Jubiläum - Vor 50 Jahren ging das Albert-Einstein-Gymnasium an den Start: Erst als Provisorium, dann als Neubau

50 Jahre Albert-Einstein-Gymnasium: Kreative Kraft

VON HEIKE KRÜGER

REUTLINGEN. Der 21. Mai 1971 ist ein Freudentag. »Uns ist kommen eine liebe Zeit« intonieren Schülerstimmen eine Kantate von Cesar Bresgen und rollen vor Oberbürgermeister Oskar Kalbfell nebst Verwaltungsentourage, vor Vertretern des Oberschulamts und der Landespolitik einen schönen Klangteppich aus. Hunderte geladener Gäste sitzen in der Turnhalle des Albert-Einstein-Gymnasiums. Sie sind erwartungsfroh und werden in Kürze erkunden, was für stolze 9,1 Millionen D-Mark in rund zwei Jahren Bauzeit geschaffen wurde: das funkelnagelneue Albert-Einstein-Gymnasium (AEG).

Mit neuem Logo in die Bildungszukunft: »Ein Stein ist nicht genug!«
Mit neuem Logo in die Bildungszukunft: »Ein Stein ist nicht genug!«
Doch vor dem Rundgang ist erst mal Sitzfleisch gefragt, steht ein stattlicher Redner-Reigen auf dem Programm. Alle, die ans Pult treten, rühmen den Gebäudekomplex südlich der Sonnenstraße als architektonisch zukunftsweisend, funktional, flexibel und jugendfreundlich. Kalbfell selbst spricht von einer Schule, die »im Geiste unserer Zeit geschaffen wurde« und den »Erfordernissen moderner Pädagogik Rechnung trägt«.

Klare Grundrissform

Entworfen wurde sie von Architekt Helmut Schaber, dessen Konzept den gesamten Reutlinger Gemeinderat entzückt - wegen seiner »klaren Grundrissform« einerseits, andererseits aber auch wegen seiner vergleichsweise niedrigen Realisierungskosten. Zwar hatte Schaber bei einem von der Kommune ausgelobten Wettbewerb lediglich den dritten Platz ergattert. Gleichwohl konnte er sich nach Abwägung aller Vor- und Nachteile souverän gegen die Konkurrenz durchsetzen. Sogar gegen den Siegerentwurf des Büros Kaufmann, der die Stadt als Bauherrin unterm Strich deutlich teurer gekommen wäre: 400 000 Mark mehr hätten hingeblättert werden müssen.

Neben dem Friedrich-List-, dem Johannes-Kepler- und dem Isolde-Kurz-Gymnasium ist das AEG die vierte Reutlinger Studenten-Schmiede. Und zwar eine, an deren Notwendigkeit keine Zweifel bestehen. Zumal die Achalmstadt wächst und wächst. Geburtenstarke Jahrgänge fordern ihren Tribut. Zuziehende Familien ebenfalls. Und schon seit Ende der 1950er-Jahre trägt sich das Stadtparlament deshalb mit dem Gedanken, ergänzenden Bildungsraum zu schaffen.

Erblühender Nordraum

Dass bis zum Spatenstich am 19. August 1968 trotzdem noch einiges Wasser die Echaz runterfließen soll - diese Verzögerung ist maßgeblich den Pfennigfuchsern um OB Kalbfell geschuldet. Denn die liebäugeln zunächst mit einem Sparmodell: dem Ausbau des Listgymnasiums. Ein solcher wäre freilich einem Tropfen auf dem heißen Stein gleichgekommen, wie am Ende sogar die preisbewusstesten Stadtväter einsehen müssen.

Insbesondere die Bedürfnisse des erblühende n Reutlinger Nordraums mit seinem damals noch jungen Wohnquartier Orschel-Hagen und dessen wachsender Einwohnerschaft lässt sich Mitte der Sechziger nicht länger ignorieren. Weshalb es - der AEG-Neubau war zu diesem Zeitpunkt beschlossene Sache - zu einer provisorischen Klassenzimmerlösung und der Gründung des Albert-Einstein-Gymnasiums als Bildungseinrichtung ohne eigene Bleibe kommt.

In der Orschel-Hagener Schillerschule ist's, wo vier fünfte Klassen und eine sechste als Außenposten des »Kepi« Unterschlupf finden. Insgesamt 188 Kinder, die mit Beginn des Schuljahres 1967/68 gänzlich vom »Kepi« abgenabelt werden und sich fortan mit dem Segen des Oberschulamts als Albert-Einsteinler aufs Abitur vorbereiten. Derweil ihre künftige Penne Gestalt annimmt.

Am 9. September 1970 ist die Immobilie bezugsfertig. 21 Klassen in sechs Stufen mit 800 Schülern richten sich zwischen Rommelsbacher und Sonnenstraße ein. Der Reutlinger General-Anzeiger titelt »Die Zeit im Exil ist vorüber« und greift damit ein Zitat von Studiendirektor Dr. Schmid auf, der die Interimsphase an der »Schiller« als »beengt« beschreibt. Was nur euphemistisch zu nennen ist, angesichts »bedrohlich angewachsener Schülermassen«: Das Haus, das für maximal 500 Mädchen und Jungen ausgelegt ist, hat im Schuljahr 69/70 sagenhafte 800 »Zöglinge« beherbergt.

Jetzt also der Umzug, der Neuanfang auf einer Baustelle. Denn das AEG ist mitnichten komplett. Zwar sind sämtliche Klassenzimmer unterrichtstauglich eingerichtet, einige Fachräume und die Turnhallen harren indes ihrer Fertigstellung. Übrigens zum großen Missfallen von Oberbürgermeister Oskar Kalbfell, der laut GEA auf diese Säumnis ausgesprochen ungehalten reagiert und »ein Machtwort gegenüber der Einrichtungsfirma« spricht. Und siehe da: Immerhin das für damalige Verhältnisse topp-moderne Sprachlabor - ein Alleinstellungsmerkmal in der Reutlinger Bildungslandschaft - kann sofort genutzt werden.

