Geburt - Das erste Baby 2018 im Landkreis Reutlingen weiß später nicht, wer seine leibliche Mutter ist

Erstes Baby 2018 im Kreis kennt seine Mutter nicht

VON HANS JÖRG CONZELMANN

REUTLINGEN. Das erste Reutlinger Baby im Jahr 2018 wird den Namen seiner Mutter nie erfahren. Die Mutter kam in der Neujahrsnacht so in die Klinik, wie sie einige Stunden später wieder ging: anonym. Sie entband im Kreißsaal am Steinenberg - komplikationslos, wie es heißt und ohne ihre Daten zu hinterlassen. Sie sah ihr Kind und ließ es im Krankenhaus zurück, vermutlich auf Nimmerwiedersehen.

FOTO: dpa
Genau dokumentiert ist die Zahl der »anonymen Geburten« in Reutlingen nicht. Ariane Islebe, Oberärztin für Geburtshilfe am Klinikum, erinnert sich an drei oder vier Fälle dieser Art in den vergangenen zehn Jahren. Der Ablauf war stets der gleiche: Die Frau kommt, wird medizinisch betreut, entbindet und geht.

Mit dem Kind ist soweit alles in Ordnung. Es wird in der Klinik gut versorgt. Das Jugendamt ist aktiv, das Amtsgericht bestimmt einen Vormund, und in einigen Wochen gibt es vielleicht schon eine Pflegefamilie, die das Baby aufnimmt, adoptiert und ihm einen Namen gibt. Die Kosten der Geburt - rund 2 000 Euro - übernimmt die Klinik.

Die Frau kam mit Wehenschmerzen direkt in den Kreißsaal. In der kurzen Zeit, in der sie auf die Geburt vorbereitet wird, versucht die diensthabende Hebamme, möglichst viele Informationen zu erhalten. Wie sind die Umstände? Wer kann helfen? Können wir die Frau umstimmen? »Wenn sie sich kategorisch verweigert und wir kommen nicht an sie ran, dann muss man sie ziehen lassen«, bedauert die Oberärztin. Direkt nach der Geburt ist ein Beratungsgespräch selten möglich. »Die Frauen wollen hinterher meist ganz schnell weg.«

Strafbar ist das nicht. Das Recht des Kindes, seine Abstammung zu erfahren, wiegt weniger schwer als das Recht der Mutter auf informationelle Selbstbestimmung und damit ihr Recht, für ihr Kind eine Unbekannte zu bleiben - wie bei der Babyklappe. Das entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg im Jahr 2003.

Dem Kind tut man damit aber keinen Gefallen. »Der große Nachteil ist, dass das Kind später nie die Möglichkeit haben wird, nach seiner leiblichen Mutter zu suchen.« Im Gegensatz zur »vertraulichen Geburt«, bei der die Frau ihre Daten hinterlegt, die dem Kind ab seinem 16. Lebensjahr zugänglich sind (siehe Grafik unten). Für Oberärztin Islebe eindeutig der bessere Weg. Ihn richtete der Gesetzgeber 2014 ein.

In diese Richtung versuchen die Mitarbeiter der Beratungsstellen im Landkreis, ihre Kunden in Notsituationen zu bewegen - weg von der totalen Anonymität, die dem Kind jede Chance nimmt, seine Identität zu finden. Selbst die »vertrauliche Geburt« ist für Helena Hausser von der Schwangerenberatungsstelle im Kreisjugendamt das letzte aller Instrumente, die sie in der Beratung anbieten kann. Doch der Wille der Schwangeren ist zu respektieren. Nur Hausser weiß dann den Namen der Frau und vergibt ihr ein Pseudonym, mit dem sie ihre Geburt vorbereiten und entbinden kann. Die Kosten trägt der Bund. Das Kind hat mit 16 Jahren das Recht, den Herkunftsnachweis einzusehen.

Haussers Kollegin Ellen Rauscher-Christmann wirbt um Verständnis für die Frauen, die mit dem Rücken zur Wand stehen. Für sie habe der Gesetzgeber den »guten Weg der vertraulichen Geburt« geschaffen. »Wir würden uns wünschen, dass die Frauen den Mut haben, diesen Weg zu gehen.« Denn keine Mutter trifft so eine Entscheidung leichtfertig, in der Regel sei die Entscheidung durchdacht.
»Die Frauen wollen hinterher meist ganz schnell weg«
 

Die Frage, wer anonym entbindet, ist kaum zu beantworten. Die Beraterinnen und die Oberärztin sind sich einig: Die Herkunft und der Bildungsstand sind nicht entscheidend. In allen Fällen ist schiere Verzweiflung die Triebfeder. Das Familienministerium hat eine Homepage eingerichtet, in der Frauen zu Wort kommen. »Schwanger mit Anfang 20 - ein Schock«, soll Selina gesagt haben. »Ich war verzweifelt, traute mich nicht, es jemandem zu sagen.« Sie suchte im Internet nach Hilfsangeboten. Was sie über Babyklappen oder Adoption las, konnte sie sich nicht vorstellen. Sie entschloss sich zur »vertraulichen Geburt«.

Zahlen zu den ganz extremen Fällen der anonymen Geburt gibt es kaum. Im Vergleich zu den 2 600 Geburten im Landkreis sind solche Geburten ein verschwindend kleiner Prozentsatz. 2010 gab das Familienministerium eine Erhebung in Auftrag, die Zahlen aus diesem Jahr nennt. Damals waren es 973 Kinder, die anonym geboren oder in eine Babyklappe gelegt wurden. Zwei Drittel der Fälle wurden anonym geboren, knapp ein Drittel (278 Kinder) wurden in eine Babyklappe gelegt und weitere 43 Kinder wurden den Mitarbeitern von Trägern wie dem Jugendamt anonym übergeben. Laut der Befragung lag die Zahl der Kinder, die dauerhaft im Ungewissen über ihre Herkunft geblieben sind, bei 314.

Ob dies auch beim ersten Baby des Jahres in Reutlingen so sein wird, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Die Mutter hat immer noch die Chance, sich eines Besseren zu besinnen. (GEA)

www.geburt-vertraulich.de

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