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17.07.2017

Schwörtag - Eröffnungsvortrag von GEA-Verleger Valdo Lehari jr. zum Wandel der Medienlandschaft

Reutlingen

»Funktion der freien Presse bleibt unverändert«

REUTLINGEN. »Zur Öffentlichkeit der Politik gehört die kritische Begleitung durch Presse und Medien.« Hervorragende Köpfe in Reutlingen, darunter auch Hermann Kurz, hätten im 19. Jahrhundert darum gekämpft. Mit diesen Worten hat Oberbürgermeisterin Barbara Bosch den einleitenden Vortrag zum Schwörtagswochenende am Freitagabend im Foyer des Ratsgebäudes angekündigt. Der Referent: Verleger und Geschäftsführer des Reutlinger General-Anzeigers, Valdo Lehari jr., gleichzeitig Vorsitzender des Verbandes Südwestdeutscher Zeitungsverleger und Präsidiumsmitglied des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger.

GEA-Verleger Valdo Lehari jr.
Unter dem Thema »Die Medien und die Gesellschaft im Wandel - Herausforderungen und Auswirkungen auf die Demokratie« absolvierte Lehari eine Tour de Force durch die moderne Medienwelt unter besonderer Berücksichtigung des Stellenwerts der Tageszeitungen und des gedruckten Worts.

Das Internet sei Grundlage und Ursache, aber auch der Katalysator der Digitalisierung und damit der zentrale Teil des Wandels der Medienlandschaft, meinte er. Mit dem web 2.0 seien die bisherigen Nutzer als Konsumer zum Prosumer geworden, der selbst aktiv Inhalte in Text, Bild, Ton und Video produziert. So seien all die Blogs, Foren und Plattformen entstanden. Äußerst erfolgreiche Unternehmen hätten extrem innovative Ideen, Leistungen und Angebote wie auch Service für Menschen die Wirtschaft und Gesellschaft gebracht.

Diese Firmen zeichneten sich aber auch dadurch aus, dass sie jahrelang rechtsfreie Räume ausnutzten. Ihr Geschäftsgebaren sei geprägt von suboptimalem Verständnis von Kartellrecht und Wettbewerb, Urheberrecht, Datenschutz, von Moral und Unternehmensethik.

Die enorme Zunahme des Wettbewerbs im Werbemarkt mit dem Ergebnis eines erheblichen Preisverfalls bis hin zum Verdrängungswettbewerb habe die Zeitungsverleger vor neue Herausforderungen gestellt, genauso wie der Wettbewerb im Zuschauer, User- und Lesermarkt. Ein grundsätzliches Problem des Internets bestehe darin, dass kaum noch zugehört werde, nur noch selbstbestätigende Nachrichten rezipiert würden. Eine Inflationierung von Gerüchten und Verschwörungstheorien sei die Folge.

In Großbritannien habe sich im Vorfeld des Brexit »klassische Desinformanten« gezeigt. Im US-Wahlkampf habe es nicht nur eine massive Zunahme von Desinformation gegeben, sondern auch absichtlich mit negativer Zielrichtung in den Meinungsbildungsprozess eingreifende Fake-News. Die müsse man von den üblichen Falschinformationen unterscheiden.

Die rechnergesteuerten Manipulationen durch Bots, Trollies oder auch Cyberangriffe seien neu. Ein Drittel der Twitter Accounts bei Donald Trump seien Bots gewesen, mehr als 50 Prozent des weltweiten »Traffic« stamme von Rechnern, nicht von Menschen. »Das gibt zu denken«, sagte Valdo Lehari.

Die Funktion der Zeitung und der freien Presse habe sich angesichts der Digitalisierung und der Globalisierung im Kern ihrer Aufgabe nicht verändert, betonte der GEA-Verleger. Besonders gelte dies für lokale und regionale Tageszeitungen inmitten der Menschen und Leserschaft. Diese Aufgabe könnten das Fernsehen, das Internet oder die Social Media nicht erfüllen. Kein anderes Medium erreiche täglich so viele Bürgerinnen und Bürger - den strukturellen Veränderungen auf dem Medienmarkt zum Trotz.

»Vielleicht aber müssen wir noch mehr erklären, informieren und orientieren«, so Lehari »und wir müssen sicher auch den Dialog mit der Bevölkerung suchen« - besonders über die Themen, die sie verängstigt und besorgt machten oder einfach zu komplex seien.

Verpflichtung und Auftrag

Der Schwörtag sei nicht nur das Herz des reichsstädtischen Verfassungslebens, sondern wesentlich in der Entwicklung der freien demokratischen Grundordnung. In diesem Sinn sei das jetzige Wochenende auch Verpflichtung und Auftrag. Eine Diskussion über die Gesellschaft der Zukunft und die Ausgestaltung der Demokratie wie auch der Medienlandschaft samt einer funktionierenden Pressefreiheit mit gedruckten und digitalen Zeitungen »als existenziellen Fixpunkt ist angesagt«, fasste Lehari zusammen. (jük)

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