Reutlingen
Erziehung - Thema Neue Medien und ihre Auswirkungen auf Heranwachsende füllt Schulmensa bis auf letzten Platz

»Dein Vater wird stolz auf dich sein«

REUTLINGEN. Computerspielen, Chatten, SMS verschicken und erhalten: Die Mediengesellschaft bombardiert ihre Mitglieder ohne Unterlass. Was passiert, wenn das digitale Bombardement exzessiv auf Kinderhirne trifft? Dieser Frage gingen die Tübinger Kriminologin Dr. Ursula Gasch und Michael Hampel, Jugendsachbearbeiter bei der Reutlinger Polizeidirektion, an einem Informationsabend in der Mensa der Hermann-Hesse-Realschule in Reutlingen nach.

Spielsucht am Computer: auch in der Jugendarbeit ein Thema. ARCHIVFOTO: DPA
Abgetaucht in die eigene Welt: Jugendlicher beim Counter-Strike-Spielen. ARCHIVFOTO: DPA
Nach dem Amoklauf von Winnenden ist das Thema wieder ganz brisant. Entsprechend war die Schulmensa bis auf den letzten Stuhl gefüllt mit besorgten Eltern. Michael Hampel machte gleich zu Beginn des Abends deutlich: »Nicht jeder Computerspieler ist ein Amokläufer. Aber alle Amokläufer waren Computerspieler«. Und Ursula Gasch präzisierte: »Wir zeigen, zu was der Medienkonsum führen kann, nicht muss.«

Einen Zusammenhang von exzessivem Medienkonsum bei Kindern und Gewalt sieht die Diplom-Psychologin unter anderem durch eine Statistik hergestellt: Die Tatverdächtigenbelastungszahl sinkt seit 1993. Nur die Gewaltdelikte nehmen zu. Und zwar vor allem und ganz massiv bei den unter 14-Jährigen.



Bei gefährdeten Jugendlichen seien neben der »intensiven Nutzung gewalttätiger Medieninhalte« oft noch andere Indikatoren zu finden: Schulschwänzen, Alkohol, sonstige Drogen, aber auch ein delinquenter Freundeskreis, also der Umgang mit Heranwachsenden, die bereits auf die schiefe Bahn geraten sind. Gasch beruft sich auf Studien von Christian Pfeiffer, Direktor des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (Anmerkung der Redaktion: der allerdings in seinen Analysen nicht unumstritten ist und zuletzt auffiel, weil er sich mal für das Verbot von Killerspielen, mal dagegen ausspricht).

Das jugendliche Gehirn ist in der Pubertät offensichtlich leichte Beute: »Die Gehirnstrukturen sind noch nicht da, mit denen Kinder ihr Verhalten wie Erwachsenen steuern können«, sagte Gasch. Der präfrontale Cortex, der Aufpasser, der Vernunft gebiert, Impulse kontrolliert, aber auch Gefühle angemessen deutet, beginnt mit einsetzender Pubertät erst zu wachsen. Ein Prozess, der laut Gasch erst um die 20 abgeschlossen ist. Die Folgen »der Umstrukturierung im Teenagerhirn« seien die üblichen Pubertätserscheinungen: von den Fehlinterpretationen zwischenmenschlicher Signale bis zur ausgeprägten Risikofreude.

Frühe Weichenstellungen

Beim Hirnreifungsprozess spielt Dopamin eine wichtige Rolle. Dummerweise ist das Hormon nicht nur beim Lernen, sondern auch beim Süchtigwerden am Werk, weil es angenehme Ereignisse markiert. So werden laut Gasch synaptische Verschaltungen etabliert, die später schwer zu ändern sind.

Das Spielen von Gewaltvideos hat laut Gasch messbare Folgen. Es sei »die erste Aktivität, bei der Forscher die Aktivierung des Dopaminsystems ohne Verwendung eines Suchtstoffes direkt nachweisen konnten.« Auch andere, wie die Kriminologin sagte, »unpassende Medienerfahrungen« behinderten die normale Entwicklung des Kindes.

