Waffenrecht - Nach Winnenden sitzt der Schreck tief: 1000 Waffen wurden im Kreis Reutlingen freiwillig abgegeben
Das berühmte Schießeisen auf dem Dachboden
Von Hans-Jörg Conzelmann
REUTLINGEN. Waffenrechtler und Schützenfunktionäre sind sich einig: Eine sichere Aufbewahrung ist ein wirksamer Schritt zur Prävention. Doch im komplexen System zwischen Mensch, Waffe und Gesetzgeber gilt der Faktor Mensch weiterhin als die unsichere Variable. »Wir hoffen, dass auch die wenigen nach dem Urteil in sich gehen«, sagt Herbert Binsch, Leiter der Waffenbehörde im Landkreis Reutlingen.
Das neue und schärfere deutsche Waffenrecht geht dem Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden nicht weit genug. Im Bild die Tatwaffe von Tim K.
ARCHIVFOTO: DPA
Er meint Waffenbesitzer, die ihr Schießeisen weiterhin ungesichert im Schrank stehen haben. 3100 Waffenbesitzer hat Binsch in seinem Beritt (ohne die Städte Reutlingen und Metzingen). Sie alle wurden aufgefordert, per Foto oder mit Rechnungen nachzuweisen, dass sie einen Waffenschrank besitzen.
Dann kreuzten Binschs Leute vor Ort auf. Waffenbesitzer müssen seit dem Amoklauf mit »verdachtsunabhängigen Kontrollen« rechnen. Binschs Fazit: »In aller Regel« seien die Waffen ordnungsgemäß gelagert. 44 Mal musste der Waffenmann nachhaken, doch mit gutem Zureden oder durch eine empfindliche Gebühr ließen sich selbst große Schlamper zu einem Waffenschrank überreden.
Und schließlich gab es noch die Amnestie: in der Zeit zwischen Mai 2009 und Ende 2010 landeten 1000 Waffen beim Landratsamt, deren Besitzer sich von ihnen trennen wollten ? meist waren es Erbstücke, die auf dem Dachboden lagerten, oftmals auch Sportwaffen, deren Besitzer keine Lust mehr zum Schießen hatten oder sich zu alt dazu fühlen. Verkaufen konnten sie ihre gebrauchten Geräte nicht mehr, weil der Markt gesättigt ist. Doch die freiwillige Abgabe war preiswert: mussten sie bisher 40 Euro bezahlen, so ging das nun umsonst. Zehntausende Pistolen und Gewehre wurden somit bundesweit eingeschmolzen.
Einer, der zwei Waffen abgab, ist Karl-Heinz Fleck. Als Bezirksoberschützenmeister ging Fleck mit den geerbten Kleinkalibern seines Vaters mit gutem Beispiel voran und brachte sie aufs Landratsamt. Auch ihm ist die Problematik bewusst. »Wir haben immer auf eine sichere Aufbewahrung Wert gelegt und werden das auch weiterhin tun«, beteuert er.
Den Bogen zu Winnenden schlägt der Reutlinger Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister Peter Rist. »Das Urteil zeigt die Bedeutung der korrekten Aufbewahrung von Schusswaffen für die Allgemeinheit und für den verantwortlichen Waffenbesitzer, insbesondere bei Versäumnissen.« Auch die Reutlinger Waffenbehörde ließ sich das Vorhandensein von Waffenschränken nachweisen, auch in Reutlingen wurde unangemeldet kontrolliert. Dafür schuf die Stadt eine Stelle, die sich zu einem Drittel durch Gebühren finanziert. Bislang wurden 200 und damit knapp 20 Prozent aller Reutlinger Waffenbesitzer kontrolliert. »Die Stadt Reutlingen ist auf diese Weise weiterhin bestrebt, das nach Winnenden verschärfte Waffenrecht umzusetzen und damit einen Beitrag zu mehr Sicherheit im Zusammenhang mit Schusswaffen in Privathäusern zu leisten.«
Und schließlich beteuert auch der Dachverband seine Bemühungen. Günter Schray, Geschäftsführer des Württemberger Schützenverbandes in Stuttgart, verweist auf Bildungsmaßnahmen in den Schützenhäusern, kann abereinen Mitgliederschwund nicht verleugnen. Sein Dachverband verzeichnet 93 500 Schützen, das sind 1,2 Prozent weniger als im Vorjahr.
Woran es liegt? Fest steht jedenfalls, dass die Verluste seit Winnenden größer werden.
Auch auf Bundesebene tut sich etwas. Bis 2012 soll ein nationales Waffenregister aufgebaut werden. Darin werden Fabrikat, Kaliber, Seriennummer sowie Name und Adresse von Verkäufer und Besitzer aller Schusswaffen für mindestens 20 Jahre erfasst. Bisher gab es laut Bundesinnenministerium 570 Waffenerlaubnisbehörden, die ihre Daten nicht vernetzt hatten.
Sicherheitsexperten bezweifeln allerdings, dass dies und die Bemühungen von Städten und Landratsämtern Amokläufe verhindern können. »Wir haben kein Gesetzes-, sondern ein Kontrolldefizit«, meint der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Die Kommunen hätten zu wenig Personal.
Das größte Problem stellen nach Angaben von Fachleuten vor allem die Millionen nicht registrierter Waffen dar. Denn in einer zentralen Waffendatei werden nur legal erworbene Schusswaffen verzeichnet sein.
Selbst ein völliges Verbot würde schätzungsweise nur 20 bis 30 Prozent aller in deutschen Haushalten tatsächlich vorhandenen Waffen erreichen. (GEA)
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