das trotzdem nicht reicht«
Wird jetzt alles wie vorher, oder hat die Fastenaktion außer leeren Schubladen noch weitere Spuren hinterlassen? »Eine andere Sensibilität«, meint Gabriele Eisenhardt nachdenklich, »vor allem mehr Verständnis dafür, dass Konsumgüter einen so hohen Stellenwert haben für Menschen, die sie sich nicht leisten können.« Es ist eben ein Unterschied, ob man sich hie und da bewusst gegen Konsum entscheidet oder von vornherein davon ausgeschlossen ist.
Durch Kollegen, die in der Einzelfallhilfe arbeiten, weiß die Sozialpädagogin, dass dort immer häufiger auch Leute um Unterstützung bitten, die einen Job haben. 2 021 Personen waren im vergangenen Oktober im Landkreis Reutlingen als sogenannte Aufstocker registriert, bezogen Hartz IV also zusätzlich zum Arbeitslohn.
Auch Ute M.s* großer Sohn Jan* kann von seinem Lohn als Zimmermannsgeselle zwar sich selbst, aber wohl kaum je eine Familie unterhalten. »Das ist das eigentlich Schlimme«, sagt Ute M. - »wenn Leute voll arbeiten und das Geld trotzdem nicht reicht.«
Ihre Nachbarin Tina S.* gehört zum Kreis derer, die Arbeitslosengeld II ergänzend zum Lohn erhalten. Anders als Ute M., die in jungen Jahren ihre Lehre abbrach, um zu heiraten, hat Tina S. eine Ausbildung als Hauswirtschafterin abgeschlossen und bis zur Geburt von Tochter Sabrina* als Kantinenleiterin gearbeitet. Als sie nach dem Erziehungsurlaub an ihren Arbeitsplatz zurückkehren wollte, hatte der Arbeitgeber die Kantine geschlossen.
Als Alleinerziehende mit Kleinkind eine andere Stelle finden? Unmöglich. Tina S. und die heute vierzehnjährige Sabrina waren auf Sozialhilfe angewiesen, phasenweise hatte sie zusätzlich einen Minijob. Im vergangenen Jahr absolvierte Tina S. einen Pflegekurs, den sie als Betreuungsassistentin abschloss. »Das war super«, erzählt sie begeistert. »Jeden Morgen aus dem Haus und mit anderen zusammen etwas lernen.«
»Sabrina ist eine Brave. Die treibt sich nicht herum«
Als der Kurs endete, fiel sie erst einmal in ein tiefes Loch, dann hatten ihre Bewerbungen Erfolg: Seit Mitte Februar hat Tina S. eine 50-Prozent-Stelle. Die Arbeit macht ihr Spaß, obwohl sie anstrengend ist. »Ich wusste gar nicht, dass ich so viele Muskeln habe, wie mir jetzt abends weh tun«, sagt sie lächelnd. Arbeitsschuhe wären gut für die schmerzenden Füße, aber die kann sie sich nicht leisten. Nach den Berechnungen des Jobcenters bleiben ihr unterm Strich 200 Euro mehr als vorher, als sie nur Hartz IV bekam. Doch bislang hat sie noch keinen Lohn gesehen. Das habe für die Februar-Abrechnung nicht mehr gereicht, hat man ihr gesagt.
So hat Tina S. im März notgedrungen auf die Monatskarte für den Stadtbus verzichtet und geht jetzt zu Fuß zur Arbeit. »Die 44 Euro für die Fahrkarte fehlen mir sonst.« Gut wäre auch, wenn sie sich mehr Kleidung zum Wechseln leisten könnte. »Kittel stellt der Arbeitgeber, aber ich kann da doch nicht ständig mit der gleichen Jeans hingehen«, meint sie.
Das alles sind jedoch kleine Probleme. Die großen Sorgen bereitet Sabrina ihrer Mutter. Die Vierzehnjährige hat Schwierigkeiten in der Schule, seit Anfang des Jahres verweigert sie den Schulbesuch völlig. Von den Lehrern fühlt sich Tina S. nicht ernst genommmen: »Als Alleinerziehende und mit unserer Adresse, da wird man gleich in eine Schublade gesteckt.«
Seit acht Wochen steht Sabrina auf der Warteliste des Schulverweigerungsprogramms, doch die Liste ist lang, sagt ihre Mutter. Was das Mädchen den ganzen Tag macht? Tina S. zuckt mit den Schultern. »Sie schläft viel und beschäftigt sich irgendwie.« Die Wohnung verlasse sie jedenfalls nicht, sagt Nachbarin Ute M.: »Sabrina ist eine Brave, die treibt sich nicht rum.«
Tina S. ist es trotzdem nicht recht, dass sie das Mädchen so viel allein lassen muss. Zwanzig Wochenstunden in einer Fünf-Tage-Woche sieht ihr Arbeitsvertrag vor. Tatsächlich musste sie gleich in der ersten Woche acht Tage am Stück arbeiten, über fünfzig Stunden insgesamt. Oft kommt sie abends erst um sieben nach Hause. Klar wird das irgendwann in Form von Freizeit ausgeglichen. Und wie sie das mit ihrem Kind regelt, ist ihre Sache. »Für Vierzehnjährige gibt es keine Betreuungsmöglichkeiten«, sagt sie leise. »Die kann man angeblich allein lassen.« (GEA)
* Namen von der Redaktion geändert
Vier Wochen mit Hartz IV
Mit wöchentlichen Besuchen begleitete der GEA die Familie Eisenhardt, die sich an der Fastenaktion »Vier Wochen mit Hartz IV« beteiligte. Ihren Erfahrungen stellten wir den Alltag von Ute M.* und ihrem Sohn Niko* gegenüber, die seit Jahren mit Hartz IV zurechtkommen müssen. Die Fastenaktion des Diakonieverbands endet heute mit einem abschließenden Erfahrungsaustausch um 18 Uhr im Gemeindezentrum Hohbuch. Für ihre Auswertung der Aktion freuen sich die Verantwortlichen über Rückmeldungen - telefonisch oder per Mail an Elisabeth Heinz-Günther oder im Internet-Gästebuch - und zwar gerade auch von Personen oder Gruppen, die sich nicht offiziell angemeldet, sondern »im Verborgenen« mitgefastet haben. (els)
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