Verkehr - Oberbürgermeisterin Barbara Bosch versucht, die Gemüter in der Bürgerfragestunde zu beruhigen

Dietwegtrasse sorgt für besorgte Bürgerfragen

VON HANS JÖRG CONZELMANN

REUTLINGEN. »Ich weiß ja nicht, wie die Entscheidung ausfallen wird, aber ich hoffe, dass sie nicht kommt«, sagte eine besorgte Bürgerin bei der »Bürgerfragestunde« im Gemeinderat und meinte die Dietwegtrasse, die nach Jahren des Dornröschenschlafs plötzlich im Bundesverkehrswegeplan auftaucht und zumindest bei Teilen der Bevölkerung in Orschel-Hagen und anderen betroffenen Wohngebieten für Aufregung sorgt.

Die rote Linie zeigt die mögliche Neubaustrecke zwischen Efeuknoten (unten rechts) und B 464.  GRAFIK: REGIERUNGSPRÄSIDIUM
Die rote Linie zeigt die mögliche Neubaustrecke zwischen Efeuknoten (unten rechts) und B 464. GRAFIK: REGIERUNGSPRÄSIDIUM

Pläne aus den 70er-Jahren

Zum jetzigen Zeitpunkt sei die Stadt Reutlingen nicht aufgefordert, zum Entwurf des Bundesverkehrswegeplans Stellung zu nehmen, reagierte Oberbürgermeisterin Barbara Bosch. Sie nahm den Vorstoß der Bürgerin und ein Informationstreffen des Verkehrsministeriums in Stuttgart zum Anlass, die Geschichte der Umgehungsstraße nachzuerzählen, auch deshalb, weil »was wir einmal beschlossen haben, in Vergessenheit geraten ist«.

Sie selbst jedenfalls habe die Aufnahme der Trasse begrüßt. »Ich freue mich immer, wenn wir die Chance haben, für Straßenbauprojekte Geld vom Bund zu bekommen.« Man werde dieses Geld benötigen, wenngleich vermutlich nicht für die Umsetzung von Plänen aus den 70er-Jahren. Ob die Dietwegtrasse nämlich so gebaut werde, wie sie vor 50 Jahren geplant worden ist, sei »mit einem großen Fragezeichen« zu versehen. Ständerbauweise und ein offener Tunnel an Baugebieten entlang seien Rahmenbedingungen, bei denen man schnell erahnen könne, welche Schwierigkeiten zu erwarten sind.

Boschs Botschaft: »Wir haben genügend Zeit.« Es müsse niemand Angst haben, dass die Dietwegtrasse »über Nacht aus dem Nichts irgendwo herkommt«. Boschs Begründung liegt in der Geschichte und im Fortgang des Verfahrens, das viele Hürden bereithält.

So hat sich der Gemeinderat unter anderem 2007 mit der Dietwegtrasse befasst. Abgelehnt wurde damals ein Antrag der CDU-Fraktion, die Trasse loszulösen vom Scheibengipfeltunnel und ohne Bundesmittel zu bauen. Damit wäre die Dietwegtrasse in die Zuständigkeit der Stadt gefallen. Allerdings war damals unklar, ob es jemals einen Scheibengipfeltunnel geben würde. Der Baubeschluss für den Tunnel erfolgte viel später.

Dass die Dietwegtrasse keine entlastende Wirkung für das innerörtliche Verkehrsnetz haben wird, ging damals schon aus mehreren Gutachten hervor. Sie entlastet lediglich Bundesstraßen. Man könne aber nicht mit städtischen Mitteln Bundesstraßen entlasten, meinte Bosch.

Zunächst ist das Land am Zug

Das, so die Oberbürgermeisterin, sei damals der Grund gewesen, dass sich der Gemeinderat mehrheitlich gegen die Dietwegtrasse ausgesprochen habe, allerdings nicht grundsätzlich. Im Gegenteil: Die Stadt sehe die Dietwegtrasse als Netzergänzung für die Ortsumfahrung. Die Aufnahme in den »vorläufigen Bedarf« sei eine Entscheidung des Bundes gewesen. »Es gibt keine Anmeldungen in irgendeiner Art, vonseiten der Stadt schon gar nicht.«

Die berechnete Belastung der Trasse liege bei 20 000 Fahrzeugen am Tag, die Gesamtkosten werden mit 47 Millionen Euro beziffert. Wie der Bund auf einen Kosten-Nutzen-Effekt von 10,0 komme, »wissen wir nicht«. Die Stadt Reutlingen selbst habe einen solchen Index nie berechnet.

Der Entwurf stelle ein »sehr frühes Stadium« dar. Derzeit seien so viele Projekte vermerkt, dass sie vom Land bis 2030 gar nicht alle gestemmt werden könnten, sagte Bosch. Nun sei zunächst das Land zu einer Stellungnahme aufgerufen.

Wann der Kabinettsbeschluss auf Bundesebene erfolge, sei noch völlig offen. Wenn dieser erfolgt sei, kämen in rund fünf Jahren die Ausbaupläne, denen die Finanzmittel zugeordnet werden. »Wann wir die Ausbaugesetze auf dem Tisch haben und wann ein Planfeststellungsverfahren eingeleitet wird, kann niemand sagen.«

Zunächst werde das Regierungspräsidium (RP) Tübingen ohnehin erst jene Bauprojekte abarbeiten, die bereits konkret sind. »Es ist nicht davon auszugehen, dass sich das RP weiteren neuen Projekten zuwenden könne. Wenn ich das vor dem geistigen Auge passieren lasse, dann ist noch vieles im Vagen.« Die Trasse offen zu halten, sei bis dahin jedenfalls die Beschlussfassung des Gemeinderats. (GEA)



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