Einbürgerung - Im vergangenen Jahr erhielten 428 Ausländer im Landkreis Reutlingen die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Zahlen gehen auch bundesweit zurück
Eine Frage der Integration
Von Andrea Anstädt
REUTLINGEN. Genau sieben Minuten brauchte eine Ukrainerin vor zwei Jahren zur Beantwortung des damals neu eingeführten Einbürgerungstests. Die Hürde auf dem Weg zum deutschen Pass bestand sie mit der Note »sehr gut«. Auch in Reutlingen stellen sich Ausländer seit der Einführung des Einbürgerungstests zum 1. September 2008 immer wieder der Prüfung. Letztes Jahr waren es 428 Personen, die im Landkreis eingebürgert wurden. Die Zahlen aber gehen hier wie auch bundesweit zurück.
Der Fragenkatalog des Einbürgerungstests verlangt Wappenwissen. ARCHIVFOTO: DPA
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Von den »starken« Jahren, als der große Zustrom aus dem Osten unter anderem mit der vereinfachten Einbürgerung »abgefertigt« wurde, sind die heutigen Anträge zahlenmäßig weit entfernt. Auch in Reutlingen, wo die Statistik für die Hochphase der 90er-Jahre bis zu 700 Einbürgerungen im Jahr zählte.
Der Einbürgerungstest ist dabei als Teil der verschärften Gesetzesänderung vom Juli 2007 allerdings keine wesentliche Ursache für den Rückgang. Eine Vielzahl derer, die heute aufs Landratsamt kommen, um einen deutschen Pass zu beantragen, sind bereits gut integriert. Im klassischen Fall sind sie in Deutschland aufgewachsen oder haben hier längere Zeit gelebt und sind mit der deutschen Sprache und Kultur vertraut. Ihre Einbürgerung verläuft in aller Regel unproblematisch, vorausgesetzt, sie kommen aus einem EU-Land oder der Schweiz (mit Ausnahme Österreichs, das keine Doppelstaatsbürgerschaft zulässt).
Alltagsdienliche Erleichterungen
Der größte Anteil der Antragsteller sind Türken, die in zweiter oder dritter Generation hier lebend, zwar eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis haben, aber meist aus pragmatischen Gründen die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen wollen. Die meisten Eingebürgerten wollen durch die Beantragung des deutschen Passes alltagsdienliche Erleichterungen erreichen und ein »normales« Leben führen, so die Erfahrung von Diana Schmedding, Leiterin des zuständigen Geschäftsbereichs beim Reutlinger Landratsamt.
Ein erleichtertes Reisen werde häufig als Grund vorgebracht, um etwa die Kinder ohne Visum auf Klassenfahrten schicken zu können. Viele versprechen sich durch den deutschen Pass auch Erleichterungen beim Umgang mit Behörden und weniger Bürokratie. Auch berufliche Gründe werden angeführt, wie etwa die Erlangung eines Meisterbriefs oder die angestrebte Beamtenlaufbahn. Nicht zuletzt legen die Eingebürgerten Wert auf ihre Gleichstellung vor dem Grundgesetz, möchten aktiv am politischen Leben teilnehmen und die Möglichkeit haben, zu wählen beziehungsweise gewählt zu werden.
Wie die Erfahrung zeigt, kann die Einbürgerung dann zur größeren Hürde für Ausländer werden, wenn keine ausreichenden Schulzeugnisse vorgelegt werden können und ein Sprachtest absolviert werden muss. Sich mündlich und schriftlich mitteilen zu können sei für den Staat das Zeichen einer gelungenen Integration und nur dafür gebe es quasi als Belohnung den deutschen Pass. »Dem zugrunde liegt die Ansicht, dass die Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft das höchste Gut ist, dass ein Staat vergeben kann«, erläutert Diana Schmedding. Und dann gibt es noch die komplizierten Fälle vor allem bei Einbürgerungswilligen aus unsicheren Herkunftsländern, wo lange Wartezeiten oder undurchsichtige Verfahrenswege die Regel sind.
Aktuelles Beispiel ist etwa der Kosovo. Bis vor Kurzem musste jeder persönlich dorthin reisen, um seine Entlassung aus der Staatsbürgerschaft zu beantragen. Eine für viele alleine schon aus finanziellen Gründen nicht zu überwindende Hürde. Dies soll sich nun geändert haben, aber Genaueres wisse man noch nicht, wegen des stockenden Informationsflusses von den kosovarischen in die deutschen Amtsstuben.
Am 14. September dürfen zum ersten Mal aber all' jene feiern, die vom 1. Juli 2009 bis 31. März einen deutschen Pass bekommen haben. Zur ersten Einbürgerungsfeier im ehrwürdigen Sitzungssaal des Landratsamts sind Einladungen an 260 Familien verschickt worden. (GEA)