Bürgerpark - Trotz eindeutiger Hinweisschilder nehmen immer mehr Eltern mit Kindern die Parkour-Anlage in Beschlag

Bürgerpark: Gefährliches Spiel in der Parkour-Anlage

VON ULRIKE GLAGE

REUTLINGEN. Für den Reutlinger Niklas Nowak ist Parkour Leidenschaft und Leben. Seit elf Jahren betreibt der 22-Jährige die ungewöhnliche Sportart, inzwischen professionell.

FOTO: Jürgen Meyer
Wenn er nicht bei Filmaufnahmen oder Stunt-Shows irgendwo in der Welt unterwegs ist, zieht es ihn an seinen Lieblingsort: die Parkour-Anlage im Bürgerpark. Doch die können er und die anderen Parkour-Sportler in jüngster Zeit immer weniger nutzen, weil sie zunehmend von Eltern mit kleinen Kindern in Beschlag genommen wird. Die Hinweisschilder, dass es sich um eine Sportanlage handelt, werden geflissentlich ignoriert. Die Bitten der jungen Leute, andere Spielmöglichkeiten zu nutzen, auch.
»Die Community in Reutlingen ist richtig groß«
 

Mit gerade mal elf Jahren fing Niklas Nowak mit Parkour an. Damals gab es noch keine Anlagen. Die Traceure, so nennen sich die Sportler, bewegen sich im öffentlichen Raum schnell und effizient von Punkt A nach Punkt B. Bei ihrem »Run« geht's mit akrobatischen Figuren oder Sprüngen über sämtliche Hindernisse, die sich auftun - Treppen, Geländer, Mülleimer, Mauern. Niklas Nowak und die anderen Sportler trafen sich an bestimmten »Spots« wie etwa der Eichendorff-Realschule oder dem Rathaus-Areal. »Die Aufgaben haben wir uns dann selber gesucht.« Der 22-jährige Reutlinger, ein durchtrainiertes Leichtgewicht, interessiert sich für alle Sportarten. Am meisten aber für Parkour. Der ganzkörperliche Einsatz und die Freiheit der Bewegung, sagt er, machen den Reiz aus. Und die »Community«. »Von allen Sportarten ist die beim Parkour die beste.«

Parkour in der »freien Wildbahn« der Großstadt Reutlingen ist gut, besser noch allerdings im Parkour-Park, findet Nowak. Den ersten gab es in der Bastille, seit 2016 dann den im Bürgerpark. »Man hat viel mehr Möglichkeiten und die Gegebenheiten sind sicher.« Die Wände, sagt der 22-Jährige, haben mehr Reibung, um hochzulaufen. Die Stangen sitzen fest und wackeln nicht. Der Gummiboden ist so weich, »dass man sogar auf die Seite oder den Rücken fallen kann, ohne sich zu verletzen«, lobt Nowak, der gerne große Sprünge und Salti macht, die Anlage beim Krankenhäusle. Und noch ein dickes Plus: »Wir haben hier einen Platz, wo uns niemand wegscheuchen kann, sich gestört fühlt oder im Weg steht, wenn wir uns auf einen Sprung vorbereiten.« Obwohl Parkour im öffentlichen Raum nicht verboten ist, hätte sie früher sogar die Polizei vertrieben. Deshalb seien die Reutlinger Traceure so froh über den Platz mitten in der Stadt, »auf dem wir alleine in Ruhe trainieren können«.
»Die bewegen sich nur mit Murren und Brummen an die Seite«
 

Das gelingt immer seltener. Denn gegen Nachmittag trudeln bei schönem Wetter nicht nur die Traceure auf der Parkour-Anlage im Bürgerpark ein, sondern zunehmend auch Eltern, die ihre Kinder dort spielen lassen, berichtet Nowak. »Dann ist hier Action.«

Obwohl auf den Schildern klar und deutlich zu lesen ist, dass der Bereich kein Spielplatz ist, sondern eine Sportanlage, »die speziell für die Parkour-Nutzung gedacht ist«, dass außerdem die Aktionsbereiche keine Aufenthaltsbereiche sind, »fühlen sich die Erwachsenen nicht angesprochen«, so die Erfahrung des Reutlingers. Auch die Hinweise der Traceure, dass sie auf der Anlage das Vorrecht haben, interessierten kaum. »Die bewegen sich nur mit Murren und Brummen an die Seite. Ich hab's noch selten erlebt, dass es jemand einsieht.« Die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit ist das eine, das Risiko das andere. »Es ist gefährlich für die Kinder«, sagt Niklas Nowak zur Doppelnutzung. Wenn ein Traceur anlaufe, um einen Sprung zu machen, könne er in der Luft nicht die Richtung ändern, wenn plötzlich ein Kind auftauche. Werde dann ein Kind ohne böse Absicht umgerempelt, sei das Geschrei der Eltern groß. »Es gibt hier so viele andere Möglichkeiten, wo die Kinder spielen können«, wundert sich Nowak über den Leichtsinn.

Die Reutlinger Traceure, sagt er, wollen den Parkour-Park am Krankenhäusle nicht verlieren. »Das ist hier eine Supermischung, der Architekt hat echt gute Arbeit geleistet«, lobt Nowak die Anlage. Und die Stadt, die sehr viel mehr als andere für »seine« Sportart investiere. Selbst in einer Großstadt wie München seien die Traceure fast neidisch. »Die sagen, wow, krass, dass bei Euch im Bereich Parkour so viel getan wird und dass das so offen geregelt wird.« Das Engagement zeigt offenbar Wirkung. »Die Community in Reutlingen ist richtig groß«, so Nowak.

Er selbst trainiert täglich, schließlich lebt er von seinem Sport. In einer japanischen Filmserie ist er schon aufgetreten, in Werbespots für Porsche oder Adidas, in Hotel-Shows. Parkour hat für ihn aber auch eine soziale Komponente. »Man kann junge Leute von der Straße runterholen, sie finden Anschluss und bekommen eine eigene Motivation.« (GEA)

nowak.reutlingen@web.de









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