Reutlingen
Jugendamt - Mitarbeiter des sozialen Dienstes müssen schwere Entscheidungen tref- fen. Beim Hausbesuch versuchen sie, sich ein Bild von der Familiensituation zu machen

»Es bleibt immer ein Restrisiko«

Von Andrea Glitz

KREIS REUTLINGEN. Mit 13 musste Lisa (Name geändert) ihr Zuhause verlassen, weil Mutter und Stiefvater nicht mit ihr klarkamen und sie nicht mit ihnen. Eine Pflegefamilie nahm sie auf. Mit 15 bekam sie ein Kind, was das Verhältnis mit den Pflegeeltern so nachhaltig trübte, dass sie auch dort nicht bleiben konnte.

Behördliche Unterstützung, vor der sich viele Eltern fürchten: Norbert Lorenz unterwegs zum Hausbesuch.  FOTO: TRINKHAUS
Behördliche Unterstützung, vor der sich viele Eltern fürchten: Norbert Lorenz unterwegs zum Hausbesuch. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Heute ist Lisa 18. Eine sympathische junge Frau, die eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau macht. Ihre Tochter ist drei Jahre alt, ein aufgewecktes Mädchen. Beide leben in der Mutter-Kind- Wohngruppe der gemeinnützigen Jugendhilfegesellschaft »Pro Juventa« in der Tübinger Vorstadt. Dort werden derzeit eine Schwangere, drei Mütter und ihre drei Kinder betreut.

Lisa ist volljährig und soll nun nach drei Jahren intensiver Betreuung selbstständig werden, Verantwortung für ihr Leben übernehmen - und das ihrer kleinen Tochter. Sie soll eine Wohnung suchen. Sie soll eine Betreuung fürs Kind organisieren. Und bei alldem ihre Ausbildung fertigmachen.

»Warum stehst du nicht auf, wenn dein Kind schreit?«
 

Die junge Frau soll »raus aus der sozialen Hängematte«, sagt Norbert Lorenz, Regionalleiter beim Allgemeinden Sozialen Dienst (ASD) des Reutlinger Kreisjugendamts. Der diplomierte Sozialarbeiter kennt Lisa seit fünf Jahren. Bei einem Besuch in der Wohngruppe bespricht er mit ihr, was zu tun ist, und versucht zugleich, sich ein Bild zu machen über ihre Verfassung und die der kleinen Tochter, die mit dem Auszug ins Zentrum der Bemühungen des Jugendamts rücken wird.

Lorenz baut auch auf den Freund der jungen Mutter, den er beim Termin »mal unter die Lupe nehmen will«, wie er vorher gesagt hat. »Erzählen Sie mal von sich«, ermuntert er den jungen Mann, der die Vaterrolle einnehmen soll und dazu offensichtlich auch bereit ist. »Ich hab's angenommen wie meins«. Die Kleine zeigt dazu mit dem Finger auf ihn: »Das ist mein Papa.« Der derzeit Arbeitslose könnte vorerst auch die Betreuung des Kindes übernehmen.

Aus den Dreien soll nun also eine funktionierende Familie werden. Zugleich ist spürbar, dass Lisa sich fürchtet, aus der Wohngruppe auszuziehen. »Wenn's sein muss, gehe ich halt«, sagt sie leise. Sie ist unsicher, fürchtet Fehler zu machen: »Keiner guckt nach mir, wenn ich was falsch mache.«

»Du machst es gut«, lobt Lorenz die junge Mutter. »Niemand macht's perfekt.« In den drei Jahren in der Wohngruppe haben die Pro-Juventa-Mitarbeiter vor allem Wert darauf gelegt, eine gute Mutter-Kind-Beziehung zu etablieren. Das ist gelungen nach Lorenz' Einschätzung. Damit sei viel erreicht.

Lisa hat Energie. Anders als viele andere junge Mütter versucht sie, ihre Ausbildung durchzuziehen. Das sei wirklich eine Ausnahme, betont Lorenz.

»Wenn's schief geht, bin ich in den Schlagzeilen«, weiß Lorenz. Dann wird man in der Vergangenheit bohren. Und erfahren, dass es Anzeichen gab dafür, dass Lisa nicht immer die perfekte Mutter ist. Dass sie gerne lange schläft und sich dabei von der Tochter nicht stören lässt. Dass sich die Kleine dann selbstständig beschäftigt und schon mal mit der Nagellackflasche herumhantiert und sie geöffnet hat, dass sie einmal erwischt wurde, wie sie einen Stuhl ans Fenster gestellt und es geöffnet hat. »Warum stehst du auf, wenn du arbeiten gehen musst, aber nicht, wenn dein Kind schreit«, fragt Norbert Lorenz, und Lisa hat keine Antwort.

»Wenn was schief geht, bin ich in den Schlagzeilen«
 

Eine Familienhilfe, die zweimal die Woche kommt, soll Lisa nach dem Auszug zwei Jahre lang unterstützen, beraten, Probleme regeln, Erziehungstipps geben. »Könnt Ihr Euch das vorstellen?, fragt Lorenz. Lisa ist nicht begeistert. »Ich will nicht jeden in meinem Haus haben. Das ist meine Privatsphäre.«

Lorenz macht deutlich, dass er eine Einwilligung wünscht. »Wir haben schon Fälle gehabt, wo die jungen Mütter überfordert waren. Es bleibt Restrisiko auch für mich. Bitte nehmt die Hilfe an.«

Der Sozialarbeiter macht der jungen Frau vorerst keine zeitlichen Vorgaben, macht aber unmissverständlich deutlich, dass er »sichtbare Schritte in die Selbstständigkeit« erkennen möchte.

Vages Kopfnicken. Lisa möchte Lorenz ganz offensichtlich nicht verärgern. Sie scheint froh über die Unterstützung der Behörde. Auf Nachfrage hat sie nur einen Kritikpunkt am Jugendamt: Es wäre ihr lieb gewesen, wenn in den vergangenen Jahren mehr Gespräche stattgefunden hätten. Nach gut eineinhalb Stunden ist das Gespräch beendet. Ein weiteres Treffen wird zwei Wochen später angesetzt. Lorenz sorgt sich um die junge Frau, hat »Bauchweh«, wie er zugibt. Aber er sagt ihr auch, dass er zuversichtlich ist: »Du kannst das packen.«

Bald wird Norbert Lorenz maßgeblich mitentscheiden müssen, ob es verantwortbar ist, die junge Mutter mit ihrem kleinen Mädchen in die Selbstständigkeit zu schicken. Er wird entscheiden aus den Fakten, aus dem Bauchgefühl und seiner 29 Jahre langen Berufserfahrung heraus und dabei wissen: »Wir haben nie hundert Prozent Sicherheit, auch nicht bei der besten Risikoeinschätzung.« (GEA)


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