Reutlingen
Zeugen des Wandels

Das Dröhnen der Maschinen ist im Seidenviertel verstummt

Von Jürgen Kempf

REUTLINGEN. Es ist noch gar nicht so lange her, da reckten sich nicht weit vom Leonhardsplatz entfernt zwei hohe Schornsteine in den Himmel: Der eine gehörte zur Metallgussfabrik Richard Ammer, der andere einer weiteren Reutlinger Traditionsfirma, der Seidenweberei. Von beiden Unternehmen ist nichts geblieben und von den Schornsteinen auch nicht. Auf den ehemaligen Betriebsarealen erstreckt sich heute ein neues Wohngebiet

Günter Beintner (links) und Karl Wagner im neuen Seidenviertel. Auf dem ehemaligen Areal der Seidenweberei und der Gießerei Ammer ist in den vergangenen Jahren ein neues innerstädtisches Wohnviertel entstanden. GEA-FOTO: MEYER
Günter Beintner (links) und Karl Wagner im neuen Seidenviertel. Auf dem ehemaligen Areal der Seidenweberei und der Gießerei Ammer ist in den vergangenen Jahren ein neues innerstädtisches Wohnviertel entstanden. FOTO: Jürgen Meyer
Eine Gießerei mitten in einem Wohngebiet - das ist heute unvorstellbar. Lange Jahrzehnte produzierte das 1912 von Richard Ammer als Pumpenfabrik mit angeschlossener Gießerei gegründete Unternehmen Maschinenteile an der Leonhardstraße. Nach Demontage und Wiederaufbau hatte das Unternehmen in den 50er-Jahren einen starken Aufschwung genommen, arbeitete man doch auch der aufblühenden Automobilindustrie zu. Walter Benzel (80), der seit 1937 im unweit gelegenen heutigen Gartenweg wohnt, erinnert sich. Er habe in der Gießerei öfter einmal Reparaturaufträge erledigen müssen, erzählt der gelernte Zimmermann. »Da möcht' ich nicht arbeiten«, habe er sich gesagt, »hier ist es ja immer dreckig und schwarz.«

Die Fenster geschlossen halten musste man allerdings nicht. »Das hat mehr die Leute weiter unten betroffen«, sagt Benzel. Und so kann es nicht verwundern, dass auf die Dauer die Gießerei im Wohngebiet nicht mehr zu halten war. Bereits im Laufe der 70er-Jahre wurde das Tübinger Gewerbeaufsichtsamt auf Klagen von Anwohnern über Lärm und Abgase hin tätig und ordnete strenge Auflagen für die Gießerei an.



Um die Produktion am Standort aufrechterhalten zu können, wären große Investitionen notwendig geworden. Es gab Pläne, auszulagern und ein neues Werk zu bauen. Doch dazu kam es nicht mehr. Die Ammer Sandguss GmbH & Co. KG stellte 1986 einen Antrag auf Vergleich. Und damit kommt ein weiterer großer Betrieb in diesem Quartier ins Spiel, die Reutlinger Seidenweberei, die 1987 aus der Konkursmasse das Grundstück der aufgegebenen Gießerei kaufte.

»Aus exklusiven Luxusgütern entstanden bürgerliche Konsumgüter« §§ Das Reutlinger Textilunternehmen, eines von vielen in der Stadt, war im Jahr 1901 von dem Züricher Alfred Rütschi gegründet worden. Die Schweiz war im 19. Jahrhundert das Zentrum der europäischen Seidenweberei. Schon um 1900 war die Gegend um Zürich herum kein Billiglohngebiet mehr. So verlagerten die Schweizer Unternehmer die Produktion mehr und mehr ins benachbarte Ausland, unter anderem ins damalige Königreich Württemberg.

Rütschi kaufte 1904 die Lohnweberei von Friedrich Keck an der Kaiserstraße. Damit war der endgültige Standort zwischen Leonhard-, Ulrich-, Uhland- und Kaiserstraße gefunden. Im Jahr 1905 trat der gebürtige Krefelder Eduard Gerstenberg in die Firma ein und wurde 1911 zum Geschäftsführer bestellt. Verarbeitet wurde damals nur Naturseide, die Produkte nannten sich »Crêpe de Satin« oder »Crêpe de Chine«. Gerstenberg war es auch, der das Gelände um die Kecksche Fabrik Stück um Stück aufkaufte. Auf dem erweiterten Areal entstanden bereits 1910 die damals hochmodernen Schedhallen, die fast bis zum Schluss genutzt wurden.

Als sich Alfred Rütschi 1925 aus dem Geschäft zurückzog, übernahm Gerstenberg die Seidenweberei. Rund 70 Prozent der Produktion waren naturseidene Stoffe. In diesen Jahren kam aber auch die Kunstseide auf, was die Kleiderstoffe verbilligte und den Absatz zusätzlich ankurbelte - »aus exklusiven Luxusgütern wurden bürgerliche Konsumgüter«, heißt es in der Firmenchronik. Die Jahre bis zum Zweiten Weltkrieg waren jedenfalls von stetem wirtschaftlichen Aufschwung geprägt.

