Der Sprung ins kalte Wasser kann dauern

Von Hans-Jörg Conzelmann

Nichtschwimmer müssen bis zu zwei Jahre warten, wenn sie in Reutlingen einen Schwimmkurs belegen wollen. Es gibt lange Wartelisten, denn die Bäder sind voll. Eine Schwimmlehrerin berichtet, wie sich die Szene verändert hat. Gestresste Eltern und übergewichtige Kinder, die immer später schwimmen lernen wollen, wenn überhaupt. Und doch bleibt das Glücksgefühl unbeschreiblich, wenn sich ein Mensch plötzlich selbst über Wasser halten kann

»Elementare Erfahrung«: TSG-Schwimmlehrerin Lara Seeger (rechts) mit der kleinen Sabrina im Wasser. GEA-FOTO: CONZELMANN
»Elementare Erfahrung«: TSG-Schwimmlehrerin Lara Seeger (rechts) mit der kleinen Sabrina im Wasser. FOTO: Hans-Jörg Conzelmann
REUTLINGEN. Lara Seeger (22) schwimmt, seit sie denken kann - als Kind auf Zeit, heute zum Spaß. Ihre Karriere als Schwimmlehrerin ist für ihr Alter beachtlich: Elf Jahre lang bringt sie Kindern nun schon bei, sich selbst über Wasser zu halten. Erst war sie beim SSV Reutlingen, seit vier Jahren ist sie bei der TSG. Als geprüfte Übungsleiterin hat sie die ganze Bandbreite im Wasser: Nichtschwimmer, Breitensportler, Leistungssportler. Doch nicht immer sind ihre Kunden Kinder und Jugendliche. »Manchmal kommen ganze Familien, die nicht schwimmen können.« Der Kleinste ist vier, die Mutter über 30.


Ein Schwimmkurs besteht aus zwölf halben Kursstunden und kostet 55 Euro. Die Praxis zeigt, dass ein Kind zwei bis drei Kurse braucht, um schwimmen zu lernen. Dann kann es das »Seepferdchen« machen: Mit einem Sprung vom Beckenrand, 25 Metern Schwimmen und Tauchen nach Ringen in schultertiefem Wasser hat das Kind bestanden.

Die Schwimmkurse sind immer sehr voll. Für Seeger ein »dauerhaftes Problem«, denn die Wartelisten sind lang. Ein Anfänger wartet bis zu zwei Jahre auf einen Kursplatz. Die TSG könnte vermutlich doppelt so viele Kurse anbieten, gebe es mehr Hallenbäder oder zumindest mehr Zeit, die den Schwimmkursen zur Verfügung steht. Denn in den Bädern prallen viele Interessen aufeinander.

Vom Seniorenschwimmer über den Leistungssportler bis zu den Wasserballern wollen alle ins gleiche Wasser. Und dann kommen auch noch die Anfänger dazu. Allein für sie Übungsbecken zu unterhalten, ist teuer. Neue werden kaum gebaut, alte werden oft geschlossen.

Lange Wartelisten bedeutet, dass die Kinder immer später schwimmen lernen. Umso älter sie sind, umso schwerer tun sie sich. Denn der Angstfaktor kommt mit dem Alter. Ideal ist es, mit vier bis fünf Jahren in den Schwimmkurs zu gehen. Dann können die Kinder schwimmen, wenn sie in die Schule kommen. »Aber manche Eltern meinen, ihre Kinder seien im Wasser überfordert.«

Früher war das anders, da waren die Kinder in Seegers Kursen jünger. Das liegt oft am Geld. 55 Euro pro Kind und Kurs - das ist manchen einfach zu viel. Denn Kinder wollen nicht bloß schwimmen lernen, wenn überhaupt, sondern haben zahlreiche andere Freizeitinteressen, die Geld kosten. Da kommt das Schwimmen oft ganz zum Schluss.

Die Kinder selbst haben sich ebenfalls verändert. »Sie sind dicker geworden«, sagt Seeger, »das ist ganz, ganz extrem.« Gewicht wirkt sich im Wasser weniger gravierend aus als an Land. Und doch hat Seeger immer häufiger Probleme, die schweren Nichtschwimmer durchs Wasser zu tragen, also am Bauch zu halten, damit die Kinder das Gefühl bekommen, aus eigener Kraft zu schwimmen.

»Früher gab es auch schon dicke Kinder, aber lange nicht so viele«, sagt Seeger. Eine Beobachtung, die sie mit anderen Schwimmlehrern teilt. Die Leibesfülle sei auf zweierlei Weise fatal. Zum einen fällt es Seeger schwer, mit dem hohen Gewicht zurechtzukommen. Zum anderen fühlen sich die Kinder in der Badehose selbst unwohl.

Offenbar kann der Schwimmkurs durchaus zu einem anderen Verhalten führen, wenn die Kinder den direkten optischen Vergleich zu ihresgleichen haben. »Wir hatten einen Jungen, der sich im Kurs vorgenommen hat, in Zukunft mehr zu schwimmen, um dünner zu werden.« Weniger gut ist der andere Effekt: dass dicke Kinder aus Scham gar nicht mehr schwimmen gehen.

Die Eltern sind ein Thema für sich. Sie können Störfaktor und Motivationsmotor gleichermaßen sein, doch in jedem Fall lenken sie die Kinder ab. »Ich habe das Gefühl, die Eltern sind anstrengender geworden«, sagt Seeger. Ihre Vermutung: zu wenig Zeit, zu viel Stress. »Wenn im Kurs nicht alles nach Plan läuft, machen sie uns eine Szene.« Um den familiären Einfluss während des Kurses auszuschalten, bitten Seeger und Kollegen die Eltern, doch bitte draußen zu warten.

Ihr Rat an die Eltern: Außerhalb der Kurse mit den Kindern mal entspannt ins Freibad zu gehen, damit beide die Angst verlieren - die Kinder vor dem Wasser, die Eltern davor, dass ihr Kind ertrinkt. Denn daran hapert es aus Seegers Sicht: am Freizeitverhalten ohne Druck. »Wenn die Eltern mitziehen, dann haben wir leichtes Spiel.« Das ist für viele Eltern ein Zeitproblem. »Wenn beide berufstätig sind, wird es natürlich schwierig.«


Die Räumlichkeiten sind eine heikle Sache. Anfänger in einem Spaßbad zu unterrichten, geht nicht. Da herrscht zu viel Trubel. Mit Badeseen hat Seeger ebenfalls ihre Probleme. Nach Kirchentellinsfurt jedenfalls würde sie mit ihrem Kind nicht gehen. Wegen der Algen: »Das finde ich problematisch, da schwimme ich selbst nicht gerne.« Lieber ins Freibad mit berechenbarer Tiefe und einem Schwimmmeister in der Nähe. Doch selbst das Freibad Markwasen ist für Schwimmkurse nur bedingt geeignet. Die vielen Liegewiesen und Becken - »wenn ein Kind aufs Klo geht, kann es sein, dass es nicht wieder zurückfindet.«

Anfängerkurse sind personalintensiv. Ein Übungsleiter betreut vier bis fünf Anfänger. In der Regel sind 20 bis 25 Kinder und vier bis fünf Übungsleiter im Wasser. Die Mühe wird belohnt, wenn aus Nichtschwimmern Schwimmer werden. »Bei manchen ist es, als würde man einen Schalter umlegen.« Für das letzte Quäntchen hat Seeger einen Trick auf Lager. »Manchmal hilft eine kleine Ablenkung und plötzlich können sie schwimmen.« Dieser Moment ist für sie immer noch eine elementare Erfahrung. (GEA)



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