REUTLINGEN. Wohl denen, die wie die beiden SPD-Gemeinderätinnen Edeltraut Stiedl und Silke Bayer einen Sonnenschirm mitgebracht - oder an die schatten spendende Kopfbedeckung gedacht hatten: Während der gestrigen Grundsteinlegung für die neue Stadthalle, mitten in der acht Meter tiefen Baugrube auf dem ehemaligen Bruderhausgelände, rann bei hochsommerlichen Temperaturen der Schweiß in Strömen. »Wenn es heute regnen würde wie vor vierzehn Tagen, hätten wir hier ein Schwimmbad«, scherzte Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, »und Sie könnten Ihre Schuhe hinterher wegwerfen«. Putzen musste man sie allerdings auch so, denn der feine Staub in der Grube hinterließ deutliche Spuren.
In ihrer ob der Mittagshitze »drastisch gekürzten« Rede erinnerte die OB an den Spatenstich vor »fast auf den Tag genau acht Monaten« und betonte: »Wir sind nicht nur im Zeitplan, sondern auch absolut im Kostenrahmen«. Nun sei der Weg für den Rohbau frei und bereits Ende des Jahres werde, wenn alles planmäßig verlaufe, die Tiefgarage im Rohbau fertiggestellt und das Erdgeschossniveau erreicht sein.
Konjunkturmotor
Sie danke dem Gemeinderat, so Barbara Bosch, dass er im Vertrauen auf die Kraft Reutlingens und seiner Bürger gerade in Zeiten der Krise, in der die öffentliche Hand als Konjunkturmotor gefragt sei, an einem zentralen Zukunftsprojekt festhalte und mit seinen Beschlüssen die Voraussetzungen für diese Grundsteinlegung geschaffen habe. Dem Dank an Landesregierung und Regierungspräsidium Tübingen, vertreten durch Regierungspräsident Hermann Strampfer, für diverse Zuschuss-Millionen (»In Reutlingen ist jeder Landes-Euro gut angelegt«) folgte der Dank an den Architekten Max Dudler und seine Bauleiter.
»Wir sind stolz«, meinte Bosch in Richtung Dudler, »dass wir einen höchst angesehenen Architekten haben« und gratulierte ihm zum jüngsten Architekturpreis für sein »großartiges Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin«. Sie hoffe und wünsche, dass die neue Stadthalle Dudler und der Stadt Reutlingen ebenso große Ehre machen werde.
»Drei Dinge sind an einem Gebäude zu beachten«, zitierte die OB Johann Wolfgang von Goethe: »dass es am rechten Fleck stehe, dass es wohlgegründet, dass es vollkommen ausgeführt sei«. Der rechte Fleck sei die »ganz besondere Lage« in unmittelbarer Nähe zur historischen Altstadt; »wohlbegründet« sei die Stadthalle auch im übertragenen Sinn, weil die Kultur insgesamt in Reutlingen eine »solide Basis« habe. Für die äußerliche Vollkommenheit stehe der Architekt, und für die innere Vervollkommnung seien ab Ende 2012 die Bürger zuständig, wenn es dann gelte, die fertige »Halle für alle« in Beschlag zu nehmen.
Bevor der Grundstein befüllt (siehe Randnotiz) und mit einer vom Stadtwappen gezierten Deckplatte verschlossen wurde, grüßte Regierungspräsident Strampfer auch im Namen des verhinderten Wirtschaftsministers Ernst Pfister, und Architekt Dudler hob erneut die Verknüpfung zwischen »Tradition und Moderne« hervor, die der tempelartige Baukörper - Strampfer fühlte sich an die Akropolis erinnert - darstelle.
Nach dem offiziellen Teil gab's oben beim »Krankenhäusle«, das Dudler unter Raunen des Publikums als »Hexenhäusle« bezeichnet hatte, ein gemütliches Beisammensein mit Bewirtung durch die Bruderhaus-Diakonie. Für den guten Ton sorgte oben wie unten die Degerschlachter Blasmusik. (GEA)
Grundsteinlegung
Text der Urkunde (Auszug)
Heute, am Freitag, am 2. Tag des Monats Juli, im Jahr Zweitausendundzehn,
als Christian Wulff Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Angela Merkel Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Stefan Mappus Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg ist, ein Euro 1,23 US-Dollar kostet und Reutlingen 112.390 Einwohner zählt, wird (....) der Grundstein für diese Stadthalle gelegt.
Nach dem Bürgerentscheid am 26. März 2006, bei dem sich 62,9 Prozent der teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger dafür aussprachen, die Planungen für die Stadthalle zu beginnen,
wurde im August 2006 der städtebauliche Ideenwettbewerb ausgelobt, aus dem im Dezember 2006 die Architekten Hinrichs und Wilkening mit der Idee der Stadthalle im Bürgerpark als Sieger hervorgingen. Den im Juli 2007 ausgelobten Realisierungswettbewerb entschied im April 2008 der Architekt Max Dudler für sich.
Bei einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Frühjahr 2008, beauftragt vom Reutlinger General-Anzeiger, sprachen sich zwei Drittel der befragten Bürgerinnen und Bürger für den Bau der Stadthalle aus.
Wenige Monate später, am 5. Juni, vergab der Gemeinderat die Planungsleistungen an Max Dudler. Nach dem
Baubeschluss des Gemeinderats am 30. April 2009 und dem Spatenstich am 6. November 2009 vollziehen wir heute einen weiteren großen Schritt auf dem Weg zu einer neuen Stadthalle.
Reutlingen erhält nach jahrzehntelangen Diskussionen einen neuen kulturellen und gesellschaftlichen Mittelpunkt, die Reutlingerinnen und Reutlinger bekommen ihre Halle für »Alle«.
Möge Gottes Segen auf der Stadthalle ruhen, möge sie von Krieg oder anderen Katastrophen verschont bleiben. Das ist unser Wunsch am heutigen Tag.