Reutlingen
LEUTE Der Reutlinger Software-Entwickler Markus Lemcke baut ein Internet-Portal für Menschen mit Handicaps auf

Barrierefrei surfen und schmausen

REUTLINGEN. Markus Lemcke hat eine Vision: Barrierefreiheit für alle. Also auch für Menschen mit Behinderung und für solche, die altershalber in ihrer geistigen oder körperlichen Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Ihnen möchte er Adressen an die Hand geben, die das Alltagsleben erleichtern. Zu diesem Behufe hat der 39-Jährige ein Internet-Portal eingerichtet. Darin listet er Hotels, Gaststätten und Cafés, aber auch kulturelle Einrichtungen auf, die den Bedürfnissen Gehandicapter entgegenkommen. Etwa weil bauliche Vorkehrungen getroffen wurden oder weil es dort spezielle Serviceleistungen für Behinderte gibt.

Mit erheblichem Rechercheaufwand, sagt Markus Lemcke, sei seine Idee verbunden. Dass sie gleichwohl konkrete Ergebnisse zeitigt, zeugt von der Beharrlichkeit eines Mannes, der aus eigener Erfahrung weiß, wie es ist, zu stolpern, anzuecken, begafft zu werden. Denn Lemcke ist Spastiker.

Etwas verwaschen daher seine Artikulation, gekrümmt die rechte Hand, schwerfällig sein Gang. Er hat gelernt mit diesen Einschränkungen zu leben selbstbewusst und offensiv. Die Gesellschaft hingegen ist davon noch Lichtjahre entfernt. Grobe Unhöflichkeiten stehen darum auf der Tagesordnung. Etwa an der Theke seines bevorzugten Mittagessen-Anbieters. Nein, nicht dass ihm das Personal patzig käme. Im Gegenteil. Die anderen Kunden, die »lieben Mitesser«, sind es, die ihm schräg kommen. »Wenn Blicke töten könnten «

Verständnislos angeglotzt wird Markus Lemcke hier von vielen. Warum? Weil die Büffet-Dame ihren Platz hinter der Theke verlässt, um dem 39-Jährigen Teller und Glas zum Tisch zu tragen. Dauer der Handreichung: vielleicht eine halbe Minute. Genug, um die Umstehenden zu echauffieren.

Markus Lemcke erzählt das alles ohne Zorn. Er lächelt sogar dabei, macht eine wegwerfende Geste. Hätte er ein wehleidigeres Naturell heute wäre die Gelegenheit, ausgiebig zu lamentieren. Doch Lemcke ist, wie er ist. Wozu sich mit dem miesen Benimm Dritter aufhalten, wenn es Wichtigeres gibt? Zum Beispiel sein »Baby«, sein Internet-Portal, das den Nutzern mehr Lebensqualität verheißt.

»Ganz Deutschland«, hat sich der Reutlinger vorgenommen, soll irgendwann auf seiner Website erfasst sein. Das Naheliegende Reutlingen und Tübingen ist bereits aufgenommen. Etliche andere Städte auch. Mal mehr, mal weniger vollständig, aber doch so, dass Menschen, die auf Mobilitätshilfen angewiesen sind und Sehbehinderte eine nennenswerte Auswahl barrierefreier Angebote durchstöbern können. Nützlich wäre es natürlich, wenn sich Gastronomen mit behindertenfreundlichem Service aus eigenem Antrieb meldeten (info@barrierefrei-mobil.info). »Das würde die Arbeit stark beschleunigen.«

An ihr verdient Markus Lemcke, der in seiner Freizeit unter anderem bei Rathäusern nachhakt, übrigens keinen müden Cent. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er als Software- und Website-Entwickler mit Spezialgebiet Barrierefreiheit. Das heißt, Lemcke macht Blinden und Sehbehinderten das weltweite Netz zugänglich. Wobei sein Augenmerk zudem Menschen mit geistiger Beeinträchtigung gilt. Auch sie haben das Bedürfnis, durchs Web zu surfen, weiß er. Und sie haben oft das Zeug dazu. Allein: Sie scheitern an verschachtelten Bandwurmsätzen und Wortungetümen. »Für sie sollten Inhalte kurz und klar formuliert sein«, betont Lemcke.

Der kam übrigens auf Umwegen zu seinem Job. Geboren in der Schweiz, wurde ihm von Kinderärzten eine düstere Zukunft prognostiziert. Markus, hieß es, sei geistig zurückgeblieben und werde nie gehen können. Mit dreieinhalb Jahren dann eine Operation. Der Bub lernte laufen, schaffte einen sehr guten Hauptschulabschluss und holte sich mit seiner Schachgruppe den Württembergischen Meistertitel. Anschließend: Mittlere Reife und Beamtenausbildung im mittleren Dienst am Regierungspräsidium. Übernehmen wollten ihn die Regierungspräsidialen freilich nicht.

»Was Barrierefreiheit betrifft, scheint Tübingen besser aufgestellt zu sein als Reutlingen«

Markus Lemcke orientierte sich um, stieg in die IT-Branche ein. »Ein sorgfältiger Schaffer, aber ein bissle zu langsam« sei er, fand der Arbeitgeber und entließ den jungen Mann. Es folgten anderthalb Jahre Arbeitslosigkeit. Dann ein IT-Intermezzo auf der Alb, die Weiterbildung zum Software-Entwickler, der Kontakt zum Leonberger Suchmaschinenoptimierer »symweb«, der Lemckes Barrierefrei-Portal tatkräftig unterstützt, und endlich die berufliche Selbstständigkeit.

Sie umfasst ein Laptop, drei Regalmeter Fachliteratur, ein Headset zur komfortableren Telekommunikation und einen Schreibtisch. Sie umfasst ferner einen rührigen Markus Lemcke, der präzise weiß, was er für wen entwickelt und warum. Denn eines möchte der 39-Jährige möglichst nicht mehr erleben: jenen Schweinsgalopp, den er unlängst mit einem Rolli-Fahrer hinlegen musste.

»Wir saßen in einem Reutlinger Restaurant, mein Kumpel musste auf die Toilette.« Flugs düste man an der Bar vorbei zum WC und registrierte: Endstation Türrahmen! Fluchtartiger Aufbruch. Der Mann im Rollstuhl navigierte Markus Lemcke Richtung Stadtbibliothek. Denn die hat das, was viele nicht haben: behindertengerechte Sanitärräume.

Was außerdem fehlt? Nennen wir es Service. Dass Blinden die Speisekarte, so nicht in Braille-Schrift vorliegend, vom Kellner vorgelesen wird oder dass Rollstuhlrampen herbeigeschafft werden es hat (noch) Seltenheitswert. Was das betrifft, scheint Tübingen übrigens deutlich besser aufgestellt als die Großstadt Reutlingen. Am Neckar ist man im Gastrobereich vergleichsweise oft auf gehandicapte Gäste vorbereitet. (GEA)

www.barrierefrei-mobil.info
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