Nahverkehr - Grüne wandern auf der geplanten Strecke. Erster »Zug« seit 47 Jahren auf dem Weg

»Verflixt noch mal« Zeit für die Stadtbahn

KREIS REUTLINGEN. »Wir brauchen die Regionalstadtbahn«, waren sich alle Redner vor dem Reutlinger Hauptbahnhof am Sonntag in aller Herrgottsfrühe um 9 Uhr einig. Das Wetter präsentierte sich nach Wochen der Trockenheit und Hitze der Jahreszeit angemessen: Kühle Temperaturen und Nieselregen hielten die Grünen aus der Region aber nicht ab, an dieser speziellen Wanderung teilzunehmen. »Vor 47 Jahren fuhr die letzte Bahn zwischen Reutlingen und Engstingen, wir bringen heute den ersten Zug wieder auf die Strecke«, betonte Grünen-Kreisvorstandsmitglied Timo Heimberger und präsentierte ein Modell, das er auf einem Leiterwägele positionierte.

Helmut Bachschuster (rechts)  präsentiert in Pfullingen ein Gutachten der Grünen zur  »Stadtbahn« von  1989.
Helmut Bachschuster (rechts) präsentiert in Pfullingen ein Gutachten der Grünen zur »Stadtbahn« von 1989. FOTO: Petra Schöbel
Begrüßt wurde die 14-Kilometer-Wanderung auf der Strecke der Regionalstadtbahn (RSB) aber nicht nur von den grünen Landes- und Bundespolitikern Thomas Poreski und Beate Müller-Gemmeke, sondern auch von Landrat Thomas Reumann und Reutlingens Erster Bürgermeisterin Ulrike Hotz: »Die Menschen in der Region brauchen die RSB, weil 60 Prozent aller Arbeitsplätze an der Achalm von Ein- und Auspendlern belegt werden«, so Hotz. Die Reaktivierung der Ermstalbahn wie auch der Schwäbischen Alb-Bahn hätten laut Reumann gezeigt, dass sich daraus Erfolgsmodelle entwickelten. Aber: Die Finanzierung der RSB sei, so der Landrat, noch das große Problem. Der Zusage vom Land, 20 Prozent als Co-Finanzierung zu bezahlen, fehle die Zusicherung vom Bund, 60 Prozent der Gesamtkosten zu übernehmen. Rainer Buck forderte, dass endlich eine Projektgesellschaft zur Realisierung der RSB gegründet werden müsse. Das Fazit von Ulrike Hotz: »Es wird verflixt noch mal Zeit, dass die RSB auf den Weg kommt.«

Trasse »mitten durch Pfullingen«

Eine Stärkung gab es für die Wanderer kurz nach 11 Uhr am Pfullinger Lindenplatz, wo in absehbarer Zukunft die RSB einen Haltepunkt haben sollte. Zumindest sprach sich Malin Hagel von der GAL Pfullingen eindeutig dafür aus, die RSB-Trasse auf der ehemaligen Straßenbahnstrecke »mitten durch die Stadt« zu führen und nicht auf der alten Bahntrasse, die abseits des Innenstadtgeschehens liegt. Das sei auch der Wunsch der Pfullinger Gewerbetreibenden, betonte sie. Denn seitdem der Tunnel den Verkehr am Marktplatz vorbeiführe, mangele es den Läden an Kunden. Mit der RSB, so hoffe der Gewerbe- und Handelsverein, würden wieder mehr Menschen den Weg zum Einkaufen in der Innenstadt finden. »Busse und Bürgerbus bleiben für die RSB als Zubringer wichtig«, betonte Hagel. Dieter Mezger vom Pfullinger Brauchtumsverein erläuterte seine Vision, in Pfullingen eine Nostalgiebahn aufzubauen, die ebenfalls die RSB-Trasse nutzen könnte. Dass Schienenfahrzeuge publikumswirksam sind, belegte er mit einem Rückblick auf die jüngste Straßenbahn-Aktion in Pfullingen: »In vier Wochen haben mehr als 2 500 Menschen die Angebote rund um den historischen Straßenbahnwagen auf dem Marktpatz besucht.« Helmut Bachschuster überraschte die Wanderer mit einer Broschüre aus dem Jahr 1989: ein Gutachten zum Thema »Stadtbahn«, das die Grünen seinerzeit anfertigen ließen.

Weitere Marschverpflegung gab es beim Bahnhof Honau, wo Bürgermeister Peter Nußbaum sowie Michael Staiger und Herbert Maier vom Verein der Zahnradbahnfreunde die Wandergruppe begrüßten. Die »Eisenbahner« nutzten die Gelegenheit, ihre Konzeption »Albaufstieg, Schiene und Straße im oberen Echaztal« vorzustellen. Demnach sollte der Autoverkehr über die Stuhlsteige auf die Alb geführt werden, die RSB direkt durch Honau und den Scheiteltunnel (mit moderater Steigung) hinauffahren und die Zahnradbahn auf ihrer angestammten Trasse Engstingen erreichen und damit an das Schienen-Freizeitnetz angebunden werden.

»Stellen Sie sich drei Gleise vor: hier der Zug nach Münsingen, dort nach Gammertingen, in der Mitte die Regionalstadtbahn.« Die Vision von Alb-Bahn-Chef Bernd-Matthias Weckler für den Kleinengstinger Bahnhof wurde illustriert durch die eben einfahrenden Freizeitzüge der Alb-Bahn und der HzL. Die RSB bis Engstingen – dieser im Modul drei geplante Bauabschnitt sollte, findet Weckler, dringend vorgezogen werden: Auf keinem anderen Streckenabschnitt sei der Verlagerungseffekt von der Straße auf die Schiene größer, sagte der Eisenbahner unterm Applaus derer, die bis zur Endstation Engstingen durchgehalten hatten.

Wie der aus Kohlstetten stammende Timo Heimberger hätte sich auch Engstingens Bürgermeister Mario Storz, der aus Trochtelfingen nach Reutlingen zur Schule pendelte, schon zu Jugendzeiten die Regionalstadtbahn gewünscht. »Das wäre eine Aufwertung für die ganze Region.«

Was die Tour gebracht hat? Auf jeden Fall das, finden Mitwanderer: abstrakte Pläne konkret zu machen. (nol/ps/dew)

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