AUF STIPPVISITE - In der Notaufnahme im Klinikum am Steinenberg herrscht rund um die Uhr Ausnahmezustand
»Das ist ein Hochrisikoarbeitsplatz«
VON CLAUDIA HAILFINGER
REUTLINGEN. »Das ist ein Hochrisikoarbeitsplatz«, fasst Dr. Zsuzsa Märkle ihren Job in der internistischen Notaufnahme zusammen. Warum das so ist, liegt auf der Hand. Kommt ein Patient als Notfall ins Krankenhaus, ist häufig zunächst völlig unklar, was ihm fehlt. »Das steht keinem auf die Stirn geschrieben«, fasst es die Oberärztin zusammen. Der eine Patient laufe zur Tür herein, entschuldige sich dafür, dass er störe und müsse fünf Minuten später nach einem Herzinfarkt wiederbelebt werden. Der Andere werde mit dem DRK-Wagen eingeliefert, ohne dass etwas Schwerwiegendes festgestellt werden kann.
Oberärztin Dr. Zsuzsa Märkle horcht einen Patienten in der Notaufnahme ab. Nicht jeder verhält sich dabei so friedlich wie dieser junger Mann. GEA-FOTO: HAILFINGER
Für den behandelnden Arzt bedeutet das, Verantwortung zu übernehmen. Es bedeutet, sich der Herausforderung einer nicht kalkulierbaren Situation zu stellen. Um den Ernst der Lage richtig einschätzen zu können, wird jeder Notfall-Patient deshalb zunächst einem Sichtungsverfahren unterzogen. Bei der sogenannten »Triage« wird ein meist diffuses Beschwerdebild mit messbaren Werten fassbar gemacht.
Reihenfolge nach Dringlichkeit
Dazu werden etwa der Blutdruck, der Puls und der Blutgaswert ermittelt. Außerdem wird der Patient zu Risikofaktoren und Vorerkrankungen befragt. Schließlich muss abgeschätzt werden, ob für den Eingelieferten eine akute vitale Gefährdung besteht, und wie sehr er unter der Situation leidet. Erst dann kann eingeschätzt werden, wer dringend behandelt werden muss, und wer noch warten kann. Auf der Notfall-Station sind schließlich nur vier Einzelzimmer und sieben Behandlungsplätze vorhanden. Wer kein »tagesgleicher Notfall« ist, das heißt, nicht sofortiger Behandlung bedarf, muss sich gedulden. So erklären sich die zum Teil längere Wartezeiten auf der Station.
Meist klagen die Erkrankten über Kopf-, Bauch- oder Brustschmerzen, über Atemnot oder Schwindel, erzählt Märkle. Die erste Anlaufstelle bei Beschwerden sollte allerdings, und das betont die Ärztin, der Hausarzt beziehungsweise der kassenärztliche Notarzt sein. Im schlimmen Fall kann der Rettungsdienst gerufen werden. Viel zu viele weisen sich nach eigenem Gutdünken selbst ein, was den Verkehr in der Notaufnahme massiv aufhält, gibt sie zu bedenken. Und der reißt zwischen 10 Uhr morgens und 22 Uhr am Abend kaum ab.
Durchschnittlich drei Stunden verbringen die Patienten auf der Station, wobei sechzig Prozent nach einer Untersuchung wieder nach Hause geschickt werden können. Die Hälfte der 24 000 stationär behandelten Patienten im Jahr, kommen durch die Notaufnahme ins Haus, berichtet Eckhard Zieker, Pressesprecher des Klinikums am Steinenberg. Somit sei sie das »Tor zum Haus«.
Machen angsteinflößende Erkrankungen wie die Schweinegrippe oder der Norovirus die Runde, herrscht Ausnahmezustand, weiß Märkle. Dann müssen die zwei Ärzte und zwei Pfleger - die Mindestbesetzung der Station - Höchstleistungen erbringen.
Gearbeitet wird immer rund um die Uhr, Schichtdienst ist Arbeitsalltag, Teamarbeit so wichtig wie nirgendwo anders. Leib und Wohl seien regelmäßig dann bedroht, wenn Betrunkene eingeliefert werden. Der Rausch hat sie, so Märkle, nicht selten aggressiv werden lassen. Immer wieder müsse die Polizei zur Hilfe gerufen werden. Um gezielte Böswilligkeiten oder gar Racheakte im Nachhinein zu vermeiden, tragen die Helfenden allesamt nur ihre Vornamen auf den Namensschildern. Damit auch in Ausnahmesituationen besonnen gehandelt werden kann, haben zudem alle auf der Station ein Deeskalationstraining absolviert.
Neue Räumlichkeiten im Bau
»Eine Stelle hier muss bewusst ausgesucht werden«, macht die Oberärztin die Lage deutlich. Einfach zugeteilt werde niemand. Sie selbst hat die Freude an der Arbeit aber noch nicht verloren. »Äußerst spannend und reizvoll« sei diese für sie. Und man nimmt es ihr ab. Schon seit 15 Jahren ist sie im Kreiskrankenhaus tätig, ist gelernte Internistin und Diabetologin, war lange Zeit auf der Intensivstation sowie im Notarztwagen im Einsatz und wirkt dennoch erstaunlich unbeschwert.
Ganz besonders freut sie sich auf die vielversprechende Zukunft der Notaufnahme im Haus: Im momentan entstehenden Neubau wird eine ganze Etage mit »hervorragenden Räumlichkeiten« zur Verfügung stehen. Eine zentrale Notaufnahme wird es geben, in der interdisziplinär gearbeitet werden kann. Für Patienten wird diese dann die Hauptanlaufstelle sein, strapaziöses Umherirren soll so vermieden werden.
Was sich die engagierte Ärztin noch wünscht? Mehr erfahrene Ärzte, speziell für die Notaufnahme. Und einen räumlich an das Krankenhaus angedockten kassenärztlichen Notarzt. Das würde ihr das Leben leichter machen. (GEA)
++Während der Sommerferien machte die GEA-Lokalredaktion Stippvisiten im Klinikum am Steinenberg. Besucht wurden zehn Bereiche, die für Patienten in aller Regel unzugänglich sind. Der Streifzug führte vom Keller bis hinaus zum Hubschrauberlandeplatz. (GEA)
Stippvisite
FOTO: Hailfinger