Migranten - Stadtarchiv bringt nun das Buch »Auspacken: Dinge und Geschichten von Zuwanderern« heraus
Fremdes kennenlernen
Von Judith Knappe
REUTLINGEN. Anlässlich der Heimattage Baden-Württemberg 2009 wurde das Dokumentationsprogramm »Auspacken: Dinge und Geschichten von Zuwanderern« gestartet. Die Stadt Reutlingen hatte während einer Sammlungsphase im Geschichtsbüro auf Zeit am Nikolaiplatz nach Biografien und Erinnerungen von Zuwanderern aus Reutlingen gesucht. Die daraus entstandene Ausstellung im Heimatmuseum ging vergangenen Sonntag zu Ende.
Hatten trotz aller Mühen sichtlich Spaß an ihrem Projekt: die beiden »Buchmacher« Dr. Hein Alfred Gemeinhardt und Claudia Einsenrieder sowie der Leiter des Kulturamts Reutlingen Dr. Werner Ströbele (von links).
FOTO: Uschi Pacher
Jetzt aber legt das Stadtarchiv mit der »dritten Säule« des Projekts nach: einem Buch unter dem gleichnamigen Titel »Auspacken: Dinge und Geschichten von Zuwanderern«. Es dokumentiert die Reutlinger Migrationsgeschichte. »Das ist das nachhaltigste Projekt der Reihe«, sagt Dr. Werner Ströbele, der Leiter des Kulturamts bei der Buchvorstellung. Er sieht das Buch als einen Teil der Integration, sogar als Integrationshilfe. »Die Menschen können ihre Geschichte erzählen.« Dadurch fühlten sie sich nicht mehr fremd, denn andere Menschen hätten ja jetzt die Möglichkeit, sie und ihr Leben kennenzulernen.
Bei der Entstehung habe ein regelrechter »Schwellenabbau« stattgefunden. Die Zuwanderer hätten durch die enge Zusammenarbeit mit der Stadt einen Zugang zu städtischen Einrichtungen gefunden. »Zuerst waren die Leute gehemmt, ins Geschichtsbüro zu kommen und zu erzählen«, erklärt Ströbele. Aber inzwischen hätten die Migranten in den Verantwortlichen Ansprechpartner gefunden und es seien Beziehungen entstanden.
Das, was ihnen wichtig ist
»Wir haben das ganze Projekt sehr ernst genommen«, sagt eine der beiden »Buchmacher«, die Kulturwissenschaftlerin und Ethnologin Claudia Eisenrieder. »Wir haben Vertrauen gewonnen und wollen Vertrauen schenken«. Ihr habe es besonders am Herzen gelegen die Leute das erzählen zu lassen, was sie erzählen wollten. Eben das, was ihnen wichtig ist.
110 Menschen mit Migrationshintergrund aus 35 verschiedenen Ländern brachten ihre Geschichte und über 400 Objekte in die Ausstellung und das Buch mit ein. »Es handelt sich hierbei aber nicht um einen Ausstellungskatalog, sondern um eine eigenständige Publikation«, betonte der zweite »Buchmacher« und Leiter des Stadtarchivs, Dr. Heinz Alfred Gemeinhardt. Im Gegensatz zu anderen Kommunen bestünde das Projekt nicht nur aus Interviews, die zusammengefasst und aufgearbeitet werden.
Der Anspruch sei hier ein anderer gewesen. »Wir wollten die Migrationsgeschichte als einen Teil unserer Stadtgeschichte aufarbeiten«, sagte er. Als Menschen mit Migrationshintergrund gelten laut Definition all jene, die seit den Fünfzigerjahren als Gastarbeiter, Aussiedler, Asylsuchende oder Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Nach der stadthistorischen Aufarbeitung von Themen wie das Ende der Reichsstadt Reutlingen oder Reutlingen im Nationalsozialismus habe sich nun eine »weitere Lücke in der Stadtgeschichtsforschung geschlossen«. Außerdem sind sich die Drei einig, dass das Buch nur das »Fundament« für eine weitere Aufarbeitung ist.
Nachhaltiges Projekt
Aus den Geschichten und Objekten, die zusammengetragen wurden, entstand eine Datenbank. Die soll weiterhin ausgebaut werden. »Auch nachfolgende Generationen sollen die Möglichkeit haben, etwas über ihre Herkunft und die Geschichte ihrer Familien zu erfahren«, erklärt Claudia Eisenrieder. Der bebilderte Buchband besteht aus Einzelgeschichten, Gruppenerzählungen und lokalspezifischen Hintergründen. Nebst Abschaffung von Vorurteilen ist das Buch nicht nur für die »Ureinwohner« - die Reutlinger - gedacht, sondern auch für unterschiedliche Migrantengruppen. Da diese oft sehr abgegrenzt nebeneinander herleben und auch nicht vor Vorurteilen gefeit sind, werden ihnen hier Parallelen aufgezeigt. »Thematische Gemeinsamkeiten« sollen gefunden werden.
Die Entstehungskosten des Buch-Projekts, die sich auf circa 25 000 Euro beliefen, trug zum größten Teil die Stadt selbst. Ströbele erzählt aber, dass das Buch bereits großen Anklang in der Fachwelt findet. Und nicht nur das. »Ich hoffe, dass der Satz 'Ausländer bleibst du immer' mit unserem Buch zurück geht«, hoffte Claudia Eisenrieder. (GEA)
Buchpräsentation
Die Neuerscheinung wird am Montag, 13. September, ab 20 Uhr im Heimatmuseum in Reutlingen der Öffentlichkeit vorgestellt.