Reutlingen
Alternativer Neujahrsempfang - Mit Kultur und 23 politisch, ökologisch, sozial und kulturell aktiven Gruppen

Der alternative Neujahrsempfang Reutlingen

REUTLINGEN. »Systemrelevant - das sind wir«, lautete das diesjährige Motto des Alternativen Neujahrsempfangs, bei dem sich 23 Reutlinger Gruppen und Initiativen ein Stelldichein gaben und den kulturelle Beiträge des DGB-Chors »Zwischentöne«, brasiliansiche Musik von Ira Wallet und Band sowie Jonglagen der »Twinjugglers« bereichert haben.

Bunt gemischtes Publikum: Beim Alternativen Neujahrsempfang trifft man sich zum Gedankenaustausch mit kulturellem Beiprogramm. FOTO: KIWI
Bunt gemischtes Publikum: Beim Alternativen Neujahrsempfang trifft man sich zum Gedankenaustausch mit kulturellem Beiprogramm. FOTO: Kristina Wiechert
Collagen, Flyer, Bilder, Claims - vom Asylcafé über »Baff« und »Courage« bis hin zu Verdi und Weltladen steuerte jede Gruppe nach ihrem Redebeitrag ein Stück bei und klebte es in das große »Wir« an der Wand des Mehrgenerationenhauses Voller Brunnen, bis dieses ein buntes Bild ergab.

Ein Kontrapunkt

Der bunt-bürgerliche Zusammenschluss stellt nicht nur einen Kontrapunkt zum Neujahrsempfang von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch dar, die sich - so die Veranstalter - aus Termingründen entschuldigen ließ. Die Gruppen verstehen sich auch als Alternative zur »marktkonformen Demokratie« - ein von Bundeskanzlerin Angela Merkel geprägter Begriff, der jüngst zu den Unwörtern des Jahres 2011 gerechnet wurde.



Dass sich »Systemrelevanz« ausschließlich auf Großbanken und Eurorettung beziehen soll, ist für die engagierten Bürger(innen) nicht akzeptabel: »Wir setzen uns für andere Menschen ein, für Umwelt, Frieden und gerechte Handel-strukturen - deshalb sind wir systemrelevant!«, umreißt Jessica Tatti von Attac die Anliegen.

Nach wie vor läuft die Suche nach geeigneten und dauerhaft nutzbaren Räumen für soziales Engagement, doch das Reutlinger Bürgerhaus scheint vorerst ein Traum zu bleiben, denn im Gemeinderat müsse, so die Einschätzung beim Neujahrsempfang, außer bei Linken-Stadtrat Thomas Ziegler, den Grünen und Unabhängigen und der WiR-Fraktion »noch jede Menge Überzeugungsarbeit geleistet werden«.

Im Augenblick hält auch Katrin Lütjens von Attac einen Bürgerhaus-Neubau für illusorisch, doch einen Raum im Alten Rathaus, eine Erweiterung des Mehrgenerationenhauses oder der Räume Unter den Linden durchaus für denkbar. »Wir bleiben am Ball«, verspricht sie.

»Systemrelevant, das sind die Erde, der Maulwurf und die Kröte«, befand Rainer Blum vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), »niemand kann den Wert der funktionierenden Ökosysteme beziffern, doch wir sollten in Zukunft noch davon profitieren können«. Für Pfarrer Jürgen Quack vom Weltladen und Eine-Welt-Verein gilt »nur das System der Einen Welt, denn alles hängt zusammen und ist nur mit fairem Handel überlebensfähig«, während Cherry Gill vom Sozialforum die weltweit falsche Verteilung des Geldes anprangert.

Zehntel des Lohns

»Wir verrichten zwei Drittel der Arbeit weltweit und erhalten nur ein Zehntel des Lohns dafür«, beziffern die Vertreterinnen vom Frauenverband »Courage« die ungerechte Entlohnung von Frauen weltweit. »Jede Frau braucht Courage - und Courage braucht jede Frau«.

Peter Luksch von der Arbeiterbildung berichtet aus der täglichen Praxis in der Beratung von Erwerbslosen und Hartz-IV-Beziehern und schließt mit der rhetorischen Frage: »Die Leute, die unsere Hilfe brauchen, die keine Arbeit haben und schier einen Herzkasper bekommen vor dem nächsten Gespräch auf dem Amt - fragen Sie mal die, ob wir systemrelevant sind?« (kiwi)



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