Flexibles Raumkonzept

Der Unterrichtsalltag am neuen Standort beginnt, die offizielle Einweihung lässt allerdings baustellenbedingt auf sich warten. Sie wird knapp acht Monate später nachgeholt: mit dem eingangs erwähnten Festakt und einem Tag der offenen Schultür, der reichlich Publikum anzieht.

Was die Besucher zu sehen bekommen, gefällt - sowohl architektonisch als auch die Ausstattung betreffend. Die riesige Aula beispielsweise imponiert, aber auch das Raumkonzept mit seinen flexibel einsetzbaren Trennwänden als solches.

Es ist eine Ode an die Innovation, die von etlichen Honoratioren angestimmt wird, die für damalige Verhältnisse nachgerade visionäre Gedanken formulieren. Etwa die Idee, das AEG irgendwann einmal zur Gesamtschule umzugestalten - zumindest aber zu einem kooperativen Bildungszentrum, das mit der benachbarten Römerschanz- und der Hermann-Hesse-Realschule gemeinsame Sache macht. Und das überdies zum »kulturellen Zentrum« des Reutlinger Nordraums erwachsen soll. Wie? Durch eine bestens bestückte Bibliothek.

Sogar über einen schulischen Ganztagesbetrieb mit verlässlichen Unterrichtszeiten und Hausaufgaben- beziehungsweise Freizeitbetreuung wird am »Tag der offenen Tür« laut nachgedacht. Über offene Klassenverbände ebenfalls und - man höre und staune - über individuelles Lernen. Dass »besonders begabte Kinder an speziellen Fächern teilnehmen« und auf höherem Niveau unterrichtet werden, dass aber auch »Kinder mit Schwierigkeiten ihre Klassen nicht verlassen müssen«, sondern gezielte Förderung erhalten.

Man werde, schreibt der GEA-Berichterstatter, Wert auf ein breiteres Leistungsangebot legen, »sodass jeder Schüler entsprechend seiner Neigungen die Möglichkeiten spezieller Vertiefung seiner Kenntnisse« habe - weg von »Hörsaalprinzip« und »Roboterdenken«, hin zu einer »lebendigen, menschlichen Schule«, an der die »produktiven und kreativen Kräfte der Schüler« geweckt werden. Zumal der Name des neuen Gymnasiums verpflichte. »Albert Einstein sei nicht nur ein strenger Denker, sondern auch ein musischer Mensch, ein Streiter gegen Vorurteile gewesen.«

All das liegt jetzt fünf Dekaden zurück und klingt doch so frisch, als seien die Festredner erst gestern ans Mikrofon getreten. Zwar haben sich ihre Prophezeiungen nicht in toto bewahrheitet. Manches freilich wurde umgesetzt. Und noch vieles weitere, das anlässlich der AEG-Einweihung weder an- noch ausgesprochen wurde. Darunter die Gründung eines rührigen und engagierten Fördervereins, die inklusive Kooperation mit der Peter-Rosegger-Schule, die Eröffnung eines Neubaus nebst Mensa 2006/07, die Einrichtung einer Mediothek (2012) und ganz aktuell: der Ausbau des angestammten Werkraums zum naturwissenschaftlichen Multifunktionsraum.

Bunte Mitmach-Sause

24 Arbeitsgemeinschaften - von der Theater- und Forscher AG über die »Swingin' Alberts« und »Einsteinflöhe« bis hin zu den »Sprachdetektiven« - bereichern das schulische Leben an der Rommelsbacher Straße. Hinzu kommen AEG-eigene Pädagogik-Angebote wie das 2002 aus der Taufe gehobene »Bilinguale Profil«, Klettern als Unterrichtsfach oder der Wahlkurs »Literatur und Theater« - um nur eine Handvoll Beispiele zu nennen.

Klar, dass all das ausgiebig gefeiert werden will und das »Einstein« im Jubiläumsjahr auf die Pauke haut. Einen Festakt »50 Jahre AEG« für geladene Gäste wird es zwar erst im Herbst geben. Die bunte Mitmach-Sause für jedermann nebst Showeinlagen, Präsentationen, Musik und kulinarischen Köstlichkeiten steigt jedoch schon am kommenden Samstag (siehe Info-Box). (GEA)



Das könnte Sie auch interessieren

Deutschland warnt Trump vor «Zerstörung» des Iran-Abkommens

Berlin (dpa) - Die Bundesregierung hat US-Präsiden... mehr»

Deutschland warnt Trump vor «Zerstörung» des Iran-Abkommens

Techniker der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO inspizieren eine Uranumwandlungsanlage in Isfahan. Foto: Abedin Taherkenareh/Archiv

New York/Berlin (dpa) - Die Bundesregierung hat US... mehr»

Ingolstadt muss umstrittene NPD-Wahlplakate hängen lassen

Ingolstadt (dpa) - Die Stadt Ingolstadt muss umstr... mehr»

Deutschland gibt weitere Millionen für Rohingya-Flüchtlinge

New York (dpa) - Die Bundesregierung stellt weiter... mehr»

Mailänder Modewoche: Gucci ist im Widerstand

Die Frau mit Bart: Bei Gucci hat auch Skurriles seinen Platz. Foto: Luca Bruno

Mailand (dpa) - Mit dieser Modebotschaft dürfte Gu... mehr»

Aktuelle Beilagen
Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Aktion

Zeitungspaten gesucht

Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
lesen »