Reutlingen
Bildung - Beim Lateintag des Isolde-Kurz-Gymnasiums verwandelt sich der Listhof in eine »Villa rustica«

Das »tote« Fach wird lebendig

Von Steffi Renz

REUTLINGEN. Latein in der Schule - das bedeutet Vokabeln pauken, Grammatik üben und jede Menge Übersetzungstexte con Cäsar, Cicero oder Ovid beackern. Doch Lateinunterricht ist mehr: Wie lebten die Römer? Was wurde bei ihnen aufgetischt? Welche Haarmode war vor rund 2 000 Jahren bei den römischen Frauen angesagt, und worauf schrieb man eigentlich damals seine Texte? Theoretisch haben das die Lateinschüler des Isolde-Kurz-Gymnasiums bereits gelernt. Gestern durften sie es bei vielen Workshops in der Praxis erleben.

Beim Lateintag schneiderten sich Gymnasiastinnen ihre eigenen Tuniken. FOTOS: RENZ
Beim Lateintag schneiderten sich Gymnasiastinnen ihre eigenen Tuniken. FOTO: Steffi Renz
Der Listhof war das Ziel der rund 140 lateinlernenden IKG-ler. Der bot genügend Platz für die römische Töpferwerkstatt, die Schneiderei, den Friseursalon, die Schmiede, die Leder- und Schmuckwerkstatt, für das Archäologenteam, die Gestalter von Mosaikbildern und das Kochstudio. Jeder Schüler konnte sich im Vorfeld des Lateintags für zwei Workshops anmelden.

Für den Theater-Fundus

Unter fachkundiger Anleitung von acht engagierten Lehrerinnen und Lehrern entstanden Ledersandalen oder kleine Täschchen, wurden römische Säulen und Amphoren getöpfert oder bunte Tuniken genäht. »Das Laufen damit ist ein bisschen schwierig - die sind unten doch enger als Hosen«, stellt Achtklässlerin Gisela bei der Anprobe fest. Behalten wird sie ihr Gewand nicht - denn die Tuniken bereichern künftig den Fundus der Theater-AG.



Am Nebentisch der fleißigen Schneiderinnen werden konzentriert Perlen aufgefädelt: Die Schmuckherstellung kommt vor allem bei den Mädchen gut an. Die nehmen sich gerne auch Zeit für Hochsteckfrisuren nach Römerinnen-Art. »Eine Stunde hat es gedauert, bis meine fertig war«, erzählt Antonia. Die Siebtklässlerin ließ zuerst ihre Mitschülerin Bianca an ihre Haarpracht, ehe Lateinlehrerin Regina Keller die geflochtenen Zöpfe kunstvoll am Oberkopf zusammensteckte.

Aus der Küche duftet es derweil verführerisch. Patina de Piris (Birnenauflauf), Mustei (Mostbrötchen) Globuli (Mohnkugeln) oder mit Schafskäse gefüllte Datteln - die Römer waren Feinschmecker. »Schmeckt gut, aber ungewohnt«, lautet das Fazit von Zehntklässler Valentin nach dem Probieren. Sein eindeutiger Favorit war der Libum: Ein Honigkuchen, den die Römer als Opfergabe auf den Altar legten.

Doch auch für ausgefallene Geschmäcker war einiges geboten. »Selbst der Bohnensalat mit Honig schmeckte manchen besser als der bekannte mit Essig, Öl und Zwiebeln«, freute sich Lateinlehrerin Beate Baumann, die die Rezepte und Zutaten der römischen Gerichte besorgt hatte. Während der Zubereitung erzählt sie den Schülerinnen und Schülern allerlei über die Koch- und Essgewohnheiten der Römer.

»Es bleibt mehr im Gedächtnis, wenn man etwas selbst handwerklich herstellt«, findet Florian. Der Zehntklässler hat ein Mosaik gestaltet und war beim Archäologie-Workshop. »Dort wurde eine Vase zertrümmert und ich habe sie wieder zusammengesetzt. Das war ziemlich cool.« Auch, dass er seine Vase mit nach Hause nehmen darf, gefällt dem Zehntklässler. »Es war auf alle Fälle einer der besseren Lateintage«, lobt er.

Seit sieben Jahren gibt es den Lateintag am IKG. Ins Leben gerufen wurde er von Sabine Laage. »Die Franzosen können einen Schüleraustausch machen, da wollten wir was dagegen setzen«, so die Lateinlehrerin. Mal führt der Ausflug in Museen, mal werden Ausgrabungen erkundet. Nun gab es erstmals das Angebot der Workshops.

Begeisterung belohnt

Insgesamt rund 150 Stunden Vorbereitungszeit brachten die Pädagogen für die Organisation auf. »Wenn man sieht, wie begeistert die Schüler mitmachen, ist das die beste Belohnung«, freut sich Herbert Neu. Im normalen Unterrichtsalltag am IKG ist er für Physik und NWT zuständig; gestern leitete er die Schmiedewerkstatt. Dort wurden mit glühenden Kohlen und lauten Hammerschlägen aus Werkzeugstahl römische Griffel geschmiedet. Das eine Ende des Stiftes ist spitz, das andere flach gedrückt wie ein Spatel. Mit einem solchen Stilus wurden Texte in Wachstafeln geritzt. Mit dem flachen Ende konnten Fehler wieder glatt gestrichen werden. »Das war sozusagen der Tintenkiller der Römer«, lacht Herbert Neu.

Dass es manchmal ganz schön schwierig sein kann, das Leben der Römer nachzuempfinden, stellten die Workshopteilnehmer fest, die antike Würfel herstellten. »Das ist voll anstrengend und dauert lange«, erzählt Lea. Die Neuntklässlerin zeigt ihren kleinen Würfel und schildert den Herstellungsprozess: Die Rinderknochen werden zersägt, in Form gefeilt, dann kleine Löcher gebohrt - nach 45 Minuten ist Leas selbst gemachter Römer-Würfel fertig. Da hat es die Gruppe Jungs im Grünen einfacher: Stöckchen sammeln, daraus ein Mühlebrett legen, und als Steine nimmt man Tannenzapfen und Holzspäne.

Konzentrierte Stille lag währenddessen über der Lederwerkstatt. Schließlich wollten hier Vorlagen für Lederschuhe exakt nachgezeichnet und ausgeschnitten werden. Michael geht in die 6. Klasse und erlebt seinen ersten Lateintag am IKG. Er hat Spaß am Zusammennähen seiner neuen Sandalen. »In die Schule würde ich sie jetzt nicht anziehen - aber zu Hause im Garten schon.« Lehrerin Sabine Laage ist sichtlich zufrieden mit der Kreativität der Gruppe. »Das gibt einen Motivationsschub für das 'tote Fach'« ist sie überzeugt und freut sich ebenso wie die Schülerinnen und Schüler schon jetzt auf den Lateintag im nächsten Schuljahr. (GEA)



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