REUTLINGEN. Seit November vorigen Jahres laufen die Arbeiten für das Reutlinger Jahrhundertprojekt: die neue Stadthalle auf dem ehemaligen Bruderhausgelände. Kostenrahmen laut Baubeschluss: 32,1 Millionen Euro für die Halle, für die Tiefgarage 9,8 Millionen. Von städtischer Seite aus betreut eine Projektgruppe das Vorhaben, die ihre Büros direkt neben der Baustelle bezogen hat. Allerdings nicht in einem Container, sondern im »Krankenhäusle«
Es steht unter Denkmalschutz, das sogenannte Krankenhäusle auf dem ehemaligen Bruderhausgelände, und derzeit am Rand einer Großbaustelle: ideale Voraussetzungen für die Projektgruppe Stadthalle unter der Regie von Klaus Kessler, die sich im September 2008 formierte und vergangenen Oktober das komplette Obergeschoss des historischen Gebäudes bezogen hat.
Kesslers Schreibtisch steht just an jener Stelle, wo zeitweise der Prediger, Industriepionier und Wohltäter Gustav Werner schlief und am 2. August 1887 auch gestorben ist. Was der Projektleiter aber keinesfalls als schlechtes Omen wertet. Der Architekt und Immobilienökonom sprüht vielmehr vor Elan, wenn er über die Herausforderungen spricht, die es im Verlauf des Stadthallenbaus zu bewältigen gilt, und seine Augen leuchten, wenn er durch die Fenster blickt - direkt auf die Baustelle: »Es ist jeden Tag ein Genuss, wenn ich rausschaue und sehe, wie das Kind wächst.«
Das ganze Projektteam, betont Kessler, teile seine Begeisterung und »lebt für die Halle«, als da sind Architekt und Teilprojektleiter Till Eder, die Verwaltungsmitarbeiter Patricia Mittnacht (halbtags) und Michael Neukamm sowie Sekretär Denis Rudolf.
Dessen ungeachtet könnte er sich, so Klaus Kessler, angesichts der Größe des Projekts auch noch eine Kraft mehr im Team vorstellen - doch letztendlich gehört der Kostendruck zu den drei zentralen Komponenten seines Auftrags: Die Budgets, der Zeitplan und die Qualitätsvorgaben sind einzuhalten. Eine durchaus »sportliche« Aufgabe, wie Kessler befindet.
Alles im Lot
Bislang laufe allerdings alles »zügig und sehr rund«, auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen im Rathaus. Begonnen haben die vorbereitenden Arbeiten drei Tage nach dem symbolischen Spatenstich am 6. November, Mitte Januar fingen die Bagger an, die eigentliche Baugrube auszuheben.
Die Rohbau-Arbeiten dürften im Juni oder Juli starten, momentan werde an der europaweiten Ausschreibung gearbeitet. Ende April soll das Ergebnis vorliegen, und der Projektleiter ist gespannt, »ob die Angebotssummen innerhalb des Budgets liegen, schließlich ist der Rohbau das wichtigste Gewerk überhaupt«. Die Übergabe der neuen Reutlinger Stadthalle ist für »Ende 2012« geplant.
Wie sich die Aufgaben der Projektgruppe - einer Stabsstelle, die direkt der Baubürgermeisterin Ulrike Hotz zugeordnet ist - auf einen Nenner bringen lassen? »Fachwissen und Moderation«, sagt Kessler: »Wir begleiten alle konstruktiv, die am Stadthallenbau beteiligt sind.« Dazu zählen neben der Bauleitung des Berliner Architekten Max Dudler, die im Erdgeschoss des Krankenhäusles ein Büro unterhält, »bis zu 35 Fachingenieure« sowie die Baufirmen, die Handwerker und die künftigen Nutzer.
»Ab und zu« fliegt Kessler auch nach Berlin, um mit den beiden fürs Reutlinger Projekt zuständigen Architekten direkt zu verhandeln - »das sind super engagierte Menschen«. Gelegentlich trifft er dabei auch mit Dudler zusammen, der sich »bei ganz wichtigen Dingen auch die Zeit dafür nimmt«. Beispielsweise für eine Führung durch die neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität in Berlin, die von seinem Büro entworfen wurde. Klaus Kessler war »hin und weg«, ihm gefällt Dudlers Stil und er identifiziert sich auch mit der Architektur der Reutlinger Stadthalle »voll und ganz«.
