REUTLINGEN/LICHTENSTEIN. Sven Budja öffnet den Kofferraum seines alten Renaults. Er holt eine Plastiktüte raus. »Das ist das gute Stück«, sagt der 24-jährige Reutlinger, als er zum GEA-Redaktionsgespräch erscheint. Eine Trophäe kommt zum Vorschein. Es ist der Echo, der wichtigste Musikpreis Deutschlands.
Am 4. März sahnte das Trio »The Baseballs« mit den Sängern »Basti«, »Digger« und »Sam«, wie Sven Budjas Künstlername lautet, den Preis als Newcomer des Jahres National ab. Aktuelle Pop- und Rockhits interpretiert das Trio im Stil der 50er-Jahre. »Voc 'n' Roll« nennen die Jungs ihren mehrstimmig gesungenen Rock 'n' Roll und der Echo beweist, dass diese Musik bei den Fans gut ankommt. Doch nicht nur seinen glänzenden Musikpreis hat Sam im Gepäck, sondern auch jede Menge Anekdoten - von seiner musikalischen Vergangenheit in Reutlingen bis hin zur Echo-Verleihung.
»Cooles Bike! Aber wo hast du den Motor gelassen«, hatte Peter Maffay hinter den Kulissen der Berliner Messe über das Fahrrad gesagt, mit dem die »Baseballs« auf die Echo-Bühne rollten. Auch Udo Lindenberg hatte im Backstage-Bereich 'nen lockeren Spruch auf den Lippen: »Echt cool Jungs, was ihr da macht. Das hat total viel Energie.« Und auf dem roten Teppich gab's ein Kompliment aus dem Munde eines Weltstars. »Robbie Williams hat gesagt, dass er unsere Frisuren toll findet«, berichtet Sam und strahlt. Die »Baseballs« hatten die Preisverleihung musikalisch eröffnet. Schließlich gab es nach der Laudatio von Fernsehkoch Tim Mälzer den Musikpreis.
»Robbie Williams hat gesagt, dass er unsere Frisuren toll findet«
Mit ihrem Debütalbum »Strike« standen die »Baseballs« nicht nur an der Spitze der Charts in Skandinavien, sondern auch auf Platz sechs in Deutschland. Der Gewinn des Echo war dennoch eine Riesenüberraschung. Schließlich besteht die Band erst seit drei Jahren. »Keiner von uns hätte gedacht, dass wir jemals so einen Award entgegennehmen«, kommentiert der Reutlinger den Erfolg. Die Geschichte, wie Sam an seine »Baseballs«-Bandkollegen aus Köln und Berlin geraten ist, sucht ihresgleichen. Sie ist wahr und doch an den Haaren herbeigezogen.
»Es gab in Berlin diesen Proberaum-Komplex, in dem mehrere Bands vorgespielt haben. Dort war ich, und eben auch Digger und Basti mit ihren Bands. Wir hatten alle ungefähr die gleiche Frisur. Aufgrund der Haare dachten wir: Irgendwie könnte der Typ auch Rock 'n' Roll-Musik machen«, erinnert sich Sam. Die Drei haben über Musik gequatscht. Nach Monaten und einigen E-Mails kam dann die Idee auf, zusammen Musik zu machen. Als das dritte Mal gemeinsam »gejammt« wurde, beschlossen die Jungs, eine Band zu gründen.
Steile Musik-Karriere, Rock 'n' Roll im Blut und in der Stimme. Da kann man sich vorstellen, dass Sam in Berlin, Hamburg oder Köln wohnt. Aber Pustekuchen. Der 1,92-Meter-Mann ist nicht nur in Reutlingen geboren, sondern lebt auch heute noch in der Region. »Ich wohne mit meiner ganzen Familie in Holzelfingen«, sagt er und grinst. »Man kann mich also auch Älbler nennen.« Mit seinen Eltern, seinem Bruder und dessen Kindern teilt er sich ein Dreigenerationen-Haus - genau gegenüber vom Pferdestall.
