Spenden - Wolfgang Bauer besuchte ein Therapiezentrum in Bouaké, das mit Geld aus Reutlingen renoviert wird

Aus der Hölle zurück ins Leben

Von Andreas Dörr

REUTLINGEN. Die Entscheidung des städtischen Kulturamtes, ein Therapiezentrum für psychisch kranke Männer der Association Saint Camille de Lellis in Bouaké mit 40 000 Euro zu unterstützen, fiel im Frühjahr. Ein halbes Jahr später reiste der Reutlinger Journalist Wolfgang Bauer an die Elfenbeinküste, um in Reutlingens Partnerstadt die Renovierung und Erweiterung des Therapiezentrums anzustoßen. Im Gepäck hatte Bauer einen Plan des Reutlinger Architekturbüros Riehle & Partner.

Anna Löwenstein hat in einem Therapiezentrum für Kettenmenschen in Bouaké ein Praktikum gemacht. FOTO: PR
Anna Löwenstein hat in einem Therapiezentrum für Kettenmenschen in Bouaké ein Praktikum gemacht. FOTO: PR
Eine Woche war Bauer vor Ort, um die erste von drei Bauphasen anzuschieben. 20 000 Euro zahlte der Reutlinger auf ein Konto in Bouaké ein. Die ersten Ziegel wurden vor wenigen Tagen geliefert.

Bauer reist immer wieder in das westafrikanische Land. 2002 war er erstmals mit dem Reutlinger Fotografen Andreas Lobe in Bouaké, um über »Kettenmenschen« zu berichten. Bauer beschrieb das Leid psychisch Kranker aus Dörfern an der Elfenbeinküste und dem Benin, die an Demenz, Schizophrenie, Alzheimer, Psychosen und anderen psychischen Krankheiten leiden und deshalb in dunkle Verliese weggesperrt oder an Baumwurzeln gekettet werden - befallen von Dämonen, den Teufel im Leib, wie selbst Verwandte der Geschundenen glauben.

»Das Elend psychisch Kranker ist nirgendwo so groß wie in Westafrika. Sie werden gehalten wie wilde Tiere, in dunkle Verließe gesperrt, angekettet, sie verrotten bei lebendigem Leib, Zehntausende von ihnen«, schrieb Bauer.

Ihre einzige Hoffnung ist die katholische Organisation St. Camille de Lellis und ihr Direktor Gregoire Ahongbonon, der die Kranken von ihren Ketten befreit und sie in seine Therapiezentren holt. Sechzehn Zentren hat Ahongbonon bislang in den Ländern Elfenbeinküste und Benin gebaut, drei davon in Bouaké: Eine Psychiatrie für Frauen, eine Beschäftigungseinrichtung für Frauen und eine Psychiatrie für Männer, die jetzt mit Spendengeldern aus Reutlingen renoviert und saniert werden soll.

Hilfe ein paar Jahre ausgesetzt

Die 40 000 Euro stammen aus einer Bouaké-Spende der Firma Danzer. 250 000 D-Mark wurden 1993 auf ein Konto der Stadt überwiesen, die dieses Geld seitdem verwaltet, sagt Birgit Bader vom Amt für Städtepartnerschaften und Ehrungen.

Ein Teil davon wurde bereits für diverse Projekte verwendet, wobei die Hilfen in den Jahren 1998 bis 2004 wegen des Bürgerkriegs ausgesetzt wurden. »Heute ist es in dem Land ruhig«, sagt Bauer und zeigt Fotos von Toiletten, die kaum mehr sind als stinkende Gruben. In drei Bauabschnitten sollen in dem Zentrum für psychisch kranke Männer Duschen und WCs installiert sowie Küche und Schlafräume gebaut werden. Auch ein neuer Schlafkomplex ist geplant. »Ausgelegt ist das Zentrum für 100 Personen. Heute leben dort 293 Patienten und das Personal, das 20 Mitarbeiter zählt.« Bauer schätzt, dass die gesamten Arbeiten mit etwa 60 000 Euro zu Buche schlagen. Da trifft es sich, dass die Stiftung Entwicklungszusammenarbeit Baden-Württemberg Fördermittel in Höhe von 20 000 Euro bewilligt hat.

