Verkehrsentwicklung - Startschuss zum »Masterplan Radverkehr«: Erste Analysen des Gutachters zu »unüblich« vielen Unfällen untermauern Eindrücke der Radfahrer

Fahrplan in die Zukunft

VON ANDREA GLITZ

REUTLINGEN. Bis ins Jahr 2030 soll der Radverkehr in Reutlingen einen Anteil von 25 Prozent am Gesamtaufkommen erreichen. »Wir wollen den Radverkehr voranbringen«, beteuerte Baubürgermeisterin Ulrike Hotz am Donnerstag einmal mehr vorm Bauausschuss. Der »Masterplan Radverkehr« soll die Weichen stellen, auch für die »E-Bike-City Reutlingen«. Das Aachener Stadt- und Verkehrsplanungsbüro Kaulen soll das Konzept erarbeiten. Dr. Ralf Kaulen stellte den Fahrplan vor.

Radfahrer-Alltag in Reutlingen: brenzlige Situationen, hier an der Lederstraße. ARCHIVFOTO: PACHER
Radfahrer-Alltag in Reutlingen: brenzlige Situationen, hier an der Lederstraße. ARCHIVFOTO: PACHER
Er und seine Mitarbeiter haben mit der Analyse begonnen. Dabei soll der Radverkehr auch gezählt werden. Ein Forum ist geplant, bei dem die Bürger Anregungen loswerden können. Bis Sommer 2017 soll der Masterplan inklusive Finanzierungsplanung stehen, passend zum bundesweiten Jubiläum »200 Jahre Radverkehr«. Das Wege-Konzept soll tauglich für Freizeit und Alltag sein.

Der Schwerpunkt liege auf der Radverkehrsförderung. Sie werde aber in die gesamtheitliche Betrachtung des Verkehrssystems integriert. »Wir möchten Mobilität verändern«, präzisierte Ralf Kaulen. Hiesige Experten, etwa vom ADFC, sollen in einem Arbeitskreis zum Gelingen beitragen.

Erste Beobachtungen des Gutachters ließen aufhorchen: 418 Radunfälle in den letzten drei Jahren seien »relativ viel«. Und das seien nur die von der Polizei aufgenommenen. Einsamer Spitzenreiter übrigens die Alteburgstraße mit 25 Unfällen. Drei tödlich verunfallte Radfahrer sind in diesem Zeitraum zu beklagen. Ebenfalls »unüblich« für eine Stadt dieser Größe, so Kaulen. Auffallend hoch sei mit 87 auch die Zahl der Verunglückten, die ohne wahrnehmbare Fremdeinwirkung stürzten. Die Stadt habe wohl ein »Verkehrssicherheitsproblem«, resümierte der Experte als Erstdiagnose. Er lobte aber auch »viele gute Elemente«, wie die markierten Schutzstreifen, die in letzter Zeit verstärkt auf die Straßen gemalt werden, zahreiche Tempo-30-Zonen, für gegenläufigen Radverkehr geöffnete Einbahnstraßen und gute Abstellanlagen. Auch die Wegweisung sei auf einem guten Weg.
»Diese Stadt hat ein Verkehrssicherheits-problem«
 

Die guten Einzel-Elemente zeigten aber nur wenig Wirkung. Im ADFC-Klimatest bekommt die Stadt regelmäßig schlechte Noten.

Die Zukunft heiße: mehr Markierungslösungen auf der Straße. Schutzstreifen oder Radfahrstreifen seien auch für Reutlingen »ein guter Weg«. Das Radwegenetz soll hierarchisch strukturiert, Radschnellwege sollen integriert werden.

Jenseits der rechtlichen Vorgaben müssten Standards diskutiert werden. Etwa die Breiten der Wege. Sie sollten nach Kaulens Auffassung nicht zu schmal dimensioniert werden, um auch größere Mengen von Radfahrern zu bewältigen inclusive Anhänger. »Außerdem wollen Sie doch E-Bike-City werden.«

Susanne Müller (Grüne und Unabhängige) war begeistert von den Ausführungen insbesondere auch im Hinblick auf die Sicherheitslage: »Was ich seit Jahren versuche zu erklären, haben Sie in weniger Worten gesagt.« Sie forderte, für die Probleme keine Luxuslösungen zu erarbeiten, sondern Machbarkeit in den Vordergrund zu stellen. Ihr Fraktionskollege Holger Bergmann verlieh der Hoffnung Ausdruck, bald »außer Plänen auch Tatsachen sehen zu können«.

Gabriele Gaiser (CDU) begrüßte das Vorhaben »außerordentlich. Das ist die Zukunft unserer Stadt«. Vor allem junge Leute nutzten das Rad, das kostengünstiges, effizientes Fortkommen gewährleiste. Die SPD reklamierte für sich, das im Ausschuss Vorgestellte »seit 20 Jahren gebetsmühlenartig gefordert« zu haben. Das Ansinnen sei aber, so Edeltraut Stiedl, in der »autolastigen Stadt« an der Mehrheit des Gemeinderats gescheitert.

Regine Vohrer forderte, die Anbindung an die Bezirksgemeinden gebührend zu berücksichtigen. Die Liberale riet, bei der neuen Infrastruktur nicht zu sparen, sondern es gleich »richtig« zu machen. (GEA)

Verkehrszahlen


Der innerörtliche Radverkehrsanteil in Reutlingen ist seit 1991 von 8 auf 15 Prozent gestiegen. Die Werte, mit denen die Stadt operiert, stammen allerdings aus dem Jahr 2007. Der Anteil der Fußgänger liegt danach bei 20 Prozent, die ÖPNV-Nutzung bei 10 Prozent und der motorisierte Individualverkehr bei 53 Prozent. Bis ins Jahr 2030 sollen 25 Prozent der Wege mit dem Rad absolviert werden, 15 Prozent mit dem ÖPNV. Der Passantenanteil bleibt gleich. Der Auto-Anteil soll auf 38 Prozent sinken. (igl)


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