Diskussion - Katholische Kirche in Reutlingen stellt sich dem Thema »sexueller Missbrauch und Misshandlungen«
»Die Unfehlbarkeit bröckelt«
Von Andreas Dörr
REUTLINGEN. »Es ist ein Abend, den wir uns vor einem halben Jahr noch nicht hätten vorstellen können«, sagt Dekan Robert Widmann und zehn Zuhörer nicken. Das Thema, zu dem die katholische Kirche in Reutlingen eingeladen hat, lautet: »Was ist los in meiner Kirche - Gesprächsabend für Zweifelnde«.
Stellten sich schwierigem Thema (von links): Thomas Münch, Gabriele Derlig, Robert Widmann, Eva Mack und Meinrad Dusba.
FOTO: Andreas Dörr
»Wir wollen die faktische Mauer des Schweigens brechen«, steckt Dekanatsreferent Thomas Münch den Rahmen ab. Im vergangenen Jahr habe es »lawinenartige« Entdeckungen gegeben im Hinblick auf sexuellen Missbrauch durch Priester. Das Publikum im Dekanatshaus in der Schulstraße 28 dürfe seinem Ärger also durchaus Luft machen.
Neben Widmann und Münch ist Gabriele Derlig Ansprechpartnerin. Die Erzieherin vertritt den Diözesanrat der Diözese Rottenburg-Stuttgart in der achtköpfigen Kommission »Sexueller Missbrauch«. Vier Mitglieder kommen aus dem bischöflichen Ordinariat, die anderen vier, darunter Derlig, sind unabhängig. Opfer sexuellen Missbrauchs können sich an diese Einrichtung wenden. Derlig ist seit 2005 Mitglied. Seit 2002 gibt es diese Kommission. Sie wurde gegründet, als Missbrauchsfälle in den USA und Irland bekannt wurden.
Der Opferschutz habe »oberste Priorität«, sagt Derlig. »Und für die Kirche verjähren diese Taten nicht.« Wie wichtig der Kommission die Aufarbeitung der Fälle sei, zeige sich auch daran, dass seit Mai ein Staatsanwalt in der Kommission sitzt. »Das ist ein sicheres Zeichen, dass Vorkommnisse nicht intern geregelt werden.«
Von »massiven Auswirkungen« auf die Opfer durch sexuellen Missbrauch berichtet Eva Mack. Die Diplom-Psychologin von der psychologischen Beratungsstelle für Ehe-, Familie- und Lebensfragen, eine Beratungsstelle, die von der katholischen Kirche getragen wird, nimmt die Kirche aber auch hinsichtlich der Täter in die Pflicht: »Sie hat auch ihnen gegenüber eine Verantwortung.«
Derlig warnt auch davor, Priester in Generalverdacht zu nehmen. Sehr viele Priester seien verunsichert. »In was für armselige Zeiten würden wir gehen, wenn Priester junge Menschen nicht mehr tröstend in die Arme nehmen dürfen?« Die Fälle bewegten sich darüber hinaus im »Promillebereich«, wird Derlig im Laufe des Abends feststellen.
»Was passiert mit unserer Kirche?«
Auf die Frage aus dem Publikum, ob die Berichterstattung in den Medien über die körperliche Züchtigung »nicht übertrieben« wird, sagt der katholische Schuldekan Meinrad Dusba, er kenne keinen Fall von sexuellem Missbrauch an einer der zahlreichen Schulen, an denen er arbeitet. Laut Dusba leben die Lehrer heute »in schwierigen Zeiten«. Kinder an den »Haaren zu ziehen und zu sagen, jetzt ist aber genug, ist heute nicht mehr hinnehmbar.« Beim Thema Gewalt gegen Kinder reagiere die Gesellschaft »sehr sensibel«.
»Was passiert mit unserer Kirche«, will nach einer Stunde eine Frau aus dem Publikum wissen. »Warum gibt es so einen Apparat, der so etwas zulässt?« Sie sei zornig und erwarte, »dass sich die Kirche erneuert. Das Verstockte muss weg«, sagt sie und sie sagt auch: »Die Unfehlbarkeit der Kirche bröckelt.«
Die »Mauer des Schweigens, des Verschleierns, des Versteckens« sei in den 60er- und 70er-Jahren ein gesamtgesellschaftliches Phänomen gewesen, weiß Dusba. Trotzdem müssten Verfehlungen »an den Pranger gestellt werden. Da haben wir in der Vergangenheit Fehler gemacht«.
Dafür, dass sie ihrem Ärger Luft macht, bekommt die Frau Zuspruch von Eva Mack. »Es braucht mehr Menschen, die sich empören.« Die Kirche müsse sich zu ihrer Fehlerhaftigkeit bekennen. Darüber hinaus müsse die »Sexualität von Priestern auf den Tisch«. Sie müsse in der Ausbildung Thema sein.
Dekan Robert Widmann kontert Macks Forderung mit dem Hinweis, die Sexualität von Priestern sei sehr wohl ein Thema in der Ausbildung. »Ich wehre mich gegen die Generalisierung, Priester lebten hinter dem Mond.« Dusba gibt auch zu bedenken, dass sich sexuelle Veranlagungen »durch kein Überprüfungsverfahren und durch keine Ausbildung aussieben« lassen.
Darüber hinaus gebe es Priester und Lehrer, die selbst Opfer seien. Es gebe pubertierende Mädchen, »die es darauf anlegen, Erwachsene zu verführen«, sagt eine Frau aus dem Publikum. »Aber Erwachsene müssen ihre Grenzen kennen«, sagt Mack, die die Frau mit dieser Antwort nicht zufriedenstellt. »Wird hier nicht zu sensationsheischend berichtet? Wird hier nicht etwas aufgebauscht, ohne dass man der Sache auf den Grund geht?« Basiere die Diskussion nicht auf der Sensationsgier der Medien, fragt die Frau, die Unterstützung bekommt von einer anderen Dame: »Die Leute wollen der Kirche Schaden zufügen.«
Veränderungen mahnt indes auch Gabriele Derlig an. Die Kirche dürfe sich nicht länger als unfehlbar hinstellen, sagt die Erzieherin, die mit dem Auftreten mancher Würdenträger Schwierigkeiten hat. »Ich kenne Bischöfe, die sich ihrem Volk mit einer Arroganz nähern, da muss ich mich umdrehen.«
»Wir müssen Opfern und Tätern helfen«
Für diesen Satz bekommt Gabriele Derlig Beifall und auch ihr Hinweis, dass der Augsburger Bischof Walter Mixa nur durch öffentlichen Druck aus dem Amt geschieden ist, bleibt vom Publikum unwidersprochen. »Wir müssen Opfern und Tätern helfen, und das Problem gleichzeitig größer angehen. Wir müssen Transparenz einklagen«, sagt Derlig, die die Befürchtung äußert, dass innerhalb der Kirche Ruhe einkehrt, wenn das Thema Missbrauch medial abebbt. (GEA)
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