Afrikareise - Mit einem »Reutlinger Tag« ist in Bouaké die Städtepartnerschaft gefeiert worden

Besuch in Afrika: »Reutlinger Tag« in Bouaké

VON INGEBORG RÖTHEMEYER, ZURZEIT IN BOUAKE

BOUAKE. Die »Vergessensten der Vergessenen« nennt Grégoire Ahongbonon psychisch Kranke, die in Afrika angekettet in ihren Dörfern Misshandlungen und Vergewaltigungen wehrlos ausgesetzt sind. Der ehemalige »Reifenreparateur« nimmt sich seit seiner religiösen Erleuchtung dieser geschundenen Kreaturen an, befreit sie von der Eisenkette und führt sie in seinen sicheren Hort in Bouaké. Das macht er seit 20 Jahren so.

Reutlinger Delegation in Bouake Mai 2012
Partnerschaft wurde großgeschrieben beim Fest in Bouaké. FOTO: Ingeborg Röthemeyer
Die Not der Kettenmenschen hat auch Bürger der Partnerstadt Reutlingen tief berührt. Die Fertigstellung und Einweihung eines nachhaltigen Bauprojekts im Therapiezentrum »St. Camille de Lellis« war nun - neben der Erneuerung der partnerschaftlichen Beziehungen zwischen den Rathäusern - der Hauptanlass für die offiziellen Delegationsreise ins westafrikanische Bouaké.

Kranke im Mittelpunkt

Mit finanziellen Mitteln der Danzer- Stiftung wurden dort neue Duschen, Toiletten, eine Küche und Personalgebäude hergestellt respektive gebaut - ein entscheidender Beitrag zur besseren Versorgung der Kranken. Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch hat die neuen Räume am Dienstag in Bouaké vor mehr als 400 Gästen, darunter zahlreiche Bewohner des Zentrums, mit einem feierlichen Festakt eingeweiht. Dem Anlass angemessen, trug sie dabei ihre goldene Amtskette.

Im Mittelpunkt des großen Festes standen die psychisch Kranken, die sich aktiv ins Programm einbrachten. Mit Tanz und Tamtam liefen fast hundert geistig behinderte junge Frauen und Männer, angeführt von Grégoire Ahongbonon auf dem staubigen Festplatz vor dem Gelände des Zentrums Nimbo ein.

Auch die Reutlinger Gerhard Steinhilper und Wolfgang Bauer vom Freundeskreis Saint Camille, sowie die Psychiaterin Theresia Alt und der Psychologe Hans-Otto Dumke mischten mit. Für die farbenfrohe Straßenparade mit Band und Cheerleadern zum Auftakt ließ Ahongbonon eigens die Hauptstraße nach Abidjan sperren.

Lebenswerk gewürdigt

Tief bewegt würdigte als erster Festredner Touré Boubakar Sidiki, ein Vertreter des Bürgermeisters, Ahongbonons Lebenswerk sowie die Unterstützung aus der deutschen Partnerstadt.

»Père Grégoire« schilderte in seiner Ansprache den mühsamen Weg von den Anfängen seines Engagements für die Ärmsten der Armen, bis hin zu den gegenwärtigen Erfolgen. Von ihren Dorfgemeinschaften und selbst von ihren Familien wurden sie ausgestoßen.

In den Dörfern fürchtete man, sie seien von bösen Geistern besessen und kettete sie auch wegen ihrer Aggressivität an Bäume oder in dunklen Räumen an. Zahlreiche Menschen hat er von den Ketten befreit und in sein Zentrum mitgenommen, oft gegen massiven Widerstand der Angehörigen.

Wolfgang Bauer lernte der tief religiöse Gründer des Zentrums 2002 in Bouaké kennen. Der Journalist schrieb einen Bericht über das Leid der Kettenmenschen und erregte damit die Aufmerksamkeit einiger Reutlinger Bürger, die sich zum Freundeskreis Saint Camille zusammen- schlossen.

Die Betreuung der nun abgeschlossenen Renovierungsarbeiten in Saint Camille übernahm Bauer 2010 im Auftrag der Stadt Reutlingen. An die Bevölkerung von Bouaké appellierte der Journalist in seiner Ansprache, weiterhin den psychisch Kranken in ihrer Stadt eine Heimat zu geben. »Heute feiern wir Euch«, wandte er sich dann sichtlich bewegt den Kranken zu. Er lobte die präzise Arbeit von Bauunternehmer Gilbert Sekongo, der für die Bauarbeiten verantwortlich war.

Für den charismatischen Leiter des Zentrums war die Einweihung ein willkommener Anlass, für seine Schützlinge in der Öffentlichkeit zu werben. Denn sie werden wegen ihres auffälligen, manchmal aggressiven Verhaltens oft ausgegrenzt oder gar angefeindet.

Respektvoller Umgang

Dieses Thema griff Barbara Bosch in ihrer Ansprache auf. Sie sehe in der Einweihungsfeier eine Chance, die Aufmerksamkeit für einen respektvollen Umgang mit den Betroffenen in der Öffentlichkeit zu wecken. Nach einem Überblick über den Verlauf der Bautätigkeit in den vergangenen zwei Jahren, drückte Bosch ihren tiefen Respekt vor der Lebensleistung von Grégoire Ahongbonon aus. Sie wolle allen am Umbau des Therapiezentrums Nimbo Beteiligten danken, gab Bosch ihren Gefühlen Ausdruck. »Sie sind nicht vergessen. Nicht hier in Bouaké und auch nicht in Reutlingen«, rief sie den begeistert applaudierenden psychisch Kranken zu.

Beim anschließenden Rundgang kam es dann auch zu spontanen Gesprächen mit den Bewohnern des Therapiezentrums. Die Reutlinger Delegation konnte sich von der Qualität der renovierten Gebäude überzeugen. Einige Geheilte erzählten ihre erschütternden Lebensgeschichten. Eric Kadjo ist jetzt Chef des Männerzentrums Nimbo mit 260 Bewohnern. Der Verein St. Camille hat ihm dabei geholfen, seine Krankheit durch wirksame Medikamente in den Griff zu bekommen. »Es ist eine Ehre, an der Spitze dieser Einrichtung zu sein«, schloss er seinen Vortrag selbstbewusst.

Der Heimat entgegen

Im anschließend besuchten Frauentherapiezentrum mit 130 Bewohnern muss noch viel Aufbauarbeit geleistet werden, sind sich die Psychologie-Experten Theresia Alt und Hans-Otto Dumke einig. Nach der Therapie erfolgt dann eine Rehabilitationsphase. Danach versucht man, die stabilisierten Geheilten in ihren Dörfern zu re-integrieren. Ein schwieriger Prozess für beide Seiten.

Am heutigen Samstagabend startet die Reutlinger Delegation wieder Richtung Heimat. Ankunft in Stuttgart-Echterdingen ist am Sonntag. (GEA)




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Reutlinger Delegation in Bouake

Reutlinger Delegation in Bouake Mai 2012
Partnerschaft wurde großgeschrieben beim Fest in Bouaké. FOTO: Ingeborg Röthemeyer
 
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