Alkohol - Nicht nur junge Leute trinken bis zur Besinnungslosigkeit. Vor allem über 40-Jährige konsumieren heftig

Alkohol: Vollrausch durch alle Generationen

VON TEJA BANZHAF

KREIS REUTLINGEN. Wenn an Silvester die Korken knallen, gibt es eventuell Rekorde in 2012 oder die Grundlage für neue in 2013: Denn Kids, die sich ins Koma trinken, machen nicht nur Schlagzeilen, sie füllen die Statistik. Allerdings nicht allein: Kampftrinker gibt es in allen Generationen und nicht zu knapp, wie der Blick auf die Zahlen zeigt. In der Altersklasse unter 20 schauten im Kreis Reutlingen im letzten Jahr zwar 89 Trinklustige derart ins Glas, dass sie erst im Krankenhaus wieder aufwachten.

FOTO: dpa
Das sind aber trotzdem nur rund 7 Prozent der registrierten 1 348 Vollrauschfälle. Die Schluckspechte sitzen in den anderen Altersgruppen: Die Gruppe U 30 kam auf einen Anteil von mehr als 11 Prozent, die U 40-Fraktion auf über 13 Prozent. Vor allem die älteren Herrschaften trinken aber durchaus gerne, bis der Arzt kommt: Die 40- bis 50-Jährigen brachten es auf knapp 28 Prozent der komatösen Vollräusche, ebenso die 50- bis 60-Jährigen. Der Rest von gut 13 Prozent betraf noch Ältere.

Rekordumsätze im Handel

Alkohol in Massen statt in Maßen genossen ist ein Problem, sagen die Krankenhausstatistik, die Polizeiberichte und die Krankenkassen. Beispiel Barmer: Vier von Tausend der dort Versicherten landen inzwischen jährlich wegen gefährlich hohen Alkoholkonsums in Kliniken, so viele wie nie zuvor. Erst danach folgen die früher häufigsten Diagnosen wie diverse Herz- und Kreislauferkrankungen. Jetzt naht Silvester und damit ein Höhepunkt des Alkoholkonsums, samt der letzten Chance auf Rekordumsätze im alkoholorientierten Einzelhandel, an Tankstellen und den Stellen, an denen Feiernde gerne tanken. Punkt 24 Uhr wird sich in der Silvesternacht entscheiden, ob 2012 im Kreis Reutlingen neue Rekorde aufgestellt werden. Was für komatöse Patienten ebenso gilt wie für Steuereinnahmen, denn Handel und Hersteller machen zuweilen vor allem Umsatz mit der trinkfesten Bevölkerung. Vater Staat macht immer Gewinn, von dem er dann kleine Beträge samt mahnender Worte in die Prävention steckt.

Kleines Beispiel: Bei Aldi gibt's diese Woche das 0,7er-Fläschchen Premium-Wodka (»rein, mild und klar«) für 4,99 Euro. Da steckt 37,5-prozentiger Alkohol drin und der Finanzminister genehmigt sich einen kräftigen Finanzschluck aus dieser Pulle, denn pro Liter Alkohol fallen fixe 13,03 Euro Branntweinsteuer an. Also 13,03 Euro mal 0,7 mal 0,375, das macht 3,42 Euro. Dazu kommt die 19-prozentige Mehrwertsteuer auf den Verkaufspreis von 4,99 Euro gleich 80 Cent. Der Finanzminister kassiert von diesem Fläschchen also 4,22 Euro. Für Händler und Hersteller bleiben 77 Cent. Da bekommt der Begriff »sprudelnde Steuerquelle« gleich eine ganz neue Bedeutung. Nur zur Klarstellung: Wenn der Inhalt der gleichen Flasche in der Disco für 20 Euro ausgeschenkt wird, bleibt's bei den 4,22 Euro staatlichen Anteils. Es läppert sich aber: Mindestens drei Milliarden Euro jährlich zaubert der Staat für sich aus der Flasche. Wegen der teuren Discodrinks hat die Jugend das Vorglühen erfunden. Deswegen sind die Aldi-Preise in der Szene wichtig. Die baden-württembergische Jugend ist aber weit besser als der schlechte Ruf, der dem Nachwuchs anhängt: Die Trinkfreudigen unter 20-Jährigen stellen mit landesweit gerade mal 9,3 Prozent die drittkleinste Gruppe der Krankenhausfälle. Mit ihrem Anteil von 6,6 Prozent im Kreis Reutlingen liegen die hiesigen unter 20-Jährigen noch unter dieser Landesquote. Sie stellten 89 Komapatienten, von denen dabei 19 unter 15 Jahren alt waren. 2010 hatte die Zahl der Krankenhausfälle bei den 10- bis 20-Jährigen noch bei 116 gelegen.

Insgesamt waren es 2011 im Kreis Reutlingen 1 348 Komapatienten (2010: 1 143 und 2007: 975). Nach Altersklassen aufgeteilt, sieht es so aus, dass die Altersklasse 40 bis 50 im Jahr 2011 insgesamt 373 Vollrausch-Krankenhauspatienten stellte (2010: 303 und 2007: 273). Die Altersklasse 50 bis 60 war mit 374 Komatrinkern dabei (2010: 275 und 2007: 206. Zum Vergleich noch die anderen Altersgruppen: 20 bis 30: 155 Einlieferungen (2010: 100 und 2007: 66), 30 bis 40: 180 Krankenhausaufenthalte (2010: 197 und 2007: 157), 60 bis 70: 118 (2010: 113 und 2007: 106) Komapatienten und in der Altersgruppe 70 und älter: 59 Vollräusche mit Klinikaufenthalt (2010: 39 und 2007: 58).

Ältere länger im Krankenhaus

Die Daten basieren auf der Krankenhausstatistik, die beim Statistischen Landesamt geführt wird. In der sind laut Dr. Lothar Baumann sowohl die Fälle, die in die sogenannte Mitternachtsstatistik eingehen, also über Nacht im Krankenhaus bleiben, als auch die sogenannten Stundenfälle, die am Tag der Aufnahme in die Klinik auch wieder entlassen werden, erfasst. Wobei es da vor allem die jüngeren Menschen sind, die schnell wieder aus dem Krankenhaus kommen. Je älter der trinkfreudige Mensch, desto länger sind laut Statistik die Krankenhausaufenthalte. Sie können bis zu zwölf Tage dauern.

Damit steigen auch die Kosten für die Allgemeinheit. Allerdings nimmt im Alter die Zahl der Vollrauschpatienten ab. Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Älteren weniger trinken, sondern daran, dass hoher Alkoholkonsum das Älterwerden verhindert. (GEA)



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