Prävention - Ehemalige Germany’s-Next-Topmodel-Kandidatin Kera Cook als »Gesundheitsbotschafterin« am BZN

Ex-Model warnt Schüler vor krassen Schönheitsidealen

VON HEIKE KRÜGER

REUTLINGEN-ROMMELSBACH. Flammender kann ein Plädoyer für die Gesundheit nicht ausfallen: »Schätzt Euren Körper!«, ruft Kera Rachel Cook den Siebt- bis Zehntklässlern des Gymnasiums am Bildungszentrum Nord (BZN) zu. »Seid gut zu Euch selbst und zu anderen! Ich möchte nicht, dass Ihr dieselben Fehler macht wie ich und absurden Schönheitsidealen nacheifert.«

»Nennt mich einfach Kera«: Das 28-jährige Ex-Model sprach über Essstörungen, kranke Schönheitsideale und Beauty-Terror. FOTO: PACHER
»Nennt mich einfach Kera«: Das 28-jährige Ex-Model sprach über Essstörungen, kranke Schönheitsideale und Beauty-Terror.
Fehler? Die junge Frau auf dem Podium der Wittum-Halle, die sich ihrer Zuhörerschaft schlicht als Kera – Tochter eines US-amerikanischen Vaters und einer deutschen Mutter – vorstellt, wirkt selbstbewusst, ihrem Publikum zugewandt, energisch. Sie verfügt über starke Bühnenpräsenz und Charme, hat den einen oder anderen flotten Spruch auf den Lippen – und eine Vergangenheit, die sie Dritten als abschreckendes Beispiel mit auf den Weg in die Zukunft geben möchte. Unter Essstörungen, lässt Kera die Gymnasiasten wissen, hat sie bis vor Kurzem gelitten. Zerfressen war sie von Selbstzweifeln und der Sehnsucht nach körperlicher Perfektion, getrieben von Hunger nach Anerkennung und dem Traum, ein Star zu sein.

»Kennt Ihr Formen von Essstörungen?«
 

Ein Traum, der sich zum persönlichen Alptraum entwickeln sollte. Schleichend, wie die gebürtige Böblingerin erklärt. Und inspiriert von Mannequins in Hochglanzmagazinen sowie »gefotoshopten Mädels« im Internet. »Kennt Ihr Formen von Essstörungen?«, fragt die ehemalige Germany’s-Next-Topmodel-Kandidatin in die lauschende Schülerrunde. Eine Jungenstimme meldet sich zu Wort: »Magersucht«. Damit ist das Eis gebrochen. Jetzt recken sich weitere Arme in die Höhe. »Bulimie«, ruft ein Mädchen durch die Halle. »Fettsucht«, ertönt es von links hinten. Kera Cook ergänzt: »Fitnessstörung« – also suchtartiges Sporttreiben. Und »Binge-Eating«.

Unter Letzterem hat sie selbst eine knappe Dekade gelitten. Heute – nach mehreren Therapien – weiß sie, dass die Scheidung ihrer Eltern und dass ihre überdurchschnittliche Körpergröße (1,80 Meter) schon früh den Humus für ihr späteres Leiden bereitet haben. Beide lösten sie Minderwertigkeitskomplexe aus. Hinzu kamen ein pubertär verzerrtes Selbstbild, unreflektiert übernommene Beauty-Ideale und jener schicksalhafte Tag, als sie zu einem von der Zeitschrift »Bravo« beworbenen Workshop eingeladen wurde. »Eigentlich wollte ich ja Schauspielerin werden«, verrät Kera. »Da ich aber wusste, dass Models durchaus auch Filmangebote bekommen«, schien der damals 15-Jährigen besagtes Schnupperangebot hilfreich. »Ausnahmsweise war ich hier mal von groß gewachsenen Mädchen umgeben«, erinnert sie sich an ein Schlüsselerlebnis des Workshops. Allerdings: »Ich war schlank, aber die anderen waren alle dünner.« Deshalb passten sie auch in jedes x-beliebige der zur Auswahl stehenden Outfits, während Kera nicht aus dem Vollen schöpfen konnte.

