Reutlingen
Neuerscheinung - Im Mittelpunkt der »Reutlinger Geschichtsblätter 2008« steht unter anderem die Achalm

Etwas spät, aber passend

VON HEINZ ALFRED GEMEINHARDT

REUTLINGEN. Bisweilen kann es auch einmal von Vorteil sein, wenn eine Veröffentlichung verspätet erscheint. Bei dem für die jetzt erschienenen »Reutlinger Geschichtsblätter 2008« überarbeiteten und erweiterten Vortrag, den Irmtraud Betz-Wischnath 2001 bei der Schiedwecken-Veranstaltung des Reutlinger Geschichtsvereins gehalten hat, trifft dies in besonderem Maße zu. Der Zeitpunkt zur Publikation eines Beitrags über »Die Achalm in Kunst und Literatur« hätte nicht passender gewählt sein können, ist doch die Stadt Reutlingen seit dem öffentlichkeitswirksamen Geländekauf im Juli dieses Jahres erstmals in ihrer über 900-jährigen Geschichte Eigentümerin der Achalm geworden.

Bezirksbauinspektor Johann Georg Rapp wagte es 1856, die Achalmburg zu rekonstruieren. Heraus kam der Idealtyp einer mittelalterlichen Burg nach den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts à la Lichten- oder Neuschwanstein. QUELLE: HAUPTSTAATSARCHIV STUTTGART
Bezirksbauinspektor Johann Georg Rapp wagte es 1856, die Achalmburg zu rekonstruieren. Heraus kam der Idealtyp einer mittelalterlichen Burg nach den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts à la Lichten- oder Neuschwanstein. QUELLE: HAUPTSTAATSARCHIV STUTTGART
Dabei waren die Burg und der Berg seit jeher von - im wahrsten Sinne des Wortes - herausragender Bedeutung für die zu ihren Füßen gelegene Stadt: politisch, militärisch-strategisch, topografisch, touristisch und nicht zuletzt als Gegenstand literarischer und künstlerischer Betrachtung.

Auch moderne Texte

Mit dem letztgenannten Aspekt beschäftigt sich der Aufsatz der Reutlinger Kreisarchivarin, und sie kann dabei aus einem reichen Fundus schöpfen. Das Spektrum reicht von der berühmten Schilderung des Tübinger Professors Martin Crusius aus dem Jahre 1587 über Sagen, Geschichten und Chroniken sowie eine große Zahl von Beschreibungen und Ansichten des 19. Jahrhunderts bis hin zu modernen Texten und künstlerischer Beschäftigung mit dem markanten Reutlinger Hausberg.

Der zweite thematische Schwerpunkt der neuen Geschichtsblätter-Folge ist ebenfalls literarisch ausgerichtet und dem Leben und Werk des Reutlinger Schriftstellers Gerd Gaiser gewidmet, der am 15. September 2008 hundert Jahre alt geworden wäre. Gaiser, der seit 1949 bis zu seinem Tod 1976 in Reutlingen gelebt und zunächst als Lehrer am Friedrich-List-Gymnasium, später als Professor für Kunstwissenschaft und Kunstgeschichte an der hiesigen Pädagogischen Hochschule gewirkt hat, zählt zu den profiliertesten deutschen Autoren der frühen Nachkriegszeit, auch wenn sein schriftstellerisches Schaffen heutzutage weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Zwei Vorträge des Kulturwissenschaftlers Hermann Bausinger anlässlich Gaisers 100. Geburtstag und ein in der Stadtbibliotheks-Reihe »Literarische Profile« gehaltener, mit Literaturauszügen angereicherter Vortrag von Gaisers PH-Kollegen Theodor Karst sind in den »Reutlinger Geschichtsblättern 2008« nahezu unverändert nachzulesen. Bei den Beiträgen handelt es sich nicht nur um profunde, keineswegs unkritische Würdigungen von Gaisers Werk, sondern sie vermitteln durch die Wiedergabe einschlägiger Textpassagen auch interessante Einblicke in seine literarische Produktion.

Essay »von außen«

Ein kurzes Essay »von außen«, aus der Feder des Schweizer Germanisten Bernhard Vögtlin, dessen 2004 publizierte Dissertation mit dem Titel »Gerd Gaiser - ein Dichter in seiner Zeit« die jüngste wissenschaftliche Untersuchung zum »Thema« darstellt, rundet das Bild und die unterschiedlichen Annäherungen an Gerd Gaisers Biografie und Werk anlässlich seines 100. Geburtstags ab.

Die vorliegende Geschichtsblätter-Sammlung enthält ferner eine detaillierte bauhistorische Dokumentation der im unmittelbaren Umfeld der Marienkirche gelegenen traditionsreichen Pfarrhäuser Aulberstraße 1 und Metzgerstraße 56. Im Vorfeld des Verkaufs und Umbaus der beiden Immobilien hat die evangelische Gesamtkirchengemeinde 2005 eine bauhistorische Bestandsaufnahme in Auftrag gegeben. Deren wichtigste Ergebnisse werden von dem damals mit der Untersuchung betrauten Bauforscher und Denkmalpfleger Christoph Kleiber vorgestellt.

Hermann Josef Pretsch beschäftigt sich darüber hinaus in einer Studie mit dem Zwiefaltener Frauenkloster, das 1111 als erstes und zunächst einziges in diesem Raum gegründet worden war und etwa 250 Jahre lang bestand. Neben einem Abriss der Klostergeschichte von seiner Stiftung bis zu den letzten urkundlichen Zeugnissen beschreibt der ausgewiesene Kenner der Zwiefalter Historie das Leben im Kloster, die Zusammensetzung des Konvents und die engen Kontakte zu Hildegard von Bingen. (GEA)


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