Auch wenn das so gar nicht zum Image eines Rock 'n'Rollers passt: Der bekennende Fan des SSV Reutlingen und ehemalige Schüler der Pfullinger Wilhelm-Hauff-Realschule kann sich nichts Schöneres als das Leben auf dem Lande vorstellen. »Ich bin hier geboren, groß geworden und es fühlt sich einfach gut an, zu wissen, dass man immer wieder nach Hause kommen kann. Ich weiß, wo ich hingehöre. Und ich will eigentlich auch nicht weg.« Klingt wie ein Werbespot der Heimattage, wirkt aber überhaupt nicht aufgesetzt.
Die »Baseballs« kommen durch ihre Konzerte viel herum. Finnland, Norwegen, Spanien: Da ist es auch schon mal vorgekommen, dass Damen-Unterwäsche am Tourbus hing. Doch noch ticken die Fans bei Auftritten und auf offener Straße nicht völlig aus. »Zum Glück erreicht das noch keine Tokio-Hotel-Ausmaße«, sagt der Mädchenschwarm. Nach vier, fünf Wochen auf Tour - zwischen Nächten im Bus und Tagen auf der Bühne - freut sich Sam dann vor allem auf Mamas Küche und auf die beiden Kinder seines Bruders. Aber nicht nur die kleinsten Verwandten sind superstolz auf den Erfolg des »Voc 'n' Rollers«. Schließlich haben die anderen Angehörigen Sam schon als »Mini-Elvis« bei Familienfesten bejubelt.
»Ich weiß, wo ich hingehöre. Und ich will eigentlich auch nicht weg«
Der Sänger lacht verlegen und erinnert sich: »Die Feste fanden immer in Slowenien statt, wo meine Eltern herkommen. Immer am Tag vor der Rückreise nach Deutschland gab es ein Picknick bei meiner Oma. Am Abend hatte ich dann meinen großen Auftritt und durfte in einer Art Mini-Playback-Show zeigen, was ich kann. Ich hab schon damals versucht, mir die Tolle hinzukämmen, hab mir glänzende Elvis-Schuhe angezogen.« Und auch der Hüftschwung des »King« klappte schon ganz passabel. Seine Rock 'n' Roll-Liebe war schon damals riesengroß. Fragt sich nur, wie so ein Pimpf zur Musik der Fifties kam?
Als Sam sechs Jahre alt war, hat ihn eine Schallplatte seines großen Bruders mit dem Elvis-Presley-Virus infiziert. »Der Typ auf dem Platten-Cover sah einfach anders aus als die anderen. Ich musste mir einfach mal anhören, was der Kerl da für Musik macht. Da war so viel Energie und Power drin, dass ich wusste: Das ist die Musik, die mir gefällt.« Von diesem Zeitpunkt an hat sich Sam über Elvis informiert. Jeden Zeitungsartikel hat er ausgeschnitten, alle Filme aufgenommen. »Es ist halt einfach Gute-Laune-Mucke, die man immer anhören kann.«
Und es ist exakt diese »Mucke«, mit der Sam auch schon in der Region auf der Bühne stand - als Sänger und Gitarrist der Reutlinger Band »Signs«. Songs von Elvis Presley und Co. brachten die Meute in der damaligen »Seepost«, in der Szene-Kneipe »Kaiserhalle« oder beim Open-Air-Festival am ZOB zum Rocken und Rollen. »Die Band gibt's heute noch, sie wurde nie aufgelöst.« Die Bandmitglieder nennt er seine besten Freunde. Auch der musikalische Draht ist nie abgebrochen. »Wenn ich mal ein paar Tage da bin, dann treffen wir uns, jammen hin und wieder im Proberaum. Als wir neulich in der Kaiserhalle waren, haben wir die Gitarren geschnappt und wieder zusammen gespielt.« Oft ergibt sich diese Gelegenheit nicht. Schließlich ist Sams »Baseballs«-Kalender mit unzähligen Konzert-Terminen gefüllt.
In Reutlingen standen die »Baseballs« noch nicht auf der Bühne. Auch mit der »Strike-live-Tour«, die Ende April beginnt, ändert sich daran nichts. Die Hallen sind den Chart-Stürmern wohl einfach zu klein. Doch Sam widerspricht: »Wir spielen überall, wo man uns haben möchte. Ich habe schon mehrfach unsere Managerin gefragt, ob wir mal irgendwo in Reutlingen spielen können. Also ich würde mich echt sehr freuen, endlich mal ein Heimspiel zu haben.« (GEA)