Reutlingen
AUF STIPPVISITE - Brückenpflege ermöglicht unheilbar krebskranken Menschen ein weitgehend selbstbestimmtes Sterben

Begleitung bis zum letzten Atemzug

Von Heike Krüger

REUTLINGEN. Jutta Sinde ist Fachfrau für die letzten Tage oder Wochen eines Menschenlebens. In der sogenannten Brückenpflege tätig, sorgt sie im Klinikum am Steinenberg dafür, dass unheilbar kranke Patienten einen möglichst selbstbestimmten Abschied von dieser Welt nehmen können. Jutta Sinde spricht davon, dass sie sich mit ihnen »auf den Weg macht«.

Einfühlsame Begleiter für die letzten Stunden eines Menschenlebens: das Brücken-Team vom Steinenberg. FOTO: TRINKHAUS
Einfühlsame Begleiter für die letzten Stunden eines Menschenlebens: das Brücken-Team vom Steinenberg. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Der ist mal kurz, mal etwas länger, mal steinig, mal gewunden. Geradlinig ist er selten. Dafür fast immer mit Ängsten gepflastert. Was in der Natur des Todes liegt, für den es offenbar keinen passenden Zeitpunkt gibt. Entweder er kommt zu früh oder zu spät. Und Sterben flößt schon allein deswegen Furcht ein, weil kein Hinterbliebener weiß, wie es sich anfühlt. »Es kann einem ja niemand sagen, wie das war.«

Auch Jutta Sinde hat Respekt vor dem Sterben. Das gibt die erfahrene Brückenpflegerin unumwunden zu. Zwar hat sie im Laufe der zurückliegenden sechs Jahre einige hundert austherapierter Tumor-Patienten betreut. Der professionelle Umgang mit dem Endgültigen schützt jedoch auch sie nicht vor Urängsten. »Sterben«, hat Jutta Sinde für sich definiert, »ist wohl so etwas wie Geburt, bloß andersrum.«



»Sterben ist wohl so etwas wie Geburt, bloß andersrum«
 

Seit 1993 arbeitet die 41-Jährige in der Onkologie, seit 2004 in der Brückenpflege. Fachkrankenschwester für chronisch und krebskranke Patienten ist sie von Haus aus. Dass sie sich einmal auf Sterbebegleitung spezialisieren würde, hätte die humorvolle Frau zu Beginn ihrer Berufslaufbahn niemals gedacht. »Ich war entschlossen, Leben zu retten. Wollte um jeden Patienten kämpfen«, erinnert sie sich.

Doch mit den Jahren kamen neue Gedanken. Die Sinnhaftigkeit einer Therapie um jeden Preis - sie wurde von Jutta Sinde immer öfter hinterfragt. Auch stellte die 41-Jährige fest, dass die Bedürfnisse todkranker Menschen bisweilen stark von dem abweichen, was Krankenhäuser individuell bieten können. Mancher sehnt sich nach Zuhause, möchte nicht länger behandelt, ein weiteres Mal operiert werden, sondern Abschied nehmen: in Würde und in vertrauter Umgebung.

Dies zu ermöglichen, ist für Jutta Sinde und ihr fünfköpfiges Team das Wichtigste. Wobei die Brückenpflege vieles, jedoch nicht alles leisten kann. Manche Wünsche bleiben unerfüllt. »Ich kann niemandem versprechen, gesund zu werden. Ich kann auch niemandem sagen: 'Sie erleben Weihnachten noch'.« Das wäre grob verkehrt und fahrlässig.

Wobei fürsorgliche Flunkerei eng mit dem Sterben verbunden ist. Etwa bei dem Mann, der seiner tumorkranken Frau die niederschmetternde Diagnose verschweigt, derweil die sterbende Frau, ihren Mann in gespielter Zuversicht wiegt. Beide wissen genau, dass die gemeinsamen Tage gezählt sind. Beide wollen den jeweils anderen damit aber nicht belasten, können das Unvermeidliche nicht in Worte kleiden. »Sterben macht manchmal sprachlos.«

In so einem Fall kann die Präsenz von Jutta Sinde und ihren Kollegen segensreich sein. Die Pflegekräfte sprechen nämlich gelassen an und aus, was anderen nicht über die Lippen kommt. Zum Besten aller tun sie das. »Es ist schließlich wichtig, über Patientenverfügungen Bescheid zu wissen oder zu klären, wie die Beerdigung gestaltet werden soll.«

Auch kreative Lösungen werden vom Brückenteam entwickelt. Jutta Sinde erinnert sich unter anderem an eine vorgezogene Bescherung. Weil der von seinem Krebsleiden gezeichnete Großvater so gerne noch ein letztes Mal Weihnachten im Kreise der Familie feiern wollte, wurden Krippe und Gabentisch kurzerhand vor Heiligabend aufgebaut. »Das fanden die Enkel zwar befremdlich. Heute denken sie aber gerne an dieses besondere Weihnachten mit Opa zurück.« Es war die richtige Entscheidung. Apropos Entscheidungen. Die kann und will das Brückenteam vom Steinenberg niemandem abnehmen. Es kann allerdings einiges dafür tun, dass in der letzten Lebensphase Zeit und Raum bleibt, sie zu treffen.

Denn Brückenpflege hat viel mit Organisation zu schaffen. Das Aufgabenspektrum reicht vom Pflegeantrag bei der Krankenkasse über die Bestellung von Hilfs- und Arzneimitteln bis hin zur Beauftragung von Pflegediensten und zur Schulung Angehöriger im Umgang mit Sonden, Infusionen, Drainagen oder Medikamentenpumpen.

»Wir gehen den letzten Weg ein Stück mit, aber wir verkürzen ihn nicht«
 

Beistand beim Sterben wird auf Wunsch ebenso gewährt wie die Anpassung von Hilfen auf sich ändernde Situationen. Der Kontakt zum Hausarzt ist eine Selbstverständlichkeit, der kurze Draht zu ambulanten Hospizdiensten und die Vierundzwanzig-Stunden-Rufbereitschaft ebenfalls.

»Weit über sechzig Prozent der unheilbar kranken Menschen wünschen es sich, zu Hause zu sterben«, weiß Jutta Sinde. Aufs Jahr bezogen sind das am Reutlinger Krankenhaus um die 500 Tumorpatienten, die vom Brückenpflege-Team - bestehend aus Palliativmedizinern, Klinikseelsorge und einer Psychoonkologin - betreut werden. Dennoch kennt die Brückenpflege am Steinenberg keine Routine.

»Jeder Fall ist anders.« Und mancher Fall berührt tief. Jutta Sinde: »Es kommt vor, dass wir mitweinen. Aber es wird auch viel gelacht« - mit den Sterbenden und deren Angehörigen, im Kollegenkreis. Gefühle können eben nicht an der Garderobe abgegeben werden. Jutta Sinde findet das gut so. Nicht gut findet sie indessen, dass in der Öffentlichkeit Sterbebegleitung immer wieder mit Sterbehilfe verwechselt wird. »Das eine«, stellt die 41-Jährige klar, »hat mit dem anderen rein gar nichts zu tun.« Dabei erinnert sie wieder an das Bild vom »letzten Weg«, den die Brückenpflege zusammen mit Sterbenden und Angehörigen beschreitet. »Wir verkürzen ihn nicht, aber wir gehen ihn ein Stück mit.« (GEA)



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