Mit dem Ausbau der Küche, heute noch ein »rauchiges Loch« (Bauer), können die Bauarbeiter in den nächsten Tagen beginnen. Auf fünf neuen Herden werden später Mahlzeiten zubereitet. Läuft alles nach Plan, werden die gesamten Arbeiten im Frühjahr 2011 abgeschlossen. »Es wäre schön, wenn dann Reutlinger privatfinanziert nach Bouaké reisen, um sich ein Bild von dem Zentrum zu machen«, sagt Bauer, der Interessierte bittet, sich per Mail bei ihm zu melden.

Bauer wurde auch deshalb von der Reutlinger Stadtverwaltung mit dem Anschieben der Bauarbeiten beauftragt, weil der Journalist stellvertretender Vorsitzender des Reutlinger Hilfsvereins Freundeskreis St. Camille ist. In dessen Auftrag wurden jetzt einmal mehr dringend benötigte Medikamente respektive Psychopharmaka gekauft. Ihr Wert: 13 000 Euro. »Das reicht gerademal für vier Monate«, weiß Bauer.

Gegründet wurde der Hilfsverein mit Unterstützung der früheren Reutlinger Stadträtin Margret Grimm und dem Notar Gerhard Steinhilper. Vorsitzender ist heute der Reutlinger SPD-Landtagsabgeordnete Rudolf Hausmann.

»Ohne Medikamente kann den Menschen nicht geholfen werden. Der Bedarf ist enorm. Wir sind auf Spenden und Hilfe angewiesen«, sagt Bauer, der die Studentin Ellen Braun (25) und die Ergotherapeutin Anna Löwenstrom (27) zum Pressegespräch in den Garten des Heimatmuseums mitgebracht hat.

Die beiden jungen Frauen sind Mitglied im Verein zur Förderung einer sozialen Psychiatrie. Dort hörten sie von der Association Saint Camille de Lellis. »Kann man da ein Praktikum machen?«, wollten sie von Wolfgang Bauer wissen, den diese Frage überrascht hat. »Darüber hatten wir bislang nicht nachgedacht.«

Drei Tage nach dieser Anfrage hatten Braun und Löwenstrom die Zusage für ein Praktikum in der Tasche. Finanzieren mussten sie ihren Aufenthalt in Bouaké allerdings selbst. Zweieinhalb Monate arbeiteten sie in einem Frauenzentrum. »Dort sind etwa 160 Frauen untergebracht«, sagt Braun.»Wir haben an ihrem Alltag teilgenommen, ihnen in der Küche geholfen, einen Gemüsegarten angelegt« - Hilfe, die gerne angenommen wurde, weil es nur zwei Verantwortliche in diesem Zentrum gibt. Stress und Ärger, der auch mal handgreiflich werden kann, sind programmiert.

Fachkräfteaustausch angeregt

»Die Frauen leiden an Psychosen, Demenz, Manie, Alzheimer, Depressionen. Etliche sind geistig behindert, andere sind Epileptiker«, sagt Löwenstrom. Viele dieser Patientinnen wurden ebenfalls als Kettenmenschen gehalten, lebten menschenunwürdig in ihren Dörfern - bis sie Gregoire Ahongbonon aus der Hölle zurück ins Leben holte.

»Auch diese Frauen brauchen Medikamente. Dann geht es ihnen besser«, sagt Braun, die sich wie Löwenstrom einen Fachkräfteaustausch mit Bouake vorstellen kann. »Wenn beispielsweise Psychologie- oder Medizinstudenten an die Elfenbeinküste gingen, wäre das toll.« Wolfgang Bauer nickt und scheint zu denken: Eine Idee, die aufzugreifen sich lohnt. (GEA)

www.wolfgang-bauer.info

mail@wolfgang-bauer.info

www.st-camille.com



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