REUTLINGEN. Beim Thema Gesundheit am Arbeitsplatz ist der Betriebsarzt gefragt. Bei den Kreiskliniken Reutlingen kümmert sich der arbeitsmedizinische Dienst um dieses Thema, ein siebenköpfiges Team bestehend aus fünf Ärztinnen/Ärzten und zwei Assistentinnen.
In ihrem Fokus stehen aber nicht nur die rund 2 000 Beschäftigten der Kreiskliniken, sie betreuen auch die gesamte Stadtverwaltung mit Technischen Betriebsdiensten, Feuerwehr und Stadtentwässerung, dazu die Landkreisverwaltung, die Beschäftigten von Stadtwerke/Fair-Energie, die Hauptamtlichen des Roten Kreuzes und die Mitarbeiter der Reutlinger Stadtverkehrs - insgesamt 6 000 Arbeitnehmer.
Dr. Bettina Osebek leitet den betriebsärztlichen Dienst der Kreiskliniken seit fast fünf Jahren. Die gebürtige Niedersächsin, mit einem Schwaben verheiratet, hat sich in Reutlingen gut eingelebt. »Ich möchte gar nicht mehr weg«, sagte sie in ihrem Büro im Hochhaus neben der Klinik - wegen des Neubaus des Bettenhauses, beziehungsweise des bevorstehenden Abrisses des alten Bettenhauses Süd, musste die Mannschaft wie andere »patientenferne Bereiche« umziehen.
»Ich muss mir das anschauen« §§ »Meist kennt man uns durch die staatlich geregelten Pflichtuntersuchungen, die in der Regel Themen wie Haut- und Wirbelsäulenbelastungen sowie Prophylaxe und das frühzeitige Erkennen beruflich bedingter Infektionen umfasst«, sagt Osebek. Man sei aber auch für alles andere rund um den Arbeitsschutz zuständig. Neben Beratungen sei die Prävention von arbeitsbedingten Erkrankungen die Domäne des arbeitsmedizinischen Dienstes.
Damit durch die oft körperlich belastende Tätigkeit wie das Umheben schwerer Patienten, Wäschewechsel, Zwangshaltungen beim Operieren keine Krankheiten entstehen, gelte es jede Möglichkeit der Prävention zu nutzen. Das beginne mit Schulungen beispielsweise zur Wirbelsäulengymnastik, erstrecke sich aber auch auf Empfehlungen für Arbeitsgeräte wie Hebe- und Tragehilfen oder höhenverstellbare Wickelkommoden. Für die neue Bettenzentrale haben Osebek und ihr Team beispielsweise eine neue Bettenwendemaschine vorgeschlagen, um die körperliche Belastung beim Waschen zu reduzieren. Und die Aufgaben reichten bis in den Verwaltungsbereich hinein: »Man kann sich nicht vorstellen, was acht Stunden Computerarbeit bedeuten«, sagte Bettina Osebek. Der Arbeitsplatz müsse so gestaltet sein, dass der Mensch die Belastung aushält. Und die ist oft beträchtlich.
Das erlaubt der Betriebsärztin einen Exkurs zu den anderen Einrichtungen, die sie und ihr Team betreuen. »Das macht den Job interessant«, meint sie, denn sie war schon im Forst bei den Waldarbeitern, hat die Männer von der Stadtreinigung beobachtet, wie sie die schweren Gullideckel anheben, war auf dem Friedhof, hat zugesehen, wie Särge abgesenkt und Grabsteine gesetzt werden. »Ich muss mir das anschauen«, sagt sie, das sei wichtig für die Beratung der einzelnen Arbeitnehmer.
Und besonders gut kennt sie die Busfahrer der RSV und dies nicht nur wegen der regelmäßigen Augenuntersuchungen oder ihrer vielen Busfahrten. Dass die Fahrer an ihrem Arbeitsplatz ergonomisch auf dem neuesten Stand sind, haben sie ein Stück weit Bettina Osebeck zu verdanken. »Die haben jetzt ganz tolle Sitze«, erzählt sie.
§§ »Die haben jetzt ganz tolle Sitze«
Zum Arbeitsfeld zähle auch die Frage, wie jemand trotz einer Erkrankung seine Arbeit weiter machen kann oder wo er einsetzbar ist, wenn die bisherige Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zumutbar ist. Mit dem Steigen des Durchschnittsalters der Beschäftigten würden auch die Aufgaben auf diesem Feld wachsen. Bei den Kreiskliniken gebe es dafür seit 2009 ein sehr gut funktionierendes Eingliederungsteam. »Wir sind bei chronisch Kranken und behinderten Menschen die Brücke zwischen der behandelnden Medizin samt ihren Empfehlungen und den realen Arbeitsbedingungen vor Ort«, sagt die Arbeitsmedizinerin.
Leider stelle man immer häufiger fest, dass Arbeitsverdichtung und -beschleunigung und Notwendigkeit, Kosten zu sparen, Grenzen bei der Suche nach einem optimalen Arbeitsplatz für chronisch Kranke setzen. Themen wie Ethik und Kultur spielen im Unternehmen eine Rolle. Wie viel Rücksichtnahme ist für den Arbeitgeber zumutbar?, Was ist ihm die Gesundheit der Beschäftigten wert?, lauteten die Fragen. Der Betriebsarzt finde sich da schnell in einem konfliktgeladenen Spannungsfeld wieder, sitze oft zwischen allen Stühlen. Damit müsse man umgehen können, »aber auch das trägt dazu bei, dass es in der Arbeitsmedizin nie langweilig wird«. (GEA)