Festival - In der Betzinger Zehntscheuer dreht sich alles um Gustav Mesmer. Ausstellung noch bis Freitag

»Ikarus vom Lautertal« in Betzingen gelandet

Von Elke Schäle-Schmitt

REUTLINGEN. Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Den am 16. Januar 1903 im oberschwäbischen Altshausen geborenen Gustav Mesmer hat dieser Traum sein Leben lang begleitet - und vermutlich davor bewahrt, an seinem grausamen Schicksal zugrunde zu gehen. Die Lebensgeschichte des Mannes, der mit 26 Jahren wohl zu Unrecht in die Psychiatrie eingewiesen und dort 35 Jahre lang festgehalten wurde, ist so bewegend, dass am Samstagabend einige Besucher des Mesmer-Festivals in der fast ausverkauften Betzinger Zehntscheuer Tränen in den Augen hatten.

Original Mesmer: Das Zeppelindeck-Flugfahrrad (links) faszinierte die Besucher in der Zehntscheuer.
Original Mesmer: Das Zeppelindeck-Flugfahrrad (links) faszinierte die Besucher in der Zehntscheuer. FOTO: Elke Schäle-Schmitt
In einem Hörspiel mit Musik wurde Mesmers Vita ausgebreitet: seine Kindheit in Altshausen, die Jahre im Kloster Beuron, die Einweisung in die Heilanstalt, sein Alltag dort, die vielen gescheiterten Fluchtversuche und vor allem seine Tüfteleien und Erfindungen rund ums Fliegen. Nicht mit Motorantrieb - den ersten Motorflug absolvierten die Brüder Wright bereits in Mesmers Geburtsjahr -, nein, mit reiner Muskelkraft wollte er »einen kleinen Flugverkehr von Dorf zu Dorf« ermöglichen. Dass all die Geräte, die er zu diesem Zweck konstruierte, niemals abheben würden, störte ihn nicht. Ihm ging es ums Tüfteln und Zeichnen, ums Basteln und Erproben.

In seiner grenzenlosen Fantasie trugen ihn die Apparate aus der Anstalt hinaus, die er erst mit 61 Jahren tatsächlich verlassen sollte. Da kam Mesmer nach Buttenhausen, wo er auf seine alten Tage als »Ikarus vom Lautertal« bekannt und geliebt wurde, ehe er Ende 1994 als »Flugradbauer von Altshausen« starb.

Persönlich kennen gelernt

Eine Geschichte, wie sie sich faszinierender niemand ausdenken könnte. Klar, dass Medien- und Theaterleute da anbeißen. Der Konstanzer Journalist Holger Reile schrieb das auf Mesmers Autobiografie, Briefen und Krankenakten beruhende Hörspiel Anfang der 1990er-Jahre. Bei einem Film über Mesmer hat er den berühmten Flugradbauer noch persönlich kennen gelernt. Mit der Live-Version des Hörspiels sind Reile und sein Ensemble seit 1998 unterwegs, rund 160 Vorstellungen hat das Stück bislang erlebt. Die kongeniale Musik dazu stammt von Alexander und Georg Köberlein, die in der Zehntscheuer den Ikarus vom Lautertal mit Keyboard, Gitarre, Posaune, Saxofon, Flöte und Gesang lebendig werden ließen. Zusammen mit Reile und den Schauspielern Franz Xaver Ott und Michael Heinsohn erhielten sie frenetischen Beifall dafür.

Doch nicht nur das Hörspiel gab es am Wochenende in Betzingen zu erleben. Auch Sonka Müller vom Reutlinger Theater Patati-Patata, in deren Händen die Gesamtleitung des Mesmer-Festivals lag, hat sich von Mesmer zu einem Stück über Kreativität und Anderssein inspirieren lassen. »Gustav, der Flugradbauer« heißt es, hatte letztes Jahr Premiere und füllte am Sonntagnachmittag die Zehntscheuer mit Kindern und Erwachsenen.

Die hatten sich zuvor teils selbst als Flugradbauer erprobt. In einem Workshop unter der Leitung der Betzinger Künstlerin Jenny Winter-Stojanovic, die auch in der Jury des alle zwei Jahre vergebenen Buttenhausener Flugradpreises sitzt, entstanden aus Schrott und Gerümpel - ganz in Gustav Mesmers Sinne - die abenteuerlichsten Konstruktionen. Zwei weitere Flugradbauer-Workshops für Schulklassen aus Reutlingen und Umgebung waren für diese Woche geplant, wegen des großen Andrangs wurde jedoch auf sieben aufgestockt.

Kleine Diashow

Den Rahmen des Ganzen bildet eine Ausstellung, die neben Mesmers Zeichnungen und Entwürfen auch Fotos von ihm, eine kleine Diashow mit Flugradpreis-Gewinnern und zwei originale Mesmer'sche Fluggeräte zeigt. Zusammengestellt wurde die Schau vom Vorsitzenden der Gustav-Mesmer-Stiftung, dem Kirchentellinsfurter Grafikdesigner Stefan Hartmaier. In Apfelstetten bei Buttenhausen aufgewachsen, kannte er den Flugradbauer persönlich und hat kurz vor dessen Tod mit ihm zusammen die Stiftung ins Leben gerufen.

Die Ausstellung in der Zehntscheuer ist jeweils eine Stunde vor und nach den Workshops geöffnet: heute und morgen jeweils von 9 bis 10 Uhr und von 16.30 bis 17.30 Uhr, Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 9 bis 10 sowie von 12 bis 13 Uhr. (GEA)



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