Jubiläum - 50 Jahre Orschel-Hagen: Festwoche beginnt mit Ausstellungseröffnung im Jubilate-Gemeindezentrum

»Ein starkes Stück Reutlingen«

VON ULRIKE GLAGE

REUTLINGEN. Die Festwoche zum 50. Geburtstag von Orschel-Hagen ist eingeläutet - unspektakulär vielleicht, aber dafür umso informativer: Im Jubilate-Gemeindesaal wurde gestern die Fotoausstellung »50 Jahre Orschel-Hagen« eröffnet.

Großes Interesse zum Jubiläums-Auftakt: Eine Fotoausstellung im Jubilate-Gemeindezentrum dokumentiert die städtebauliche Entwicklung Orschel-Hagens.
Großes Interesse zum Jubiläums-Auftakt: Eine Fotoausstellung im Jubilate-Gemeindezentrum dokumentiert die städtebauliche Entwicklung Orschel-Hagens. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Zentrales Thema in Bild und Wort war die städtebauliche Entwicklung der »Gartenstadt«, auf die Reutlingens Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz und Professor Franz Pesch von der Universität Stuttgart eingingen.

Lebendig und liebenswert


Das Interesse war groß, die Organisatoren kamen mit dem Stühleschleppen kaum hinterher - und am Ende mussten doch noch etliche Zuhörer im Stehen den Vorträgen lauschen. Viele von ihnen waren offenbar echte Ureinwohner von »Orschel«: Lebhaft wurde es immer dann, wenn Bilder aus den Anfangsjahren - etwa von der guten, alten Straßenbahn - gezeigt wurden.

Die große Resonanz auf die Ausstellung beweise einmal mehr, so Ulrike Hotz, dass Orschel-Hagen ein ausgesprochen lebendiger Stadtteil sei, liebenswert noch dazu und »gut zum Leben«. Und das von Anfang an: Die Baubürgermeisterin skizzierte die Entstehung der Siedlung, die als Antwort auf die wohnungspolitischen Herausforderungen der Nachkriegszeit und den beginnenden Wirtschaftsaufschwung zu werten sei.

Zwischen 1950 und 1957 wuchs Reutlingen rasant. Siedlungen wie die Römerschanze oder Voller Brunnen entstanden, doch wegen der großen Nachfrage wurde das Bauland immer teurer. Deshalb beschloss der Gemeinderat am 25. September 1958 - ihr Geburtstag, verriet Ulrike Hotz -, eine neue Siedlung in den Gewannen Orschel und Hagen auf städtischer Fläche zu bauen.

Zugute kam den Reutlingern bei ihrer Stadterweiterung ein Förderprogramm der Regierung, dass schon damals städtebauliche Wettbewerbe und hohe Qualität verlangte. Hotz schlug den Bogen zur Gegenwart, verwies auf aktuelle Wettbewerbe - etwa für die City Nord - und das hohe Gut der Bürgerbeteiligung. Die sei auch dann vorgesehen, wenn es um die Süd-Erweiterung der Gartenstadt gehe.

Orschel-Hagen, so Ulrike Hotz, sei in mehrfacher Hinsicht ein ganz besonderer Stadtteil. Schließlich sei er, eine Premiere in Reutlingen, nach den Kriterien »Licht, Luft und Sonne« der Charta von Athen geplant, verfüge über ein eigenes Heizwerk und die wichtigsten Infrastruktur-Einrichtungen. Lebendig also, aber dennoch ruhig, denn der Durchgangsverkehr wurde beschränkt. »Das alles führt zu einer hohen Wohnqualität, damals wie heute.« Und, schlussfolgerte die Bürgermeisterin: Orschel-Hagen sei auch für die Zukunft gut aufgestellt.

Noch mehr über die Entstehung »ihrer« Gartenstadt erfuhren die Zuhörer von Professor Franz Pesch vom Städtebauinstitut der Universität Stuttgart. Die Idee der durchgrünten, aufgelockerten Siedlung als Kontrapunkt zum dicht bebauten großstädtischen Moloch kam Ende des 19. Jahrhunderts in England auf. In Deutschland wurde sie insbesondere in der Nachkriegsära umgesetzt, als, so Pesch, der dringendste Wohnbedarf gedeckt war.

Die Jungen sind weggezogen


»Nicht Wiederaufbau, sondern Qualität war gefragt. Das signalisieren die von der GWG gebauten Häuser.« Planungsgrundlage für die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft war der Sieger-Entwurf des Wettbewerbs von Professor Max Guther aus Darmstadt mit seinem schmetterlingsförmigen Stadtgrundriss und der grünen Mitte.

»Es braucht Anstrengung, aus dem Nichts einen Stadtteil zu bauen«, betonte Pesch. In Orschel-Hagen sei das sehr gut gelungen, auch wegen der unterschiedlichen Bau- und Wohntypologien - angefangen vom normalen Geschosswohnungsbau über Hochhäuser bis hin zu kleinen Bungalows, was letztlich die Lockerheit der Siedlung ausmache.

Geplant war Orschel-Hagen für 8 000 Bewohner, am Ende der Ausbauphase 1970 waren es 9 400. Heute leben in der Gartenstadt nur noch 6 600 Menschen: Die Jungen sind weggezogen, überdurchschnittlich viele Orschel-Hagener sind über 65 Jahre. »Das sind Menschen, die gerne hier leben, aber auch neue Bewohner haben wollen, damit es ein funktionierendes Siedlungsgebiet bleibt«, so der Stuttgarter Professor zu den Herausforderungen der Zukunft.

In die, meinte auch Franz Pesch, können die Orschel-Hagener mit Zuversicht schauen. Sie hätten allen Grund, stolz auf ihre Gartenstadt zu sein. Und, so der Städtebauexperte: Mit gezielten Anpassungen an heutige Standards im Wohnungsangebot, in öffentliche Dienstleistungen und in der Nahversorgung werde Orschel-Hagen auch in den nächsten 50 Jahren »fit und ein starkes Stück Reutlingen« sein. (GEA)



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