Gleichwohl fühlte sich die heute 28-Jährige wie »ein Star auf dem roten Teppich«, als sie über den Laufsteg schritt. Umso mehr, als eine Münchener Model-Agentur auf sie aufmerksam wurde und ihr ein Profi-Shooting schmackhaft machte, an das jedoch ein, so Kera, »riesiges Aber« geknüpft war: Der Böblingerin wurde eindringlich nahegelegt, abzunehmen. Was für sie rückblickend einem Ticket in die Hölle gleichkam.

Am Anfang des Teufelskreises standen moderate Trainingseinheiten im Fitnessstudio und ein Ernährungsplan, an seinem Ende die stationäre Aufnahme in einer Spezialklinik für Essstörungspatienten und die Erkenntnis, dass »nicht einmal die Models auf dem Cover in natura so aussehen wie die Models auf dem Cover«. Dazwischen: Gewichtsschwankungen um die zwanzig Kilogramm, Heißhungerattacken auf Chips, Pizza und Schokolade, Schweißausbrüche und Zittern, Missbrauch von Abführmitteln, Nulldiäten und sportliche Ertüchtigung bis kurz vorm Umkippen.

Seit zwei Jahren gilt Kera Rachel Cook als geheilt. Es war der Impuls, »mich selbst zu lieben und so anzunehmen, wie ich bin«, der ihr den Rückweg in die Normalität wies: fort von den kranken Auswüchsen einer verlogenen, weil von computer-gelifteten »Beauty Queens« bevölkerten Schönheitsindustrie, fort von Miss-Wahlen und Heidi-Klum-Shows, hin zum Studium der Rhetorik und Literatur sowie einer Erwerbstätigkeit als Ernährungs- und Entspannunsgberaterin.

»Ich war schlank, aber die anderen waren alle dünner«
 
Um ihren Bachelor an der Universität Tübingen bequem finanzieren zu können, posierte Kera – Konfektionsgröße 42 – noch ein paar Jahre vor Profi-Kameras: als sogenanntes Plus-Size-Model. Doch auch davon hat sich die sympathische Frau zwischenzeitlich distanziert. Weil sie sich emanzipiert hat und sich nun als »Botschafterin für Selbstliebe und Gesundheit« definiert.

Das kommt an – bei den Siebt- bis Zehntklässlern einerseits, andererseits aber auch bei Schulleiterin Dr. Brigitte Kern-Veits und der Hauptorganisatorin des Themen-Vormittags, Schulsozialarbeiterin Sabine Schuhmacher. Beide verfolgen sie mit freudigem Interesse, wie lebhaft sich der Dialog zwischen Bühne und Publikumsreihen entwickelt. Etwa als Referentin Cook per Power-Point-Präsentation Vorher-Nachher-Bilder zeigt – also unbearbeitetes und digital verändertes Fotomaterial, das ein kollektives Raunen in der Wittumhalle auslöst. Dass sogar einer attraktiven Schauspielerin wie Jennifer Lawrence ein digitales Body-Liftig verpasst wurde, ist für manchen »echt der Hammer«.

Tastendruck, nächste Aufnahme. Jetzt räkeln sich ein paar Mager-Models auf der Leinwand. »Wie wirken sie auf Euch?«, will Kera wissen. »Viel zu dünn«, »künstlich«, »krank«, tönt es ihr entgegen. Tastendruck. Eine Grafik erscheint als Teil einer Erhebung von Sexualberater »Dr. Sommer« und gibt Auskunft darüber, dass Jungs in puncto Essstörungen und Diäten mächtig »aufgeholt« haben, um ein Beispiel zu nennen.

Und Kera? Die hat mit jedweder Selbstkasteiung abgeschlossen. Eines der eingeblendeten Bilder zeigt sie, wie sie ist: als Frau mit vergleichsweise breitem Kreuz und Becken. Und mit kleinen Bauchspeckröllchen, von denen sie sagt: »Na und? Hungern war gestern.« (GEA)

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