Verkehr - Platzsparend und kostengünstig: WiR-Fraktion will Alternative zur Regionalstadtbahn prüfen lassen

WiR-Fraktion will Seilbahn für Reutlingen prüfen lassen

VON HANS JÖRG CONZELMANN

REUTLINGEN. »Wir in Reutlingen« (WiR) warten mit dem wohl spektakulärsten aller Anträge für den städtischen Haushaltsplan 2017/18 auf: Die Stadträte um Professor Dr. Dr. h.c. Jürgen Straub wollen statt der geplanten Regionalstadtbahn durch Reutlingen eine Seilbahn fahren lassen, wie sie derzeit unter anderem in Ludwigsburg im Gespräch ist. Was im ersten Moment kurios klingt, hat durchaus Potenzial: Das alternative Transportmittel würde nur ein Drittel dessen kosten, was eine Regionalstadtbahn kostet, würde mehr leisten, wäre flexibler gestaltbar und würde die Umwelt schonen.

Die dritte Dimension: So könnte nach den Vorstellungen der Wi?R?-Fraktion die Seilbahn in Reutlingen aussehen (hier als Fotomontage für eine Studie in Zürich). FOTOMONTAGE: PR
Die dritte Dimension: So könnte nach den Vorstellungen der Wi’R’-Fraktion die Seilbahn in Reutlingen aussehen (hier als Fotomontage für eine Studie in Zürich). FOTOMONTAGE: PR
»Unser Verkehrsraum ist nicht vermehrbar«, begründet Straub seinen Vorstoß, der durch eine Machbarkeitsstudie untermauert werden soll. Straub verweist auf den Platzbedarf, den die drei Regionalbahntrassen benötigen. »Es wäre jetzt an der Zeit, in die dritte Dimension zu gehen. Mit einer Seilbahn könnten wir überall drüberweg fahren.« Die Konstruktion, wie sie Straub vorschwebt, funktioniert im Umlaufbetrieb und könnte mit beliebig vielen Fahrgastzellen bestückt werden – je nach Bedarf. »Wir können damit Spitzenzeiten sehr gut abbilden.« Eine wesentlich höhere Kapazität bei deutlich niedrigeren Herstellungs- und Betriebskosten, barrierefrei, witterungsunabhängig – Straub belegt die Vorteile mit beliebig vielen Beispielen aus der ganzen Welt.
»Es wäre an der Zeit, in die dritte Dimension zu gehen«
 

Tatsächlich sind Luftseilbahnen als Alternative zu Straße und Schiene inzwischen akzeptierte Verkehrsmittel. In Ludwigsburg denkt die Stadt über eine Seilbahn zwischen dem Hauptbahnhof und der Autobahnauffahrt Ludwigsburg-Süd nach. In Ulm läuft eine Machbarkeitsstudie, in Frankfurt und in Hamburg. In New York fährt seit 40 Jahren eine Luftseilbahn von Roosevelt Island nach Manhattan. Eine Stadtseilbahn existiert in Medellin in Kolumbien, in London, in Köln, in Wuppertal und seit April diesen Jahres in La Paz in Bolivien. Und in Koblenz, wo für die Bundesgartenschau 2011 eine Seilbahn eingerichtet wurde, protestierte die Bevölkerung erfolgreich gegen deren Abbau – sie läuft bis 2026 weiter, mit einer Förderkapazität von 7 600 Personen pro Stunde in beiden Richtungen.

Anfangspunkt in Reutlingen wäre der Hauptbahnhof. Bis dorthin fährt Modul 1 der Regionalstadtbahn (von Herrenberg nach Bad Urach), das die WiR-Stadträte nicht infrage stellen. Die Reutlinger Seilbahn (anstatt des Moduls 2 der Regionalstadtbahn) könnte dort bequem andocken und Richtung Hochschule, Richtung Südbahnhof und/oder Richtung Nordraum fahren.

