Podium - Über die Zukunft der erneuerbaren Energien diskutierte MdL Thomas Poreski mit grünen Parteikollegen

Energiewende: »Nichts tun wird viel mehr kosten«

Von Elke Schäle-Schmitt

REUTLINGEN. Die Energiewende hat derzeit ein Imageproblem, das von den Medien hochgekocht wird und einigen Lobbyisten, allen voran der Braunkohle-industrie, sehr zupasskommt – so der Tenor eines Podiums im Kulturzentrum franz.K.

Moderiert von Monika Barz vom Grünen-Kreisvorstand diskutierten (von links) Thomas Poreski, Friedrich Hagemeister und Frank Hummel über die Energiewende. FOTO: SCHÄLE-SCHMITT
Moderiert von Monika Barz vom Grünen-Kreisvorstand diskutierten (von links) Thomas Poreski, Friedrich Hagemeister und Frank Hummel über die Energiewende. FOTO: Elke Schäle-Schmitt
Unter der Fragestellung »Ist die Energiewende noch zu retten?« hatte der Reutlinger Landtagsabgeordnete Thomas Poreski (Bündnis 90/Die Grünen) zur Gesprächsrunde eingeladen. Mit ihm auf dem Podium: Friedrich Hagemeister, Vorstandsmitglied der Genossenschaft Erneuerbare Energien Neckar-Alb (EENA), sowie Frank Hummel, Geschäftsführer des Sonnenbühler Windkraft-Projektentwicklers Sowitec.

Zum Einstieg lieferte Hagemeister den gut dreißig Besuchern der Veranstaltung einige Fakten zum Klimawandel. Die Temperatur der Erdatmosphäre liege heute bereits um 0,8 Grad Celsius über dem vorindustriellen Wert, 2010 sei das bislang heißeste Jahr überhaupt gewesen. »Die schweren Stürme und Überschwemmungen, die wir inzwischen gehäuft erleben, wurden von Klimaforschern jahrzehntelang vorhergesagt.«

Extreme Hitze- und Trockenperioden führen zu Hungersnöten und damit zu Klimaflüchtlingen, das weltweite Abschmelzen der Gletscher zum Verlust der Süßwasserreserven, ungewöhnlich milde Winter in unseren Breiten zum Auftreten neuer Schädlingsarten. »Abgesehen davon: Irgendwann gehen Öl, Gas und Kohle zu Ende«, so Hagemeister. An der konsequenten Fortsetzung der Energiewende führt nach seinem Dafürhalten also kein Weg vorbei.

Dass es genügend erneuerbare Energien gibt, steht für Hagemeister außer Frage: »Die Sonnenenergie eines einzigen Tages deckt rein rechnerisch unseren Energiebedarf für ein ganzes Jahr.« Zwar kostet die Energiewende, wie er einräumt, Geld. Aber: »Nichts tun wird viel mehr kosten.« Deshalb fordert Friedrich Hagemeister »ein Ende der Kostendiskussion«.

Ehrliche Rechnung vermisst

In diesem Punkt – und nur in diesem – widerspricht Frank Hummel: »Ich würde die Diskussion gern führen, weil ich überzeugt bin, dass die erneuerbaren Energien schon heute günstiger sind als die konventionellen.« Dem schließt sich Thomas Porewski an: Atom- und Kohleenergie seien in Deutschland in den letzten vierzig Jahren mit über 400 Milliarden Euro subventioniert worden – aus der Tasche des Steuerzahlers.

Hätte man die Fördermittel über den Strompreis aufgebracht, wie bei der EEG-Umlage, entspräche das einem Aufschlag von zehn Cent pro Kilowattstunde. Würde man außerdem die Kosten des Klimawandels, der Atommülllagerung und der Haftpflicht für Kernkraftwerke ehrlich in Ansatz bringen, müsste die Kilowattstunde Strom gar zwischen 1,50 und 2 Euro kosten. »Das Erneuerbare-Energien-Gesetz funktioniert«, so Porewski. »Im Jahr 2000 betrug der Anteil der erneuerbaren Energien sechs Prozent, heute sind es 25 Prozent.« Letztlich sei dem EEG sein überwältigender Erfolg zum Verhängnis geworden.

Frank Hummel pflichtet bei: »Der Zubau bei der Solarenergie war einige Jahre lang zu groß, da ist eine gewisse Begrenzung richtig.« Seit es das EEG gibt, sei es regelmäßig überprüft und weiterentwickelt worden, es müsse sich auch künftig weiterentwickeln. Aber nicht so, dass etwa durch den Direktvermarktungszwang »Genossenschaftsmodelle erschlagen und Oligopole gepusht werden«, betont Porewski. Dezentralen kleinen Stromversorgern sollte der Vorzug gegeben werden gegenüber großen, weit entfernten Anbietern.

Ein weiterer Dorn im Auge ist den Dreien die derzeitige Renaissance der Kohlekraft. Die sei nur möglich, weil im Zuge der europäischen Wirtschaftskrise viel zu viele CO2-Zertifikate auf den Markt gelangten. »Die werden mittlerweile verschenkt, das ist ein Witz«, findet Poreski. »Gleichzeitig sinkt der Erdgasverbrauch, obwohl Gaskraftwerke eine ideale Brückentechnologie sind.«

In der anschließenden Diskussion mit dem fachlich versiert wirkenden Publikum ging es um technische Details zu Stromtrassen oder Brennstoffzellen, um Pumpspeicherkraftwerke, Leichtwindanlagen, neue Technologien wie »Power-to-Gas«, effizientere Endgeräte, Elektromobilität, intelligente Stromnetze – sogenannte »Smart Grids« –, aber auch um die Flughöhe des Rotmilans und die »neuen Naturschützer« im Lager der Windkraftgegner.

»Laut BUND sterben jährlich je fünf bis zehn Millionen Vögel durch Kollisionen im Straßenverkehr und mit Hochleistungsmasten, gegenüber 8 000 toten Vögeln durch Windanlagen«, berichtete Hagemeister. »Trotzdem fordert niemand, die Straßen oder Strommasten abzubauen.«

Aufklärung als Motor

Ganz wesentlich für das Gelingen der Energiewende sei die Öffentlichkeitsarbeit, erklärte Thomas Poreski am Ende des Abends. »Die Energiewende war jahrelang ein Selbstläufer, momentan wird sie fälschlicherweise nur als Kostenproblem betrachtet.«

Erfreulicherweise stehe dennoch eine Mehrheit der Bevölkerung hinter der Energiewende. »Wenn wir über die Gesamtzusammenhänge aufklären, kommt die Begeisterung sicherlich wieder. Und dann gewinnen wir auch dieses Rennen.« (GEA)



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