REUTLINGEN. Als sich am Samstag gegen 15 Uhr die Sonne erstmals auch über den Dächern Reutlingens blicken ließ, war es eigentlich schon zu spät: Bei rund 18 Grad trauten sich nur wenige Gäste ins Freibad, das zu seinem fünften Wettrutschen geladen hatte. Dabei galt es, die 82 Meter lange und rund acht Meter hohe blaue Wasserrutsche in möglichst kurzer Zeit herunterzukommen - in das kühle Nass, das mit rund 24,5 Grad noch deutlich wärmer war als die Lufttemperatur. Das Wettrutschen war die letzte Attraktion in dieser Saison. Und mit der sind die Stadtwerke weitaus zufriedener als mit der Teilnehmerzahl beim Samstags-Event.
»Eigentlich wollten wir den Wettbewerb schon absagen, aber da hatten wir schon zu viel Werbung dafür gemacht«, sagt auch Necdet Mantar, Leiter der Reutlinger Bäder. Eine kurzfristige Absage hätte zudem die 13 mutigen Teilnehmer enttäuscht, die sich auch vom kalten Wetter des Vormittags nicht abschrecken ließen.
»Damit liegen wir dann im Zehn-Jahres-Durchschnitt«
Die Reutlinger Familie Honermann war sogar eigens fürs Wettrutschen ins Freibad gekommen. »Eigentlich sind wir bei diesem Termin immer noch im Urlaub, dieses mal hat es geklappt«, freute sich Martin Honermann, der mit seiner Frau Anna und den Kindern Martina (6) und Judith (8) mitmachte. »Ich würde ja schon gern mal schauen, wo man steht. Aber das kann man ja heute leider kaum ausprobieren«, erklärte der 50-Jährige im Hinblick auf die mangelnde Konkurrenz.
Spannend wurde es am Ende aber trotzdem: Da sowohl Martin Honermann als auch Eveline Lippet zeitgleich nach 16 Sekunden ins Wasser sausten, musste ein zweiter und dritter Durchgang her. Auch nach der dritten Runde kamen beide zeitgleich ins Ziel - und frei nach dem Spruch »Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte« fand sich dann doch noch ein Sieger. Benedict Schmidt rutschte beim ersten Versuch in 14 Sekunden ins Ziel. Als älteste Teilnehmerin ging Elisabeth Wolf mit 70 Jahren an den Start. Freuen konnten sich am Ende alle Teilnehmer - aufgrund der geringen Resonanz durfte sich am Ende jeder einen der rund 30 vorbereiteten Preise aussuchen.
Wenn das Wettrutschen wegen des Wetters auch fast ins Wasser gefallen war - im Vorjahr traten 280 Teilnehmer an und der Wettbewerb dauerte immerhin über vier Stunden - ist man bei den Stadtwerken mit den Besucherzahlen des Freibades zufrieden. Bis zum 27. August konnten 184 510 Gäste gezählt werden, im Vorjahr waren es bis zum Betriebsschluss rund 212 000. Bis zum Ende der Freibad-Saison erhofft sich Mantar noch eine Steigerung auf 210 000 Besucher. Voraussichtlich schließt das Bad am 11. oder 12. September mit dem Ende der Schulferien - je nach Wetterlage bleibt auch eine Woche länger geöffnet.
»Damit liegen wir dann im Zehn-Jahres-Durchschnitt«, so Mantar zur aktuellen Bilanz. Den diesjährigen Sommer schätzt der Leiter der Reutlinger Bäder daher auch als »durchschnittlich« ein. Der Juli sei »bombastisch« gewesen. »Aber der Mai war wirklich schlecht, verregnet und kalt.« Dies machen auch die Besucherzahlen deutlich. Im Mai konnten nur 15 600 Gäste gezählt werden, im Juli waren es 91 600. Der August drückt die Bilanz nun nach unten: Kamen im August 2009 noch 78 600 Schwimmer, konnten in diesem Jahr im August bisher nur 26 000 gezählt werden.
Noch gravierender schwanken die Zahlen an einzelnen Tagen. Bei strahlendem Sonnenschein und hohen Temperaturen lockte das Wellenfreibadfest am 11. Juli insgesamt 9 000 Besucher an - am 6. Mai waren es dagegen nur 65, die sich bei nasskaltem Wetter ins Wasser trauten. »Wenn man das hochrechnet, war an diesem Tag fast mehr Personal anwesend als Schwimmer«, bedauert Mantar. Bis zu 25 Frühschwimmer kommen dabei fast täglich ins Freibad - bei Wind und Wetter.
»Öffentliche Bäder sind eigentlich nie kostendeckend«
Je nach Temperatur und Witterung sind dagegen zwischen zehn und 20 Mitarbeiter der Stadtwerke im Wellenfreibad im Einsatz. Das Bad erwirtschaftet dabei ein jährliches Defizit von rund 1,5 Millionen Euro. Mehr Besucher würden die Zahlen nicht verbessern, da sie zugleich auch mehr Aufwand bedeuten würden. »Wir müssten die Eintrittspreise verdoppeln, um ohne ein Defizit auszukommen«, erläutert Mantar, wobei dies natürlich nicht beinhaltet, dass bei höheren Eintrittspreisen auch weniger Gäste kommen würden.
Eine Erhöhung ist daher nicht geplant, soll das Bad doch auch bezahlbar bleiben. »Öffentliche Bäder sind eigentlich nie kostendeckend«, so Necdet Mantar. Gleichwohl bemüht man sich auch in Reutlingen, Abläufe zu optimieren und Kosten einzusparen. So konnte beispielsweise die zur Wasserreinigung benötigte Menge Chlor reduziert werden. Auch anstehende Sanierungsarbeiten werden in den nächsten Jahren ausgesetzt. Im Schwimmer- und Sprungbecken sind die Folienbeläge »in die Jahre gekommen«, berichtet Mantar. Diese müssten früher oder später ersetzt werden, die Kosten schätzt der Bäder-Leiter auf »locker eine Million Euro«. »In den nächsten Jahren passiert da nichts«, ist sich Mantar mit Blick auf den klammen städtischen Haushalt sicher. (GEA)