Reutlingen
LEUTE - Klaus Otto war mehr als 25 Jahre lang Reutlingens »Mister C&A«. Jetzt verabschiedet er sich in den Ruhestand

Reutlingens »Mister C&A«: Der Otto-Motor des Marketings

Von Heike Krüger

REUTLINGEN. Mister »C&A«, mit bürgerlichem Namen Klaus Otto, hat zum Befreiungsschlag ausgeholt. Gleich zu Beginn seines Ruhestandes, verrät der 58-Jährige, sei er - einem inneren Impuls gehorchend - zum heimischen Kleiderschrank geeilt. Vorgeknöpft habe er sich dortselbst Anzüge, Oberhemden und Krawatten. Fast alle landeten sie in der Altkleidersammlung. Der Mann, der über 25 Jahre lang die Geschicke des Modehauses in der Reutlinger Gartenstraße lenkte, hat Abschied genommen: auch vom feinen Zwirn.

Brachte Reutlingen den Art-Bären-Sommer und drei Dino-Paraden: der scheidende »C&A«-Leiter Klaus Otto. FOTO: NIETHAMMER
Brachte Reutlingen den Art-Bären-Sommer und drei Dino-Paraden: der scheidende »C&A«-Leiter Klaus Otto. FOTO: Markus Niethammer
Das war vor einer starken Woche. Heute sitzt er in legerem Freizeitlook beim GEA, was einer Premiere gleichkommt. Zum allerersten Mal plaudert der ehemalige Filialleiter ohne Schlips und Sakko mit der Presse. Wie sich's anfühlt? »Sehr gut«, lacht Klaus Otto und meint damit nicht bloß sein Outfit, sondern den Ruhestand als solchen.

Fit und frei

Der macht sich zwar momentan noch mehr als Urlaubsempfinden bemerkbar. Gleichwohl ist sich der dreifache Vater und zweifache Opa sicher, dass sein aktuelles Wohlbehagen ein anhaltendes sein wird. Vor dem Schritt raus aus der Arbeitswelt hatte Otto ohnedies keine Bange. Jenes große, tiefe, schwarze Loch, das da so manchem frischgebackenen Rentner entgegengähnt - es scheint dem 58-Jährigen völlig fremd. Nicht zuletzt seiner Hobbys wegen, die binnen der vergangenen Jahre meist entschieden zu kurz gekommen sind; das Reisen etwa, oder die Foto- und Videografie. »Außerdem habe ich mir vorgenommen, wieder mehr Sport zu treiben.«



Klaus Otto fühlt sich »fit und frei und voller Tatendrang«, betrachtet den neuen Daseins-Abschnitt als Gewinn. Gemeinsam mit seiner Ehefrau will er jetzt die Welt erkunden, die Enkel aufwachsen sehen, sich an den bunten Farben des Lebensherbstes erfreuen. Wiewohl Frühling und Sommer alles andere als farblos waren.

Viel herumgekommen ist Klaus Otto, der anno 1953 im nordrhein-westfälischen Bielefeld das Licht der Welt erblickte. Hier drückte er die Schulbank, hier begann er seine Lehre: bei »C&A«. Eine zweigliedrige Ausbildung zum Verkäufer und Einzelhandelskaufmann war es, die er absolvierte. Und schon damals, erinnert er sich, hatte er die Karriereleiter fest im Blick. Ein paar ihrer Sprossen wollte der junge Mann auf jeden Fall erklimmen. Dass es hierfür einiger Beweglichkeit und eines längeren Atems bedurfte - Klaus Otto war sich dessen bewusst. Er holte Luft und startete durch.

Mit großen Schritten machte er sich auf in Richtung Zukunft. Zunächst ging's nach Nürnberg, dann nach Gifhorn, dem sich eine Stippvisite in Hamburg anschloss. Es folgten berufliche Stationen in Karlsruhe, Saarbrücken und Duisburg, ehe Klaus Otto für die Dauer von acht Jahren als Verkaufsleiter in Bamberg arbeitete. Schließlich übernahm er die Filiale in Reutlingen - und blieb.

