Schriftkunde - In der »Sütterlin-Schreibstube« des Treffpunkts für Ältere übersetzt Marianne Geisel alte Dokumente

»Mein liebes, gutes Mütterlein...«

VON LEONIE FEUERBACH UND HEIKE KRÜGER

REUTLINGEN. Beim Ausmisten von Dachboden und Keller kommen sie zuweilen ans Tageslicht: uralte Briefe und Kladden, Poesiealben, Verträge oder Tagebücher. Doch was (Ur-)Oma und Opa dereinst handschriftlich festgehalten haben - ihre Enkel können es meist nicht mehr lesen.

»Wir schreiben heute alle Latein und das ist auch gut so«: Marianne Geisel hilft Unkundigen, die in Sütterlin-Schrift verfassten Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen ihrer Vorfahren zu entziffern. FOTO: DPA
»Wir schreiben heute alle Latein und das ist auch gut so«: Marianne Geisel hilft Unkundigen, die in Sütterlin-Schrift verfassten Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen ihrer Vorfahren zu entziffern. FOTO: dpa
Und das nicht etwa, weil die papiernen Preziosen hoffnungslos vergilbt oder ihre Tinte bis zur Unkenntlichkeit verblasst wäre, sondern weil die Dokumente in »Sütterlin« abgefasst wurden - in einer Schrift, die heute nahezu in Vergessenheit geraten ist und meist nur noch von Senioren entziffert werden kann. Etwa von Marianne Geisel (80), die sich deshalb schon seit geraumer Zeit als ehrenamtliche »Dolmetscherin« anbietet.

»Mein liebes gutes Mütterlein« - so begann der Brief eines Mannes, den Marianne Geisel einmal übersetzt hat. Die Nachkommen seines Verfassers hatten das Schriftstück gefunden - doch lesen konnten sie kein Wort. Ihr Vorfahre hatte nämlich in Sütterlin, in der sogenannten deutschen Schrift, geschrieben, in der des frühen 20. Jahrhunderts. Und ohne die Hilfe von Marianne Geisel hätte sich ihnen der Inhalt des Briefes vermutlich niemals erschlossen. Die 80-Jährige indes hatte keine Probleme mit der Lektüre. Sie las ihnen die Zeilen vor. »Das war schon arg schön. Denn solche innigen Worte werden heute ja nur noch selten benutzt«, sagt sie gerührt.

»Solche innigen Worte werden heute ja nur noch selten benutzt«
 

So geht das häufig in der »Sütterlin-Schreibstube« in Reutlingen. Wenn Eltern oder Großeltern gestorben sind, finden die Kinder und Enkel alte Unterlagen. Doch weil heute kaum noch jemand Sütterlin lesen kann, ist Marianne Geisel zur Übersetzerin der vergessenen Schrift geworden.

Viele, teils hoch emotionale Texte sind so schon durch die Hände der Reutlinger Rentnerin gegangen. Besonders traurig sei etwa ein Kriegstagebuch gewesen, das ein Mann mitbrachte. Er wollte anhand der Aufzeichnungen die Stationen seines Vaters während des Ersten Weltkriegs nachverfolgen, hatte das Tagebuch allerdings erst entdeckt, nachdem sein Vater gestorben war.

Seit zwei Jahren gibt es die »Sütterlin-Schreibstube« im Treffpunkt für Ältere, Gustav-Werner-Straße 6A. Viermal jährlich findet sie statt, manchmal auch nach Bedarf. »Sonst haben wir Seminare wie 'Hilfe, mein Handy klingelt', in denen Jüngere die Älteren unterstützen, mit moderner Technik umzugehen. Hier ist es genau andersherum: Die Jüngeren profitieren von den Älteren. Das ist ganz toll«, findet Rose Saur. Die 51 Jahre alte Sozialpädagogin ist für das Programm im Treffpunkt verantwortlich. Auch Marianne Geisel ist begeistert von dem Konzept: »Es entsteht ein Miteinander von Jüngeren und Älteren. Das hält die Alten jung.«

