Festakt - Schützengilde Reutlingen organisiert Landesschützentag. Umzug und Delegiertenversammlung am 22. April

Schützengilde Reutlingen hat großes Fest fest im Visier

VON ANDREAS DÖRR

REUTLINGEN. Drei Dinge braucht der Mann: Ein Handy, weil immer wieder Anrufe eingehen von Mitgliedern des Teams, das sich um die Organisation des 60. Landesschützentages am kommenden Samstag, 22. April, kümmert; einen Ordner, in dem Wolfram E. Mewes, Oberschützenmeister der Schützengilde Reutlingen und 1. Bezirksschützenmeister Neckar, die Korrespondenz mit der Stadtverwaltung oder dem Betreiber der Stadthalle abheftet.

FOTO: Andreas Dörr
Dort geht die Feier anlässlich des Schützentages über die Bühne. Und ein Laptop, in dem der IT-Fachmann all das speichert, was sich in den vergangenen beiden Jahren angesammelt hat. Denn so lange laufen die Vorbereitungen schon für eine Veranstaltung, zu der die Schützengilde Reutlingen mehr als 1 000 Gäste aus 103 Schützenvereinen aus ganz Württemberg erwartet und die der Reutlinger Verein in Kooperation mit dem Kreis- und Bezirksverband schultert.

»Der Aufwand ist enorm«, sagt Wolfram E. Mewes, der federführend das große Fest im Visier hat. Allein die mehr als 60 Seiten starke Festschrift hat ungezählte Arbeitsstunden in Anspruch genommen. »Es ist nach 1957 und 1962 der dritte Landesschützentag, den die Schützengilde Reutlingen ausrichtet.« Heute wie damals wird publikumswirksam gefeiert.
»Schützengesellschaften dienten der Pflege der Wehrhaftigkeit«
 

Auftakt ist bereits am kommenden Freitag mit einem Empfang im Rathaus. Oberbürgermeisterin Barbara Bosch begrüßt um 16.30 Uhr Mitglieder des Landesausschusses, die Vertreter der Bezirke und der Schützengilde Reutlingen im Foyer des Ratsgebäudes. Sportlich geht's am nächsten Tag um 9 Uhr auf der Schießanlage des Schützenvereins Gönningen weiter. Bis 10.45 Uhr wird dort am Samstag das Landeskönigsschießen ausgetragen, ein Wettbewerb, bei dem die herausragenden Schützen auf Bezirks- und Kreisebene ihren »König« oder ihre »Königin« ermitteln. Geehrt werden er oder sie und die drei Folgeplatzierten – »wenn es Männer sind, spricht man von Rittern, sind es Frauen, sprechen wir von Burgfräuleins« – am Nachmittag im Rahmen des Festaktes in der Stadthalle.

Bis es aber so weit ist, steht reichlich Programm auf der Tagesordnung. Keine Frage: Die Schützengilde Reutlingen ist am 22. April eng getaktet. Um 11 Uhr nehmen die befreundeten Schützenvereine aus dem Bezirk Neckar, der in fünf Kreisverbänden fast 12 000 Mitglieder zählt, und aus den Bezirken Unterland, Hohenlohe, Mittelschwaben, Stuttgart, Schwarzwald-Hohenzollern und Oberschwaben Aufstellung im Schwörhof beim Friedrich-List-Gymnasium. Auch aus der Schweiz, vom Westfälischen Schützenbund, vom Schützenverband Saar und vom Oberpfälzischen Schützenbund kommt Besuch.

Gegen 11.30 Uhr marschieren dann tausend unbewaffnete Schützen mit ihrem Fahnenmeer Richtung Wilhelmstraße, von dort über den Marktplatz in die Rathausstraße und weiter zur Stadthalle, wo ab 13 Uhr der eigentliche Festakt beginnt. Nur die Schützen, die am Vormittag in Gönningen ihren Landeskönig ermitteln, bringen ihre Sportwaffen nach Reutlingen mit. Und die werden nach dem morgendlichen Wettbewerb weggeschlossen. »Selbstverständlich. Nur die Böllerschützen haben beim Umzug ihre ungeladenen Geräte dabei«, sagt Wolfram E. Mewes.