Fassade optimiert
An vielen Details hat der Projektleiter zusammen mit seinem Kollegen Till Eder gefeilt und so zur Optimierung beigetragen. Beispielsweise bei den Fassadenelementen, die »hundertfach verbaut werden« und nun für eine bessere Energiebilanz sorgen sollen.
Auch bei der Hinterbühne sei es gelungen, »mit relativ kleinem Budget eine sehr gute Lösung zu finden«, erläutert Kessler. Man habe dort gegenüber der ursprünglichen Planung Nebenräume untergebracht und somit mehr Lagerkapazität geschaffen, außerdem wurde ein zweiter Zugang für anliefernde Lastwagen geschaffen. Und im zweiten Obergeschoss, wo zunächst nur ein Flur und einige Abstellräume vorgesehen waren, werde es ein kleines, »gut angebundenes« Künstlerfoyer geben.
Klaus Kessler, Jahrgang 1962, ist gebürtiger Hechinger, studiert hat er an der Fachhochschule Konstanz (Architektur) und später an der Berliner »European Business School« (BWL). Die Projekte, die er bislang schon gesteuert hat, summieren sich auf 250 Millionen Euro.
Für die Stadt Reutlingen wurde er zum ersten Mal 2007 tätig, im Juni 2009 übertrug man ihm die Projektleitung für den Stadthallen-Neubau: »So eine Aufgabe bekommt man nicht so oft im Leben übertragen«, freut sich Kessler, »und es ist reizvoll, mit einem so bekannten Architekten wie Max Dudler zusammenzuarbeiten«.
Dem Credo der OB, dass die neue Halle »für alle« da sein soll, fühle er sich besonders verpflichtet. Immer wieder merke er, dass »sich manche Bürger gar nicht so mitgenommen fühlen«, und wolle deshalb dazu beitragen, dass sich das ändert. Unter anderem auch durch Öffentlichkeitsarbeit: Eine »Webcam« übermittelt regelmäßig Bilder vom aktuellen Baufortschritt auf die städtische Homepage, und »wenn man mal etwas mehr sieht«, sollen auch Baustellenführungen angeboten werden. (GEA)
DAS HISTORISCHE KRANKENHÄUSLE
Das »Krankenhäusle«, in dem sich derzeit die Stadthallen-Projektgruppe eingemietet hat, wurde 1884/85 gebaut und am 3. August 1885 eingeweiht.
Gustav Werner verbrachte dort seine letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod am 2. August 1887.
Die Wandvertäfelung und die Einbauwandschränke sowie die Fenster und die Türklinken sind nach Auskunft des Eigentümers, der Bruderhaus-Diakonie, »wohl noch allesamt Originale aus Gustav Werners Zeit und wurden teilweise restauriert, ebenso der Wandanstrich in der originalen Farbmischung«.
Das Sterbezimmer diente in den letzten Jahren als Sekretariat. Auf dem Fußboden ist immer noch der Bettpfostenabdruck von Gustav Werners Bett zu sehen.
Die seit 1996 im Krankenhäusle tätigen Einrichtungen des Gemeindepsychiatrischen Zentrums sind vor einiger Zeit ausgezogen und jetzt in der Gustav-Werner-Straße 25 untergebracht.
Am Gemeindepsychiatrischen Zentrum beteiligt (und bisher im Krankenhäusle untergebracht) waren zuletzt:
- die Bruderhaus-Diakonie mit den Sozialpsychiatrischen Hilfen Reutlingen/Zollernalb , wozu unter anderem die Angebote der Häuslichen psychiatrischen Pflege und der Sozialpsychiatrische Dienst gehören, sowie die Angebote des früheren Sozialpsychiatrischen Wohnverbunds (Beispiel: ambulant betreutes Wohnen)
- der Verein für eine soziale Psychiatrie (VSP), der im Krankenhäusle das Kontaktcafé betrieben hat, eine Ergotherapie und Beschäftigungsangebote sowie ambulant betreutes Wohnen
- die Psychiatrische Institutsambulanz der PP.rt (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Reutlingen).
Quelle: Bruderhaus-Diakonie