Neben Tagebüchern werden auch viele handschriftlich verfasste Briefe in die »Sütterlin-Schreibstube« getragen. Bei Kaffee und Tee kümmern sich die Senioren hier um ihre Gäste und deren historische Dokumente. Wobei Letztere mitunter selbst für Sütterlin-Kundige nur schwer entzifferbar sind. Etwa dann, wenn ihre Verfasser die Feder weiland eher flüchtig, wenn nicht sogar schlampig geführt haben. In solchen Fällen, verrät Marianne Geisel, bitten sich die Sütterlin-Dolmetscher durchaus auch mal gegenseitig um Hilfe.

»Vor allem die Großbuchstaben«, so die Reutlingerin, seien bisweilen schwer zu entziffern. Ab und an ist eine Schrift freilich auch so unleserlich, dass die ehrenamtlichen Übersetzer einzelne Worte mühsam aus dem Zusammenhang heraus entschlüsseln müssen. Doch so oder so: Die Angehörigen danken den Senioren ihre Arbeit immer. Und für die Senioren ist das Lohn genug. Oder anders ausgedrückt: In der »Treffpunkt-Schreibstube« wird Leistung nicht mit Euro bezahlt, sondern mit freudigem Lächeln.

All das hätte sich Marianne zu Kindertagen naturgemäß niemals träumen lassen: Dass sie im hohen Alter irgendwann einmal deutschen Bürgern die deutsche Schrift übersetzen wird - unvorstellbar. Denn als für das Mädle anno 1939 in Schwenningen am Neckar der viel zitierte »Ernst des Lebens« begann, schrieb man noch ganz selbstverständlich in Sütterlin. Geisels Bruder indes, der zwei Jahre später eingeschult wurde, lernte diese Schrift schon nicht mehr.

»Ein Flyer ist einfach ein Faltblatt«
 

Für ihn waren sämtliche von Mama und Schwester zu Papier gebrachte Notizen mithin ein unleserliches Geschnörksel. Für Mutter und Schwester hingegen waren sie so etwas wie eine Geheimsprache. »Meine Mutter und ich haben uns in Sütterlin Zettel geschrieben, auf denen stand, wo der Speisekammerschlüssel versteckt war«, erzählt Marianne Geisel lachend. Denn während des Zweiten Weltkriegs und danach waren Lebensmittel knapp und der kleine Bruder hatte immer Hunger.

Mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule musste Geisel sich die lateinische Ausgangsschrift aneignen. »Sütterlin war eine deutsche Schrift. Um Englisch und Französisch zu lernen, musste man eine internationale Schrift kennen«, erzählt sie. Doch das war nicht der einzige Grund.

Die Nationalsozialisten, heißt es, verboten die schnörkelig-spitze Schrift zugunsten der weicheren, vermeintlich moderneren lateinischen Ausgangsschrift. Die genauen Gründe dafür liegen jedoch bis heute im Dunkel der Geschichte. Marianne Geisel kennt sie nicht. Und selbst die Forschung bewegt sich diesbezüglich noch immer im spekulativen Bereich. Das alles sei noch nicht endgültig und restlos geklärt, sagt beispielsweise Hanno Blohm vom Bund für deutsche Schrift und Sprache, der sich für den Erhalt alter Schriften einsetzt.

Die gebürtige Stuttgarterin Marianne Geisel, die im Jahre 1952 mit ihrer Familie nach Reutlingen zog, sieht das Thema »Sütterlin« hingegen ganz pragmatisch. »Die deutsche Schrift ist Vergangenheit. Wir schreiben heute alle Latein und das ist auch gut so«, sagt die 80-Jährige. Was man aber pflegen sollte, ist ihrer Meinung nach die deutsche Sprache als solche: »Meine Generation ärgert es, dass heute so viel 'Denglisch' gesprochen wird. Ein 'Flyer' zum Beispiel ist einfach ein Faltblatt.« (dpa/GEA)



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