Vesperkirche - Morgen klingt die 21. Auflage mit dem Schlussgottesdienst aus. Mehr Essensgäste als im Vorjahr

In der Vesperkirche geht es »um die Würde«

VON ULRIKE GLAGE

Gute Stimmung in der Vesperkirche. Morgen schließt sie ihre Pforten.
Gute Stimmung in der Vesperkirche. Morgen schließt sie ihre Pforten. FOTO: Markus Niethammer
REUTLINGEN. Wenn morgen die 21. Vesperkirche mit einem Schlussgottesdienst zu Ende geht, wird Jörg Mutschler erst mal aufatmen. »Ich bin platt«, sagt der Hauptverantwortliche nach vier Wochen Dauereinsatz im zum Gasthaus umfunktionierten Gotteshaus. Aufatmen wird der frühere Hohbuchpfarrer noch aus einem anderen Grund: Die Neuerungen - Bediensystem und Spendenkassen - kamen bei den Gästen und trotz anfänglicher Bedenken auch bei den Mitarbeitern gut an. Von daher fällt die Bilanz positiv aus. Dass deutlich mehr Essen als im Vorjahr ausgegeben wurden, wertet Mutschler allerdings als schlechtes Zeichen: »Trotz florierender Wirtschaft und sinkender Arbeitslosenzahlen gibt es immer mehr Bedürftige in dieser reichen Stadt und in diesem reichen Land.«

Großes Thema: Neuerungen

Großes Thema im Vorfeld der 21. Vesperkirche waren die organisatorischen Neuerungen: Die Mahlzeiten wurden nicht mehr ausgegeben, sondern von den Ehrenamtlichen serviert, Spendenbüchsen auf den Tischen ersetzten die Essensmarken. Zwar gibt's noch keinen Kassensturz, aber einen groben Überblick über die Tageseinnahmen. »Wir sind in etwa auf dem Level des Vorjahres«, sagt Mutschler. Das freiwillige Bezahlsystem hat also funktioniert.

Und die Umstrukturierung: Keine Schlange vor der Essenstheke, entspannte Stimmung. Diakonie-Geschäftsführer Günter Klinger ist zufrieden. »Alle Veränderungen sind in einer ganz schönen Art umgesetzt.« Jörg Mutschler freut es, dass »die Terminologie Bedürftige und Solidaresser nicht mehr da ist - wir reden einfach nur von Gästen«. Er erzählt von »ganz rührenden Einträgen« im Gästebuch. »Viele Besucher genießen die Umstellung aufs Bedienen. Es geht auch um Würde.«

Die Neuerungen, die in vielen anderen Vesperkirchen längst praktiziert werden, bedeuteten nicht, dass es in Reutlingen schlecht gelaufen sei in den vergangenen 20 Jahren, betonen Klinger und Mutschler. Ganz im Gegenteil. »Es war großartig«, sagt Jörg Mutschler. Die Vesperkirche sei gut aufgestellt, ihre Systeme ausgeklügelt gewesen, sagt auch Günter Klinger. Doch wie in jedem Unternehmen brauche es im Wandel der Zeit Impulse und Überlegungen, was man noch besser machen kann. »Das Neue passt gut zum Alten«, lautet das Fazit von Klinger. Und die Mitarbeiter, so Mutschler, »sind inzwischen überzeugt, dass es richtig war.« Anders wäre es auch nicht gegangen.

Schon deshalb nicht, weil die Ehrenamtlichen diesmal alle Hände voll zu tun hatten. »Wir erleben einen Zulauf von Menschen, die es nicht dicke haben und hier unterstützt werden«, berichtet Klinger. Lag die Zahl der Essensausgaben im vergangenen Jahr pro Tag zwischen 320 und 360, waren es diesmal zwischen 380 und 400. Junge Hartz-IV-Empfänger, alleinstehende Mütter, aber vor allem viele betagte Menschen fanden den Weg in die Vesperkirche. Altersarmut zeigt ihre Wirkung.

Jörg Mutschler erzählt von einer alten Frau, die jeden Tag kam und lange blieb. Nicht nur wegen des günstigen Essens. »Sie genießt die Zeit, hat Kontakt und Ansprache. Sie tankt auf fürs ganze Jahr.« Die Vesperkirche sei Zufluchtsort »zum Aufwärmen von innen und außen«, so Mutschler. Und ein Ort, der denen hilft, die jeden Cent umdrehen müssen. Günter Klinger nennt das Beispiel Langzeitarbeitslose. »Das werden ja nicht weniger, weil die Wirtschaft jetzt stärker ist.«

Die Vesperkirche sei nötig, weil sie die Not Vieler lindere, wenn auch nur auf Zeit, sagt Jörg Mutschler. »Gleichzeitig ist es ein Skandal, dass wir sie brauchen.« Das müsse auch in den Reutlinger Kirchengemeinden klar werden, in denen die Vesperkirche viel zu wenig verankert sei. »Diese Wunde der Ungerechtigkeit und Ausgrenzung darf die Kirche nicht akzeptieren«, fordert er seine Kollegen zu mehr Unterstützung auf.

Unterstützung von Abgeordneten

Die bekommt die Vesperkirche immerhin von allen Reutlinger Bundestagsabgeordneten mit Ausnahme von FDP-Mann Pascal Kober. Beate Müller-Gemmeke hilft seit Jahren mit, ebenfalls Michael Donth, der am Freitag da war und sichtlich Spaß hatte am Bedienen. Tags zuvor gab es eine Premiere, verrät Mutschler: Mit Jessica Tatti habe erstmals eine Bundestagsabgeordnete der Linken mit angepackt.

Morgen endet die 21. Vesperkirche um 15 Uhr mit einem Gottesdienst, in dem der Mannheimer Diakoniechef Matthias Weber predigen wird. Die Kirche, die laut Mutschler zur »Begegnungsstätte mit guten Gesprächen, guter Gemeinschaft und Zeichen der Solidarität« wurde, schließt ihre Pforten. Die Besucher müssen aber nicht ein Jahr warten, um Ähnliches zu erleben. Jörg Mutschler verweist auf das S-Haus und deren Leiterin Petra Wagner. »Sie würde sich freuen, wenn die Gäste den Weg zu ihr finden.« (GEA)

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