Neben rationalen Vorteilen sieht Straub ein touristisches Moment, mit dem sich Reutlingen ein Alleinstellungsmerkmal sichern könnte. Und: »Seilbahnen sind genauso förderfähig wie andere Verkehrsmittel«, spielt Straub auf die geplante Regionalstadtbahn an, die 900 Millionen Euro kosten soll und bisher finanziell kein grünes Licht aus Berlin hat. »Wir haben immer noch keine Finanzierungszusage«, sagt Straub, »weder vom Bund noch vom Land.« Die Seilbahn könnte die Stadt »zur Not« sogar selbst finanzieren.

»Und sie ist minimalinvasiv», sagt Straub mit Blick auf Pläne, die Regionalstadtbahn durch die Lederstraße fahren zu lassen. Dort müssten 100 ausgewachsene Bäume abgeholzt werden. Die Grünen im Gemeinderat haben dafür bereits ihre Zustimmung versagt. Eine Seilbahn, so Straub, würde solche Komplikationen verhindern helfen. Haltestellen soll es trotzdem genügend geben. »Man könnte sogar eine Station auf dem neuen GWG-Gebäude oder auf dem Kaufhof machen.«

Damit ließe sich auch das Raumproblem lösen, das eine Regionalstadtbahn hat, findet Straub. Er führt Studien von Regionalbahnen vor, die mit großen Kurvenradien viel Fläche benötigen. »Die Fläche ist hinterher verloren.«

WiR-Stadträtin Ute Beckmann sieht noch einen weiteren Vorteil: Die Flexibilität der Streckenführung. Der Campus der Reutlinger Hochschule etwa würde von der Regionalbahn allein schon deshalb nicht profitieren, weil es dafür keine Streckenführung gibt. »Mit einer Seilbahn ist das machbar.«

Für die Machbarkeitsstudie will die WiR-Fraktion 200 000 Euro in den Haushalt einplanen. Sie soll klären, was in Reutlingen möglich ist. Den siebzig Reutlinger Mitgliedern von WiR hat Straub seine Idee bereits vorgestellt. Die anfängliche Skepsis sei einer einhelligen Begeisterung gewichen, berichten die WiR-Stadträte.

Eine Seilbahn für Reutlingen also – dagegen klingen die weiteren Anträge für den städtischen Haushalt wie Peanuts. Und doch sind sie populär genug, um erwähnt zu werden. Etwa die Reinigung und Reparatur der bisher fertiggestellten Fußgängerzone vom Marktplatz bis zur Marienkirche – der portugiesische Granit ist nach kurzer Zeit bereits verwittert, seine Verschmutzung »nicht mehr tolerierbar«. Die neuen Abschnitte werden jetzt mit besserem Granit aus dem bayerischen Wald bestückt.
»Ein Hotel im Bürgerpark wird 2017 vermutlich noch nicht kommen«
 

Es gibt neun weitere Anträge der WiR-Fraktion. Unter anderem eine Abwrackprämie für Zwei-Takt-Zweiräder, wie sie in Tübingen bereits existiert. Zudem soll es künftig Trinkbrunnen an öffentlichen Orten geben. Und außerdem sollen die beiden Jugendtreffs in Gönningen und Ohmenhausen gebaut werden.

Zur Realisierung sämtlicher Vorschläge müsste die Stadt kein weiteres Geld in die Hand nehmen. Vielmehr glaubt WiR-Fraktionschef Jürgen Straub, alles durch Einsparungen finanzieren zu können – etwa durch die Verschiebung des Baus einer 1,7 Millionen Euro teuren Außenanlage im Bürgerpark rund um das geplante Hotel, das ohnehin so schnell nicht komme – »jedenfalls nicht 2017«.

WiR-Fraktion

»Wir in Reutlingen« (WiR) stellt neben der FDP mit drei Stadträten die kleinste Fraktion im vierzigköpfigen Gemeinderat. Trotz des Ausstiegs ihrer einstigen Galionsfigur Dr. Werner Felix Schobel konnte die Gruppierung, die 2004 aus dem Widerstand gegen das Kultur- und Kongresszentrum hervorgegangen war, bei der jüngsten Kommunalwahl 2014 die Fraktionsgröße halten. Vorsitzender ist Professor Dr. Dr. h.c. Jürgen Straub, seine Mitstreiter sind Ute Beckmann und Dr. Sven Fischer. (GEA)

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