AUF STIPPVISITE - Der Kliniksozialdienst ist Schnittstelle zwischen Krankenhaus und dem Umfeld nach der Entlassung
Dem Patienten ganz nah
Von Ulrike Glage
REUTLINGEN. Wer ins Klinikum am Steinenberg muss, hat erst mal mit sich und seiner Krankheit zu tun. Die kann ein ganzes Leben verändern. Die meisten Patienten trifft dieser Einschnitt naturgemäß völlig unvorbereitet. Das gilt aber erst recht für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt. Die einen brauchen eine Reha, andere können sich nicht mehr alleine versorgen und Berufstätige, die längere Zeit ausfallen, wissen nicht, woher das Geld kommen soll. Die Patienten werden in diesen schwierigen Fragen nicht alleine gelassen: Rat und Hilfe kommt von den sieben Mitarbeitern des Kliniksozialdienstes. »Wir haben«, sagt Monika Möller, die seit 14 Jahren dabei ist, »eine Art Lotsenfunktion.«
Monika Möller vom Kliniksozialdienst berät Patienten, wenn es beispielsweise um die Organisation von Reha-Maßnahmen geht. Aber das ist längst nicht alles.
FOTO: Markus Niethammer
Kämpfer für die Patienten
Mehr noch. Sie zeigt auf eine dicke Mappe voller Formulare: Die Organisation von Anschlussmaßnahmen ist mit einem immensen Papierkrieg verbunden, der schon einem topfitten Menschen zu schaffen machen würde - Kranken erst recht. Der Kliniksozialdienst nimmt den Patienten diese lästige Aufgabe ab. 3 800 Beratungen in allen Bereichen und Altersklassen gab es im vergangenen Jahr. Bedarfsfälle werden vom Stationspersonal gemeldet. Geht es um Reha-Maßnahmen, muss dann Kontakt mit den Krankenkassen oder Kliniken aufgenommen werden, Kostenfragen sind zu klären und vieles mehr. »Der juristische Teil ist nicht unerheblich«, sagt Monika Möller zu ihrem weiten Aufgabenfeld. Und er nimmt zu. »Die Töpfe sind leer, alles wird hinterfragt und es gibt noch mehr Formulare«, erklärt die Diplom-Sozialarbeiterin. Mehr denn je sieht sie sich und ihre Kollegen als »Kämpfer für die Patienten«, wenn es um die Durchfechtung von Zuschüssen für die Reha geht.
Viele Patienten können sich nach ihrem Klinikaufenthalt nicht mehr alleine versorgen. In solchen Fällen müssen die Mitarbeiter des Kliniksozialdienstes herausfinden, was an Unterstützung notwendig ist - angefangen von einer Haushaltshilfe über einen ambulanten Dienst bis hin zu einem Platz in einer Pflegeeinrichtung. Die Beratung, sagt Monika Möller, ist in diesem Bereich so umfassend wie bei den Reha-Maßnahmen. Ganz wichtig dabei: »Der Patient muss Ja sagen.« Nicht die Angehörigen und schon gar nicht die Sozialberater seien die Entscheidungsträger. »Wir sind Begleiter, beantworten Fragen und ermöglichen es den Patienten, ihre Entscheidung selbst zu finden.«
Ein weiteres Arbeitsfeld ist die Beratung Schwerkranker, die über einen längeren Zeitraum im Job ausfallen. Was passiert mit dem Arbeitsplatz, welche Leistungen gibt es zur Überbrückung, wie kommt der Kranke zur Chemotherapie - in all diesen Fragen helfen die Mitarbeiter des Sozialdienstes. »Es sind viele Kleinigkeiten, von denen die Patienten nichts wissen«, so Monika Möller. Und mit deren Erledigung die Kranken, die erst mal den Schock der Diagnose bewältigen müssen, heillos überfordert wären.
Die Kliniksozialarbeiter helfen, den Riesenberg an organisatorischen, finanziellen oder rechtlichen Problemen, die Krankheiten mit sich bringen können, zu bewältigen. Das ist der eine Teil ihrer Aufgabe. »Es geht auch um Empathie«, nennt Monika Möller den anderen. Zuhören, dem Patienten ganz nah sein, ihm beistehen, wenn seine Krankheit nicht heilbar ist. »Die Zeit nehmen wir uns, sonst nützt die ganze Beratung nichts«, sagt die Sozialarbeiterin. Auch hier ist sie mit ihren Kollegen Lotsin, stellt bei Bedarf den Kontakt zum psychologischen Dienst oder der Krankenhausseelsorge her.
Seit 35 Jahren gibt es im Reutlinger Krankenhaus den Kliniksozialdienst. Die Aufgaben haben sich verändert, in jüngster Zeit vor allem wegen der kürzeren Aufenthaltszeiten der Patienten. Das macht den Job der Kliniksozialarbeiter nicht unbedingt leichter. Als Beispiel nennt Monika Möller den Pflegefall. Gibt das soziale Netz des Betroffenen eine Versorgung zu Hause her? Oder geht es eher Richtung Heim? »Es ist ganz schwierig für den Patienten, so schnell so weitreichende Entscheidungen zu treffen.«
Armut macht sich bemerkbar
Wegen der kurzen Aufenthaltszeit werden Orthopädie-Patienten inzwischen »vorstationär«, also vor ihrer Operation, über Reha-Maßnahmen beraten. Vieles, sagt Monika Möller, könnten die Kliniksozialarbeiter wegen des Zeitdrucks nicht mehr leisten. Deshalb seien sie »Schnittstelle zwischen Krankenhaus und den Einrichtungen draußen«. Das kann eine psychologische Beratungseinrichtung, aber auch das Gesundheitsamt oder die Arbeiterwohlfahrt sein. Denn die zunehmende Armut macht sich auch bei den Patienten des Klinikums am Steinenberg bemerkbar. »Das ist spürbar«, sagt Monika Möller, »die Leute wissen nicht mehr weiter, stecken den Kopf in den Sand und brechen alle Kontakte ab.« Verwahrlosung oder auch Depressionen könnten die Folgen sein. »Da muss man genau gucken, wo das Problem ist.« Oft ermögliche der Krankenhausaufenthalt erst den Weg aus der Krise.
Das alles klingt, als hätten die Kliniksozialarbeiter einen deprimierenden Job. Monika Möller lacht und schüttelt den Kopf. »Wir bekommen von den Patienten wahnsinnig viel zurück.« (GEA)