Die Folgen reichten von sprachlicher Verarmung, Konfliktunfähigkeit und Aggression über Suchtverhalten, Persönlichkeitsveränderungen bis hin zum Suizid und seiner »erweiterten« Variante, dem Amoklauf.

Nach einer mit wohlschmeckenden Häppchen gefüllten Pause zeigte Polizei-Jugendsachbearbeiter Hampel Bilder und Filmsequenzen, um den Anwesenden zu verdeutlichen, was den Heranwachsenden da so alles ins Hirn flimmert. Hampel erzählte von exzessiven Computerspielern in der Reutlingen, unter anderem von einem Jungen, der jeden Abend von 23 Uhr bis morgens um fünf vorm Computer saß. Was ihm allein schon aus Müdigkeit einen rasanten Abstieg vom Gymnasium in die Hauptschule bescherte. Die Mutter will davon nichts bemerkt haben, weil sie immer um 22.30 Uhr ins Bett geht.

Computerspiele locken nicht nur mit Gewalt, machte Hampel auch deutlich. »Dein Vater wird stolz auf dich sein«, dröhnte es Dopamin steigernd aus einer der exemplarisch gezeigten PC-Spielszenen. Und wenn's nicht geklappt hat, kann der Spieler einfach eine neue Runde starten: In der virtuellen Welt sind Misserfolge leicht revidierbar.

Hampel ließ erkennen, dass er aus seiner beruflichen Erfahrung heraus weniger die Computerspiele fürchtet. »Für mich ist das Handy ein zentrales Problem.« Von der Kamera bis zum Internetzugang liefert das Telefon alles, was der Heranwachsende »braucht«. Über Schülerhandys finden beispielsweise Pornoseiten weite Verbreitung, die aus dem Internet heruntergeladen wurden. Notfalls werden die Pornostreifen auch selbst gedreht, wie unlängst an einer Reutlinger Schule von ein paar 13-Jährigen.

Getauscht wie früher Auto-Sammelbildchen werden auch »Snuff-Videos«: Filmsequenzen, die beispielsweise die Hinrichtung von Saddam Hussein zeigen. Hampel hatte eine Sequenz im Gepäck, in der einem jungen Mann der Kopf abgeschnitten wird. »Wir vermuten, dass auch dies kein gestelltes Video ist«, betonte er zum Grausen der Zuschauer. Beim »Happy Slapping« werden fingierte oder echte Schlägereien mit dem Handy gefilmt und weitergesendet. Hampel berichtete von sechs Reutlinger Schülerinnen, die eine Mitschülerin verprügelt hatten. Die ermittelnden Polizisten fanden die gefilmte Szene im Handy - im Ordner »lustig«.

Auch das Internet wird genutzt, andere zu demütigen, weiß Hampel. Zum netten Bild der Schulleiterin wird ein unziemlicher Untertitel gestellt und über ein Forum verbreitet. »Cyberbullying« heißt das. Hampel hatte jede Menge Beispiele dabei, wie Kinder in Reutlingen Täter, oft genug aber auch Opfer von Straftaten werden, die die Neuen Medien überhaupt erst ermöglichen. Auch von Erwachsenen droht den Kindern Gefahr. Alltagsgeschäft bei der Polizei sind mittlerweile Kinder, die beim Chatten Opfer von Pädosexuellen werden.

Nach durchschnittlich vier Minuten landen die Kinder bei solchen Erwachsenen, die sich als Jugendliche ausgeben und die Arglosen beispielsweise zu sexuellen Handlungen ermuntern. Hampel wundert sich in diesem Zusammenhang über die arglose und freizügige Weitergabe von Persönlichem. »Vor allem die Mädchen haben einen Hang sich darzustellen.« (GEA)

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