Gericht - Vier Jahre Haft für Reutlingerin, die ihrem Ehemann nach einem Streit ein Messer in den Bauch rammte

»Es war eine spontane Tat«

VON VEIT MÜLLER

REUTLINGEN/TÜBINGEN. Ausgerechnet an Heiligabend geriet ein Paar vor versammelter Familie in Streit.

Justitia. Foto: Frank Rumpenhorst/Illustration
Justitia. Foto: Frank Rumpenhorst/Illustration
Die Auseinandersetzung eskalierte und endete tragisch: Die Ehefrau nahm sich ein Küchenmesser und stach es ihrem Mann in den Bauch. Der 38-Jährige überlebte nur durch eine Notoperation. Am gestrigen Mittwoch erhielt die Frau nun die Quittung für ihren Gewaltausbruch. Das Tübinger Landgericht verurteilte die 37-Jährige wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu vier Jahren Haft.

Es war schon von Anfang an eine unheilvolle Beziehung zwischen den beiden. Sie stritten sich oft, gingen sogar mit Gegenständen aufeinander los. Mehrmals wurde die Polizei gerufen, doch wenn es ernst wurde, beriefen sich beide auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht und zogen die Anzeigen zurück. So habe die Polizei nie erkennen können, »wer von beiden der Böse ist«, meinte der vorsitzende Richter der 5. Schwurgerichtskammer, Ulrich Polachowski. Dass in den Auseinandersetzungen meist nur die Angeklagte das Opfer gewesen sei, wie sie im Prozess behauptete, das will Polachowski nicht glauben. Die 37-Jährige habe es schon verstanden, sich gut zu wehren.

Und das geschah am 24. Dezember 2016: Die Frau feierte mit Freunden die Neueröffnung eines Lokals in der Reutlinger Innenstadt. Auch ihre drei Kinder waren dabei. Die 37-Jährige trank eine Menge. Eine Blutuntersuchung ergab später einen Alkoholspiegel zwischen 1,4 und 1,6 Promille zur Tatzeit. Außerdem rauchte sie offenbar während des Essens einen Joint. Wegen einer schmerzhaften Rückenverletzung musste sie auch noch starke Medikamente einnehmen.

Alkohol, Arznei und Haschisch

Mit diesem Mix aus Alkohol, Arznei und Haschisch intus ging sie am Nachmittag mit ihren Kinder und ihrer Freundin zu ihrem Ehemann, von dem sie zu der Zeit schon getrennt lebte. Die Kinder sollten dort die Weihnachtsgeschenke bekommen. Die Wohnung gehört der Mutter des 38-Jährigen. Auch sie war anwesend.

Das Ehepaar geriet, wie oft zuvor, schnell in Streit. Nach Ansicht der Schwurgerichtskammer gingen die ersten Provokationen von der Frau aus. Der Ehemann forderte schließlich seine Frau auf, zu gehen und drängte sie Richtung Tür. In diesem Augenblick befürchtete wohl die Freundin, dass noch mehr kommen könnte und ging dazwischen.

Dann folgt der entscheidende Moment der Auseinandersetzung. Wenn die Frau den Rauswurf akzeptiert hätte und einfach gegangen wäre, »dann wäre alles vorbei gewesen«, betonte Polachowski. Doch die 37-Jährige greift nach einem langen und scharfen Messer, das neben ihr auf der Küchenablage herumliegt, und sticht um die Freundin herum rund zehn Zentimeter tief in den Bauch ihres Ehemannes.

Ursprünglich war die Tat als versuchter Mord angeklagt. Oberstaatsanwalt Thomas Trück war davon ausgegangen, dass die 37-Jährige heimtückisch gehandelt hat und ihren Mann töten wollte. Doch Trück wie auch die Schwurgerichtskammer rückten gestern von diesem Vorwurf ab. Es sei eine spontane Tat gewesen, so Polachowski in der Urteilsbegründung. Das Mordmerkmal der Heimtücke sei nicht gegeben. Auch Oberstaatsanwalt Trück sprach gestern in seinem Plädoyer von einem »plötzlichen Tatentschluss«. Die Angeklagte habe nicht vorsätzlich gehandelt und nicht die Arglosigkeit des Mannes gezielt ausgenutzt.

Trück wie auch die Schwurgerichtskammer billigten der 37-Jährigen zudem zur Tatzeit wegen der unheilvollen Mischung aus Alkohol, Medikamenten und Haschisch eine verminderte Steuerungsfähigkeit und damit eine verminderte Schuldfähigkeit zu. Dies hatte schon der psychiatrische Sachverständige Peter Winckler in seinem Gutachten ins Gespräch gebracht. Die Situation sei affektiv aufgeladen gewesen, so Polachowski, die Angeklagte habe ihr Verhalten nicht mehr richtig steuern können.

Auf Bewährungsstrafe gehofft

Die beiden Verteidiger, Frank Theumer und Karl Krauß, hatten unter anderem wegen der verminderten Schuldfähigkeit gehofft, dass das Gericht noch eine Bewährungsstrafe für ihre Mandantin aussprechen würde. Doch die Schwurgerichtskammer machte deutlich, dass eine Täterin, die jemandem so schwere Verletzungen zugefügt habe, nicht so einfach aus der Haft entlassen werden könne. Dies würde das Zeichen aussenden, dass der Angriff gar nicht so schlimm gewesen sei. Polachowski forderte die 37-Jährige auf, sich aktiv um eine Therapie zu bemühen, um so das Geschehene aufarbeiten und eventuell früher aus der Haft kommen zu können. (GEA)



Das könnte Sie auch interessieren

Campus: Professor, bitte mehr davon!

Foto: Hochschule

REUTLINGEN. Christian Decker geht neue Wege in der... mehr»

Urteil im Kölner Hells-Angels-Prozess erwartet

Ein Mitglied der Rockergruppe Hells Angels. Foto: Fredrik von Erichsen/Illustration

Köln (dpa) - Im Prozess gegen sechs mutmaßliche Mi... mehr»

BGH prüft Entschädigung für schlechteres Hotelzimmer

Ungewollt drei Tage in einem nicht ganz so sauberen Hotel und ein Zimmer ohne Meerblick - Traumurlaub sieht anders aus, finden Urlauber, die nun beim BGH auf Entschädigung pochen. Foto: Uli Deck/Illustration

Karlsruhe (dpa) - Wieviel Geld bekommt ein Urlaube... mehr»

Steinmeier empfängt Lindner und Grünen-Chefs

Berlin (dpa) - Bundespräsident Frank-Walter Steinm... mehr»

Bundestag diskutiert über Auslandseinsätze der Bundeswehr

Ein deutscher Blauhelmsoldat unterhält sich während einer Patrouille in der Stadt Gao im Norden Malis mit einem Kind. Foto: Kristin Palitza/Archiv

Berlin (dpa) - Der neue Bundestag befasst sich an ... mehr»

Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Aktion

Zeitungspaten gesucht

Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
lesen »
Aktuelle Beilagen