Ab 15 Uhr, also nach dem offiziellen Teil, stehen in einer Delegiertenversammlung Wahlen und Rechenschaftsberichte im Mittelpunkt. »Wer nicht an der Sitzung teilnehmen will, dem haben wir einen Besuch im Heimatmuseum organisiert.« Musikalisch begleitet wird der Umzug von diversen Musikkapellen. Für den zünftigen Ton sorgen Musikvereine aus Betzingen, Großbettlingen, Upfingen, Sondelfingen, Pfrondorf sowie der Fanfarenzug Trochtelfingen, der Musikverein Trachtenkapelle Würtingen und die Stadtkapelle Reutlingen, die auch in der Stadthalle den Ton angibt.

Die 60. Ausgabe des Landesschützentages wird von einem Verein mit langer Geschichte ausgerichtet, einer Geschichte, die vor 727 Jahren begann: Schützengesellschaften entstanden im 12. und 13. Jahrhundert aus einer »öffentlichen Notwendigkeit heraus und dienten auf freiwilliger Basis der Pflege der Wehrhaftigkeit«, wie es in der Festschrift zum Landesschützentag heißt.

In den folgenden Jahrhunderten verliert sich die Spur der Reutlinger Schützen. Erst im 15. und 16. Jahrhundert werden wieder Daten gelistet. »In dieser Zeit begannen die Schützenfeste und Veranstaltungen, an denen sich auch Schützen aus anderen Städten beteiligen durften«, heißt es in der Chronik – eine Tradition, die bis heute gehalten hat.

In den späteren Jahrhunderten zogen die Reutlinger Schützen immer wieder um, beispielsweise 1823 vom Schießplatz in der Nähe des Frankonenweges und der Friedrich-Ebert-Straße auf die Rennwiese. Ihr erstes Württembergisches Landesschießen, das 13. seiner Art, richteten die Reutlinger im Juli 1891 aus.

400 Schützen aus dem ganzen Land kamen unter die Achalm, um drei Tage zu feiern – eine Feier mit tragischem Ausgang: Auf einer Wiese in der Nähe von Gönningen wurde ein Färber von einer verirrten Kugel getroffen. Der Vorfall wurde untersucht und die dafür eingesetzte Kommission untersagte den Schießbetrieb auf der Reutlinger Anlage. Weil der Schützengilde damit die Möglichkeit genommen wurde, ihren Sport auszuüben, verlor der Verein schnell Mitglieder. 1907 löste sich die Schützengilde auf. Erst 13 Jahre später wagten 47 Mitglieder einen neuen Anlauf. Wichtigste Aufgabe war der Bau eines Schützenhauses im Wasenwald.
»Wir haben sehr hoffnungsvolle Talente in unseren Reihen«
 

Am 17. September 1922 wurde mit einem Eröffnungsschießen das Vereinsheim eingeweiht. Dort hat die Schützengilde bis heute ihr Domizil. Das Vereinszimmer, das gemietet werden kann, und das Gildezimmer mit ihren Kassettendecken atmen Tradition. An den Wänden und in Vitrinen zeugen wagenradgroße Festscheiben und wertvolle Pokale von einer großen sportlichen Vergangenheit und weisen in die Zukunft. »Wir haben sehr hoffnungsvolle junge Talente in unseren Reihen«, sagt Wolfram E. Mewes.

Nach dem Zusammenbruch Deutschlands im Jahr 1945 und der Beschlagnahmung des Schützenhauses durch die Besatzungsmacht dauerte es sechs Jahre, bis der damalige Oberschützenmeister Friedrich Haage zur Wiedergründungsversammlung einladen konnte. »Heute hat der Verein etwas mehr als 200 Mitglieder«, sagt Wolfram E. Mewes. Und noch braucht sich die Schützengilde Reutlingen um Nachwuchs keine Sorgen zu machen.

Dann klingelt erneut sein Handy. »Ja, ich habe Harald Barth (dem Ehrenoberschützenmeister, Anm. d. Redaktion) Bescheid gesagt. Alles klar.« Wolfram E. Mewes beendet das kurze Gespräch und schüttelt lächelnd den Kopf. »Ich bin heute offensichtlich sehr gefragt.« Aber daran wird sich bis zum 22. April nicht viel ändern. (GEA)

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