Der Krieg brachte einen herben Einschnitt - Umstellung auf kriegswichtige Produkte, schließlich 1944 Einstellung der Produktion. Nur mühsam kam diese nach Kriegsende wieder in Gang. Geprägt wurde der Neubeginn von Eduards Sohn Ernst, der als 28-Jähriger am 5. April 1949 die Geschäftsführung übertragen bekam. Er brachte den Absatz in Schwung, das Wirtschaftswunder erfasste auch Reutlingen und seine Textilindustrie. Die Seidenweberei lieferte beispielsweise den gummierten Wollstoff, aus dem die Reutlinger Firma Heinzelmann ihre europaweit bekannte Badebekleidung mit dem Markennamen »Orchidee« schneiderte.

Der Aufstieg der Chemiefasern wie Perlon brachte die Seidenweberei ins Miedergeschäft. »Naturana« im nahegelegenen Gomaringen, »Felina« (»Formvollendet«), »Triumph« (»Krönt die Figur«) waren die Hauptkunden. Allerdings endete dieser Boom in den 60er-Jahren, die Seidenweberei musste sich umstellen. Das hat Günter Beintner (71) miterlebt. Der Reutlinger kam nach einer Weberlehre 1959 als »Schlichter« (dem Faden werden dabei mehr Glätte und Festigkeit verliehen) an die Kaiserstraße, wurde später Meister in der Weberei und war bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 2009 Betriebsratsvorsitzender. »Das mit der Bekleidungsindustrie wurde weniger, die textiltechnischen Anwendungen wurden mehr«, erzählt er.

§§ »Es hat immer wieder Krisen gegeben«
 
Beispielsweise hatte Ernst Gerstenberger Anfang der 70er-Jahre Kontakte zum »Knirps-Kreis«, Unternehmen, die ausschließlich die Gestelle dieses bekanntesten Herstellers verwendeten, geknüpft. Das sicherte für ein Jahrzehnt den Absatz vieler Webwaren, bis die Billigschirme aus Ostasien die deutschen Hersteller aus dem Markt drängten. Ein anderes Feld sicherte sich Gerstenberg Anfang der 80er-Jahre mit Geweben für die Druckindustrie. Doch es waren nicht nur die Fähigkeiten des Unternehmers. Beintner: »Es hat immer wieder Krisen gegeben. Die hat man überwunden, weil man einen ganz hervorragenden und qualifizierten Personalstamm hatte.«

Und es gab auch baulich einige Veränderungen. 1983 entstand an der Uhlandstraße ein neues Lagergebäude und auf dem Gelände der Gießerei Ammer eine weitere Halle. Allerdings gab es zunehmend Ärger mit den Nachbarn. Wenn die Webmaschinen mit voller Kraft liefen, klirrten schon Mal die Gläser in den Geschirrschränken an der Uhlandstraße. Und dass im Drei-Schicht-Betrieb Tag und Nacht gearbeitet wurde, machte die Sache auch nicht besser. Übergangsweise wurden die Webmaschinen Anfangs der 90er-Jahre nach Pfullingen und aufs Möve-Areal verlegt, bis man in Mark-West 1995/1996 eine vollkommen neue Halle hochzog.

Eine dramatische Veränderung gab es allerdings auch in der Führung der Firma. Ernst Gerstenberg, der bereits 1990 die Geschäftsführung abgegeben hatte, wollte sich Ende 1996 endgültig zurückziehen und seinen Söhnen die Firma übereignen. Doch man konnte sich nicht über die Modalitäten einigen. Die Schließung drohte, schließlich kaufte die große Textilgruppe um den Unternehmer Claas E. Daun im Jahr 1997 die Seidenweberei.

Dank des modernen Maschinenparks und des Verbunds mit der Daun-Gruppe konnte sich das Unternehmen weiter am Markt behaupten, dies allerdings mit deutlich reduzierter Mannschaft. Das bestätigt auch Karl Wagner (65), Betriebsleiter seit 1997. Man produzierte Gewebe für Outdoor-Bekleidung, Zelte, Schlafsäcke, Fallschirme, aber auch für den Schall- und Sonnenschutz.

Der Produktion in Reutlingen machte die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 den Garaus. Ein Teil der Arbeitsplätze wurde nach Bayreuth in die dortige Partnerweberei verlegt, der Rest fiel weg. Der Betrieb zwischen Kaiser- und Ulrichstraße war schon 2005 eingestellt worden. Ab 2006 entstand dort unter der Federführung einer Immobilientochter der Daun-Gruppe auf 15 000 Quadratmetern rund um den »Seidenplatz« ein neues innerstädtisches Wohnquartier mit 167 Wohnungen. (GEA)

GEA-Serie zur Industriegeschichte


Der frühere Wirtschaftsförderer Wolfgang Geisel hat anhand von Daten, die das Amt für Wirtschaft in rund dreißig Jahren gesammelt hat, den industriellen Wandel für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet und dokumentiert.

Neben einer allgemeinen Betrachtung der Reutlinger Industriegeschichte gehört dazu die Auflistung der Industrie- und Gewerbestandorte, die in Reutlingen in den vergangenen Jahrzehnten aufgegeben, deren Gebäude ganz oder teilweise abgebrochen und deren Areale anschließend für andere Zwecke wie Wohnen, Handel, öffentlicher Bedarf, private Dienstleistung genutzt wurden.

Darauf basierend hat der GEA eine Serie gestartet, die sich zum einen mit den (meist) untergegangenen Firmen und zum anderen mit der neuen Nutzung der ehemaligen Firmen- und Betriebsareale im Bereich der Innenstadt beschäftigt. (GEA)

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