Tief und herzlich

Sein erster Eindruck von der Achalmstadt? »Oh weia.« Nach dem pittoresken Bamberg wirkte die kleine Großstadt an der Echaz auf den Neubürger ausgesprochen nüchtern. Ihre Reize sollten sich Klaus Otto indes bald erschließen. Denn sehr schnell wurde dem damals 33-Jährigen klar, dass sich's am Fuße der Achalm bestens leben lässt. Auch der Menschenschlag sagte ihm spontan zu.

Nicht mehr missen möchte er diesen und die gewachsenen Freundschaften. Letztere ließen - mentalitätsbedingt - zwar etwas länger auf sich warten, sind dafür aber »tiefer, herzlicher, dauerhafter«. Reutlingen, das steht fest, ist Klaus Otto längst zur Wahlheimat geworden. Und wie das so mit aufrichtigen Heimatgefühlen ist: Sie lassen keinen Platz für Wurstigkeit.

Heute ebenso wenig wie vor zehn, fünfzehn Jahren, da sich der Filialleiter dafür engagierte, die Echaz- als Einkaufsstadt voranzubringen. Er war es, der die »Art-Bären« in die City holte. Er war es auch, der hier in den Jahren 2004, '07 und '11 Dinosaurier und andere Urzeit-Viecher aufmarschieren ließ. Natürlich nicht im Alleingang, sondern im Verbund mit RT-Aktiv, unterstützt von Stadtmarketing, -verwaltung, Naturkundemuseum und Sponsoren.

Trotzdem ist Otto der Vater aller tierischen Botschafter, die aus nah und fern Besucherscharen und damit potenzielle Kunden anlockten. Doch, wie kommt man bloß auf solche Marketing-Ideen? Antwort: durch Seminare in Lüneburg. Im Millenniumsjahr war's, als Otto in der Hansestadt, die er zu Fortbildungszwecken bereiste, über ein Schwein stolperte. Nein, über keine verirrte Sau, sondern über eines von mehreren Dutzend Kunstobjekten, mit denen Lüneburg für sich und seinen Handel warb. »Ganz ehrlich, auf den ersten Blick fand ich das blöd«, bekennt Otto, »auf den zweiten aber höchst spannend. Jede Skulptur hatte ihren eigenen, künstlerischen Ausdruck.«

Dass solcherlei Schweinereien für Reutlingen nicht in Betracht kommen - »das war mir klar«. Denn für grunzende Nutztiere ist die Achalmstadt weder berühmt noch berüchtigt. Streng genommen gilt das freilich auch für Meister Petz. Jedoch: Dank der Bären-Höhle ließ sich ein Bezug herstellen - und 2002 erlebten Reutlingen und die Region darob einen einzig-Art-igen Sommer.

Stark und motiviert

130 bärige Rohlinge waren zuvor bei »Wolter-Design« mit Sitz nahe Hannover geordert worden. Dass das Unternehmen außerdem einen Dino-Park betreibt - für Klaus Otto war's eine glückliche Fügung und für Reutlingen eine Erfolgsgeschichte im XXL-Format. Mit »Saurier sells« könnte man die Kampagne überschrieben, die dem rührigen Filialleiter den guten Ruf einbrachte, der »Otto-Motor« des hiesigen Marketings zu sein.

Erfolgsgeschichte hat er übrigens auch in Reutlingens »C&A«-Filiale geschrieben. Der Ruheständler spricht davon, dass sein Haus »innerhalb der Unternehmensgruppe einen Spitzenplatz einnimmt«. Der sei das Verdienst eines starken Teams. »Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter, die immer an einem Strang gezogen haben, in die gleiche Richtung ruderten. Unseren Erfolg schreibe ich dem motivierten Personal zu, dem mein herzlicher Dank gilt.« (GEA)



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