Schule - Theater-AG des Albert-Einstein-Gymnasiums spielt Eigenproduktion „Fluchtpunkt“

AEG-Theater: Wenn noch alles möglich ist

Von Martin Schreier

REUTLINGEN. Schule. Abi. Und dann? Das Leben von Jugendlichen auf den letzten Metern ihrer schulischen Laufbahn gleicht einer entschlossenen Reise ins Ungewisse. Der Abschluss ist das Ziel, was danach kommt ein Rätsel. In ihrem Stück "Fluchtpunkt" hat die Theater-AG des Albert-Einstein-Gymnasiums (AEG) diese Zeit vor dem Abschluss mit all seinen Facetten beleuchtet und einfühlsam dargestellt. Am Donnerstag und Freitag führten die zehn Darsteller, neun Schülerinnen und ein Schüler, die Eigenproduktion vor Publikum in der Schulaula auf.

Die Theater-AG des AEG präsentiert: "Fluchtpunkt"
FOTO: Martin Schreier
Schon die Eingangsszene macht den Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wunsch und Erfüllung in der jugendlichen Lebenswelt deutlich. Die Schüler lesen Briefe, die sie vor Jahren an sich selbst geschrieben haben. Erwartungen, Pläne, Fragen offenbaren sich darin. Wie ist es zu küssen? Wie schmeckt die erste Zigarette? Die kleine Sophie wünscht der erwachsenen Sophie, dass ihr Leben genauso schön ist, wie zur Zeit der Niederschrift. "Was für ein Mist", sagt die ältere Sophie, zerknüllt den Brief und wirft ihn in die Ecke.

Eine der zentralen Fragen für die angehenden Absolventen ist die Frage nach dem danach. Nicht nur, dass sie sich die Frage selber stellen. Auch aus ihrem Umfeld trommelt sie auf sie ein. In der Aula des Gymnasiums - einer Kombination aus Atrium und Treppenhaus - lässt sich diese Situation eindrucksvoll darstellen. Von einem Spot angestrahlt steht eine Darstellerin ebenerdig, während von den oberen stockfinsteren Etagen Fragen und Ratschläge auf sie eintrommeln.

"Ob ich erreiche was ich will", fragt ein Mädchen; "Weißt du, was du willst", ein anderes. Hoffnung mischt sich mit Verzweiflung. Die Kinder- und Jugendjahre hat eine genossen. Und dann ist plötzlich alles vorbei? "Mit achtzig vergammelst du im Altenheim." Suzidgedanken. Ein Teddy fällt stellvertretend ins dunkle Nichts. Alles ausprobieren wäre eine Möglichkeit. Wie viel kann man essen? Mit wie vielen Freunden kann man schlafen, ohne schwanger zu werden?

Ob typische Unterrichtsstunde, Party oder problematische familiäre Situation - die Jugendlichen offenbaren eine umfassenden Einblick in den Alltag ihrer Figuren. Die tadellose Klassenstreberin, die ungerührt aus fünf Metern Entfernung erkennt, ob eine Mitschülerin den Sinus oder Cosinus anwenden muss, darf selbstverständlich auch nicht fehlen. Gegen Ende gratuliert aus den Lautsprechern die Stimme eines Pädagogen zum bestandenen Abschluss: "Glückwunsch zum Abi. Schade, dass es nicht alle geschafft haben." Auch das gehört dazu.

"Fluchtpunkt" ist in einjähriger Arbeit unter Leitung der Theaterpädagogin Cordelia Honigberger entstanden. Mit ihr haben die Schüler nach und nach die Charaktere und Dialoge entwickelt. "Viele haben sich selbst gespielt", sagt die Darstellerin Franziska Gerstbauer. Sich selbst zu spielen sei schwerer. "Da wird man mit den eigenen Gefühlen konfrontiert. Mir hat das was gebracht." Sie gehört zu denjenigen, die schon wissen, was sie nach der Schule machen wollen, nämlich eine Schauspielausbildung.

"Ich gehe nach Finnland und züchte Rentiere", scherzt Paul Ambros. Er ist der einzige männliche Darsteller im Stück und fühlt sich damit wohl. "Sehr mädchenlastig", findet hingegen Theresa Schäfer die Schauspieltruppe. "Das ist schon schade. Jungs denken anders. Aber wenn die nicht mitspielen wollen - Pech gehabt." In seinem letzten Schuljahr will sich Paul aus dem Theaterspiel zurückziehen. "G8 ist natürlich Druck." Ähnlich sieht es Carolin Günther aus der zehnten Klasse. "Ich werde wahrscheinlich noch ein Jahr mitspielen und mich dann aufs Abi konzentrieren." Auch die Theaterpädagogin Honigberger spürt die Auswirkungen von G8. "Die Schüler konnten sich früher stärker engagieren. Jetzt ist es eine Kampf um die wenige Zeit, die sie haben." Trotzdem hält sie nichts von einer Rücknahme der verkürzten Gymnasialzeit.

Zu den Herausforderungen in einer Theater-AG zählt auch die von Jahr zu Jahr wechselnde Besetzung. Die Arbeitsgemeinschaft steht den AEG-Schülern ab der achten Klasse offen. Manche bringen schon schauspielerische Erfahrungen mit. Malina Palmer spielt schon seit mehreren Jahren in einer kirchlichen Gruppe mit. Aber ein Stück, wie Fluchtpunkte, selbst zu entwickeln sei spannender, meint die 16-Jährige. Die Aufführung fand sie toll, bedauert aber, dass es nur so wenige Gelegenheiten gibt. Doch ein großer Auftritt steht der jungen Truppe noch bevor. Im Sommer 2013 spielt sie während der Schultheatertage im LTT.(GEA)


 
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