Reutlingen
Integration - Forum muslimischer Frauen: Khola Maryam Hübsch Gastreferentin bei der Feier im Landratsamt

Fest für die »Brückenbauerinnen«

Von Andrea Glitz

REUTLINGEN. Algerien, Türkei, Pakistan: Im Forum muslimischer Frauen begegnen sich Menschen ganz unterschiedlicher Herkunftsländer. Zudem gehören sie verschiedenen Moscheevereinen an und stammen aus diversen Kreisgemeinden. Im Frühjahr 2009 wurde das Forum im Landkreis gegründet. Seither trifft sich der harte Kern - etwa 20 Frauen - regelmäßig.

Geballte Frauenpower im Landratsamt: Die Forumsfrauen bekamen jede Menge Lob.  GEA-FOTO: PACHER
Geballte Frauenpower im Landratsamt: Die Forumsfrauen bekamen jede Menge Lob. FOTO: Uschi Pacher
Sie wollen Ansprechpartnerinnen für andere sein und auf die Bedürfnisse muslimischer Frauen aufmerksam machen. EDV-Kurse, Erziehungsvorträge, ein Besuch im Stuttgarter Landtag, Teilnahme an der Interkulturellen Woche, Gestalten von Begegnungsprojekten: Was die Frauen bewegen und was sie bewegt, war Thema einer Feier im großen Sitzungssaal des Reutlinger Landratsamts.

»Man kann aus dem Kopftuch nichts schließen«
 
Landrat Thomas Reumann machte dabei deutlich, dass das Forum »kein fertiges Projekt« sei, sondern eines, das die Frauen aktiv mitgestalten sollen. Im Landkreis leben 14 000 Muslime. Zuwanderung sei eine wichtige Ressource. »Sie und Ihre Familien sind hier nicht mehr wegzudenken.«



Das Forum leiste einen Betrag, dass der Landkreis bunter und offener werde. Einmalig und wegweisend nannte der Landrat das Projekt, dass das Bundesinnenministerium in Berlin mit einem Integrationspreis geadelt hat. Reumann dankte den »Brückenbauerinnen für ihren unermüdlichen Einsatz und ihren Mut«. Er würdigte auch das Engagement der Integrationsbeauftragten im Landratsamt, Gabriele Queisser, und den bei Stadtverwaltung und Polizei Zuständigen, die das Projekt mit initiiert haben und begleiten.

»Wir haben Erfolg, nicht nur Arbeit«, verkündete das türkische Forums-Mitglied Binnas Altan strahlend und erinnerte in ihrer kurze Rede daran, dass doch alle das Gleiche wollen: »in Frieden leben und für die Kinder das Beste«.

Über »Die Kunst des friedlichen Zusammenlebens« referierte die Journalistin Khola Maryam Hübsch, die Tochter des zu Jahresbeginn gestorbenen deutschen Buchautors Hadayatullah Hübsch. Nach einer Allensbach-Umfrage denken 93 Prozent der Deutschen beim Stichwort Islam an Unterdrückung der Frau, erläuterte die Frankfurter Publizistin, die gegen diese Verknüpfung in Wort und Schrift zu Felde zieht.

»Terror«, »radikal«, »gefährlich« - auch die sonst vielfach genannten Assoziationen sind negativ, werden aber nach Hübschs Erkenntnissen in Europa vor allem von den Deutschen gehegt, die zugleich in Umfragen angeben, vergleichsweise wenig Kontakt zu Muslimen zu haben. Dies sei die Grundlage für Ängste und Vorurteile, folgerte Hübsch, die sich selbst auf ihrer Internetseite als »gebürtige Muslimin« bezeichnet.

Die Medien verstärken diese Befindlichkeiten ihrer Auffassung nach. Wiederkehrende Berichte über Ehrenmord und Zwangsehe generalisierten Einzelschicksale. Fotos von verschleierten Frauen förderten zudem die selektive Wahrnehmung, beklagte Hübsch, die zum Thema das Buch »Der Islam in den Medien: Das Framing bei der Darstellung der muslimischen Frau« geschrieben hat - das ebenfalls eine Vollverschleierte auf dem Cover zeigt.

Hübsch möchte öfter positive Bilder verbreitet sehen: wie die fröhlich feiernden Frauen mit Kopftuch, die bei der Fußball-WM mit aufgemalten Deutschlandfähnchen im Gesicht posieren. Solche Fotos stärkten das friedliche Zusammenleben. »Man kann aus dem Kopftuch nichts schließen«, betonte sie zudem. Die ständig wiederkehrende Debatte darüber verstärke nur »Spaltung und Ablehnung« und letztlich reaktionäre Kräfte innerhalb der Muslime.

Die eigentlichen Probleme beim Thema Integration wie Bildungsmangel und mangelnde Aufklärung würden in den öffentlichen Debatten meist außer Acht gelassen, monierte die Referentin. Zugleich appellierte sie an alle Frauen, »für gemeinsame Werte einzutreten und den gemeinsamen Kampf gegen das Patriarchat aufzunehmen«.

Zunächst galt es aber, gemeinsam das internationale Buffet zu stürmen, dass die Frauen vorbereitet hatten. Vier Musikschüler gaben dem Abend einen musikalischen Rahmen - und die kleine Hiba Ahmad. Die Elfjährige entführte das Publikum mit ungewohnten Klängen und schöner Stimme aus dem ehrwürdigen Ratssaal ins ferne Pakistan. (GEA)



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