Kinderbetreuung - Reutlinger Gemeinderat erteilt der städtischen Bedarfsplanung einstimmiges Votum

Aus Kindern werden Bürger

VON ANDREA GLITZ

REUTLINGEN. Die Stadt trotzt den Prognosen. Für das Jahr 2015 waren gut 107 000 Reutlinger vorgesehen. Knapp 115 000 sind' s geworden. Über 59 Neuzugänge zwischen null und sechs Jahren durfte sich die Kommune dabei im Schnitt in den letzten Jahren per anno freuen. Der unerwartete Zuwachs führt zu erheblichen Engpässen bei den Kinderbetreuungsplätzen in der Innenstadt, aber auch in vielen Teilorten. Insbesondere Kindergarten- und Ganztagesplätze sind Mangelware. Trend: Verschärfung der Lage.

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Sozialbürgermeister Robert Hahn sieht's positiv und freut sich »auf die Gestaltungsaufgabe«. Bis ins Jahr 2020 sollen 450 neue Kindergartenplätze geschaffen werden, dazu 280 Ganztagesplätze und 170 Plätze mit verlängerter Öffnungszeit für die Über-Dreijährigen. Werden alle Pläne umgesetzt, würde der jährliche Abmangel im Bereich Kinderbetreuung (derzeit knapp 25 Millionen Euro jährlich) mittelfristig um satte 2,5 Millionen Euro erhöht.

Die jüngst schon im Fachausschuss vorgestellte Bedarfsplanung (der GEA berichtete), die den Weg bis ins Jahr 2018 weisen soll, ist das Basiswerkzeug für den weiteren Ausbau. Der Gemeinderat hat sie in seiner jüngsten Sitzung einstimmig abgesegnet. Das Zustimmen war einfach, weil es noch kein Geld kostete. Die relevanten Haushaltsbeschlüsse müssen erst im Herbst gefasst werden.

»Balance finden« für jedes Alter

Viel Lob ernteten Sozialamtsleiter Joachim Haas und seine Mannschaft für die informative 130-Seiten starke Beschlussvorlage, etwa von Karin Villforth. Der Wortbeitrag der Christdemokratin legte jedoch nahe, dass die CDU nicht bei allen Vorschlägen die Hand zum Ja erheben wird, wenn es um die Verteilung der städtischen Ressourcen geht. Man müsse vielmehr im Haushalt »die Balance für jedes Alter finden«. Villforth lobte explizit die Gönninger Elterninitiative, die »professionell und engagiert auf Defizite aufmerksam gemacht hat«. Dies unterstütze den Gemeinderat.

Auch Ute Beckmann (WiR) freut sich am Gönninger Engagement und dass die Frauen »direkt und nicht über Leserbriefe in den Zeitungen« ihr Anliegen vorgetragen und verfolgt hätten.

Es sei nicht Aufgabe der Eltern, Bedarf zu ermitteln, befand hingegen Jessica Tatti (Linke Liste). Auch sonst kann sie der Lage wenig Positives abgewinnen. Die Stadt drohe, den Rechtsanspruch nicht zu erfüllen. Zudem seien die Kinder der Flüchtlinge nicht im Bedarf berücksichtigt. Die Linken fordern, ein besonderes Augenmerk auf diese Gruppe zu legen. Sie sehen es als kontraproduktiv für die Integration, wenn Kinder von Asylbewerbern in der vorläufigen Unterbringung nicht in der Regelbetreuung, sondern isoliert betreut werden. Das Thema ist laut Robert Hahn komplex. Schwierig sei die »Ballung« an den Standorten der Gemeinschaftsunterkünfte. Schwer planbar seien die Zahlen, insbesondere aufgrund der Familienzusammenführung: Keiner wisse, wie viele Kinder kämen und wann.

Silke Bayer findet die Vorlage »beeindruckend«. Die SPD-Stadträtin hob jedoch hervor, dass sie eine Selbstverständlichkeit sei. Die Stadt sei schließlich zur Bedarfsplanung verpflichtet. Die Bürger hätten Ansprüche, die sie teils sogar einklagen können. So forderte sie, beim Ausbau einen »ausreichenden Puffer« für Unwägbarkeiten einzuplanen.

Sabine Gross (Grüne und Unabhängige) lenkte die Aufmerksamkeit auf das Thema Qualität. So sei die Sprachförderung in den letzten Jahren einzig durch überplanmäßige Ausgaben finanziert worden. Die Freien Träger sollten Eingang in die Bedarfsplanung finden, forderte Gross. Sie sicherten nicht nur Plätze, sondern auch Angebots-Vielfalt.

»Die Stadt kann nicht alles selbst machen«: Hagen Kluck (FDP) regte an, mehr freie Träger einzubinden. Hahn erwiderte, dass es gerade für die Über-Dreijährigen-Betreuung wenig freie Träger gebe.

Der Mediziner Kurt Gugel (FWV) hob auf die Qualifikation der Erzieherinnen ab, »die die Arbeit von Eltern übernehmen«. Gerade die ersten drei Lebensjahre seien für die psychosoziale Entwicklung der Kinder entscheidend.

Wie viel Spielraum der Verwaltung für Qualitätsverbesserung übrigbleibt? Auch das werden die Haushaltsberatungen zeigen. Bürgermeister Hahn erinnerte daran, dass Kinderbetreuung nicht nur ein wichtiger Standortfaktor ist, der Reutlingen für junge Familien interessant macht. Es gelte nicht zuletzt in den Betreuungseinrichtungen und später dann in den Schulen aus Kindern »mündige Staatsbürger« zu machen. (GEA)

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